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Pionier der “konzeptuellen Malerei”

Ausstellung in Berlin: SINNLICH UND KONZEPTUELL ZUGLEICH DIE ABENDBILDER VON H. P. ADAMSKI vom 17.12 bis 28.1.2012

Sie tauchen aus den tiefen Tiefen des Bildraums auf. Geheimnisvolle körperlose Wesen. Unmittelbar an der Oberfläche der Bildebene. Da, wo Bildwelt auf Realität trifft. Schwarz ist der Bildraum. Er könnte für das unermessliche Universum stehen. Sieht man genauer hin, ist der Hintergrund der Bilder aber nicht einheitlich schwarz. Er pulsiert vielmehr – wie der “Weltraum”. Dunkelschwarze und schwarzgraue Partien wechseln sich ab. Hier sogar ein heller Fleck wie der Widerschein eines leuchtenden Sterns. Manchmal wird auch der Schwung der Pinselführung sichtbar. Dennoch weist der flache Bildgrund eine unerhörte Tiefe auf.

Die Ursache: Hans Peter Adamski, der Autor der Gemälde, hat Jute aus der Sackfabrik als Träger für das Bildgeschehen verwendet statt Leinwand. Ein erheblich gröberes Material, das die Farbe förmlich in sich einsaugt und ihr Körper verleiht. Das hohe Maß an physischer Dichte der Gemälde wirkt sich auf die Modalitäten ihrer Anziehungskraft aus. Auf diese Weise appellieren die Gemälde zugleich an den Seh- wie an den taktilen Sinn der Betrachter.

Sehen und Fühlen verschmelzen in der Wahrnehmung wie Raum und Fläche. So sind die körperlosen Wesen nicht das, was sie zu sein vorgeben. Wie überhaupt nichts ist, wie es der erste flüchtige Blick suggeriert. Denn erst aus der Distanz zu den Bildern entwickeln sich die geisterhaften Wesen zu Figuren. In Wirklichkeit bestehen sie aus skizzenhaften Strichen und Linien unterschiedlicher Länge und Stärke. Mitunter verwirren sich die Striche und Linien zu unentwirrbaren Knäueln, aus denen sich dann im Prozess einer sorgfältigeren Wahrnehmung Physiognomien und Umrisse kristallisieren. Physisches blitzt plötzlich auf. Die Striche und Linien selbst sind auch nicht so eindeutig, wie man zunächst meint. Einerseits handelt es sich bei den weißen Strichen tatsächlich um Kürzel. Sie wirken wie Glanzlichter. Anderseits schimmert neben und unter den weißen Glanzlichtern die ockere Farbe der Jute durch. Das Basismaterial unter dem Farbüberzug wird sichtbar, und die Linien muten wie Einkerbungen an, obwohl sie tatsächlich vom Farbauftrag frei gehalten wurden. Mitunter setzen sich die Linien unter einer der aufgetragenen Farbschichten fort und kristallisieren sich. Erst durch die Interaktion von Strichen und Linien, von Positiv und Negativ sozusagen, entsteht in der Vorstellung der Betrachter die Figur.

Adamski, ein Pionier der “konzeptuellen Malerei” und Mitbegründer der legendären “Mülheimer Freiheit”, die allzu früh von der Kunstszene verabschiedet wurde, hat sich eines verblüffenden Verfahrens bedient, um die vertrauten Darstellungsmuster umzukehren und die Wahrnehmung herauszufordern. Den großformatigen Gemälden liegen winzig kleine Papierblättchen, Miniaturen gleichsam, zugrunde. Skizzen, mit Kugelschreiber ausgeführt. Zeugnisse meditativer Exerzitien vielleicht, und weniger spontan, als es scheint. Der Künstler hat diese Skizzen mit Hilfe eines Projektors auf die aufspannte Fläche aus Jute transponiert und durch die Projektion überproportional aufgeblasen. Nach dem Auftrag der Farbe verwandelte sich das Positiv des hellen Papierfonds in das Negativ der schwarzen Malfläche aus Acryl und Öl.

Dabei bleibt das Skizzenhafte der Vorlage im vollendeten Gemälde ohne Verlust erhalten. Eine handwerkliche Übertragung der Linien und Striche auf die große Bildfläche würde den Eindruck der Spontaneität zerstören. Die Abendbilder von Hans Peter Adamski demonstrieren überzeugend, dass sich sinnliche und konzeptuelle Malerei gegenseitig nicht ausschließen. Umso weniger, da sie auch als Inbegriff des künstlerischen Schaffens aufgefasst werden können. Die Betrachter seiner Bilder können erfahren, wie aus dem Nichts einer Jutefläche eine eigen-ständige Welt entsteht, indem sie genau hinschauen. Beim Schauen stellen sie bald fest, dass sie sich hin und her bewegen müssen, damit sich Linien und Striche der Bilder zu erkennbaren Figuren fügen, die Farbe zum Universum. Sehen ist eine physische Veranstaltung und keine allein diskursive.

Text von Prof. Klaus Honnef

 

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