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die 60is in Brasilien in der Kunsthalle Wien

Ausstellung in der Kunsthalle Wien: Tropicália bis 2.5.2010

Tropicália entstand aus dem Geist jenes Anthropo-phagischen Manifests, das der Modernist Oswald de Andrade in den 20er-Jahren geschrieben hatte: Darin ging es um das Verschlingen fremder Kulturen, um die kritische Appropriation von Kunst-, Musik- und Modeströmungen aus der Ersten Welt und um ein Konzept der Hybridität, das aus Partikeln und Fragmenten kultureller Artefakte eine Art ästhetischen Metabrasilianismus konstruierte.

Tropicália sei eine neue kritische Sprache, schrieb der Sänger Chico Buarque de Hollanda: eine, die auf der Ebene der alltäglichen Kommunikation interveniere. „Der Mythos des Tropikalismus ist viel mehr als Papageien und Bananenbäume,“ heißt es in einem der zahlreichen thesenhaften Texte Hélio Oiticicas.

Ohne explizit politisch zu sein, richten sich die vitale Energie, die Lust am schrillen Spektakel und die Öffnung des kulturellen Handlungsfeldes für die Bewohner prekärer Lebenswelten vor allem gegen die bleierne Zeit des brasilianischen Militärregimes, das mit einem Coup im Jahr 1964 den relativ demokratischen Verhältnissen ein Ende gemacht hatte.

Die kulturellen Aktivisten stellten der Monotonie und Monochromie der Epoche die reiche kulturelle Diversität des Landes gegenüber, die auf vielschichtige, oft uneindeutige Weise ästhetisch neu bewertet wurde. Nicht zur Freude der orthodoxen Linken, die ihr holzgeschnitztes Weltbild bedroht sah und den Tropikalismus als reaktionäre, regressive Kunstform verurteilte:

Doch die Künstler, Musiker, Filmer, Theatermacher und Dichter, die sich mit der Idee identifizierten, wollten keine simplen ideologischen Lösungen anbieten, sondern die offizielle Version der brasilianischen Kultur unterminieren, die eine Einheit in der Vielfalt behauptete, die so nie existiert hatte.

Der Tropikalismus arbeitete mit allegorischen Impulsen, Widersprüchen und paradoxen Gegenüberstellungen, die sich einer eindimensionalen Lesart entgegenstemmten. „Zeichnen nach der Natur hat mich nie interessiert“, sagte Antonio Dias, auch er ein bedeutender Mitgestalter von Tropicália. „Dagegen hat mich die innere Natur, die Psyche oder die politische Natur immer sehr beschäftigt.“  

Die Ausstellung präsentiert mit Schlüsselwerken wie Tropicália von Hélio Oiticia oder Baba antropofágica von Lygia Clark sowie wichtigen Werkgruppen von Nelson Leirner, Rubens Gerchman, Anna Maria Maiolino und Lygia Clark einen historischen Querschnitt durch die künstlerische Vielfalt des kurzen Sommers der künstlerischen Anarchie.

Weiters wird gezeigt, wie der kreative Impuls, der von Tropicália ausging, in Arbeiten zeitgenössischer (exil)brasilianischer Künstler wie Ernesto Neto oder Rivane Neuenschwander und Cao Guimarães bis zum heutigen Tag weiterwirkt.

Kurator: Thomas Mießgang

Museumsplatz 1, A-1070 Wien | täglich 10 – 19 Uhr, Do 10 – 21 Uhr | Infoline +43-1-52189-33 | www.kunsthallewien.at

Claudia Bauer + Katharina Murschetz

Rückfragehinweis: presse@kunsthallewien.at

+43-1-52189-1224  

Abbildungen

Artur Barrio, “Situação…………Orhhhhhhhhhh”, 1969 © der Künstler/the artist, Courtesy der Künstler und/the artist and Galeria Millan, São Paulo

Singer and composer Caetano Veloso wearing Oiticica’s Parangolé P4 Cape 1, 1968 © Projeto Hélio Oiticica, Rio de Janeiro, Brazil