Das Automobil ist das wichtigste Kulturgut des 20. Jahrhunderts und spiegelt die gesellschaftliche Entwicklung nicht nur in der westlichen Welt. Es ist technisches Gerät und Werkzeug zur Fortbewegung, bietet das höchstentwickelte und am weitesten verbreitete Interface für Mensch-Maschine-Interaktion − es ist gleichzeitig aber auch Bedeutungsträger, individualisiertes Wohnzimmer, Medium für kleine und grosse Fluchten, Mittel zur Distanzierung und persönlichen Profilierung.
Der Sog der Geschwindigkeit sowie ein neues Raum- und Zeitgefühl war für die (Stadt-) Wahrnehmung und den Rhythmus des modernen Lebens am Anfang des 20. Jahrhunderts prägend. Er ist genuin mit dem Blick durch die Windschutzscheibe verbunden und fährt als filmischer Blick auf die Realität bis heute mit. Die Ausstellung „Fetisch Auto“ zeigt dieses weite Panorama von durch das Automobil inspirierter Kunst mit rund 160 Kunstwerken von 80 Künstlern, u.a. von Giacomo Balla, Robert Frank, Jean Tinguely, Andy Warhol, Gerhard Richter, Chris Burden, Damián Ortega, Richard Prince oder Superflex).
Automobiles "Selbstbewegen" gibt es schon bei den Götterboten. Und just im Jahre 2011 feiert das Auto seinen 125. Geburtstag (1886 entwarf Carl Benz den berühmten Benz-Patentmotorenwagen, das erste Automobil der Welt). Die Ausstellung im Museum Tinguely, architektonisch als Rad mit Achse und radialen Kreissegmenten aufgebaut, setzt mit den radikalen Kunst- und Gesellschaftsentwürfen der Futuristen ein, die den Menschen in einer neuen Ästhetik der Dauerbeschleunigung symbiotisch mit der Maschine verbinden. 1909 propagierte Filippo Tommaso Marinetti im "Futuristischen Manifest" die automobile Raserei und den Rennwagen als neues Schönheitsideal nach dem alten der Nike von Samothrake.
Die Futuristen vergöttern das Reich der Maschine, widmen dem Rennautomobil Gedichte und stimmen einen "Hymnus an den Tod" an. In der bildenden Kunst sind es vor allem Werke von Giacomo Balla und Luigi Russolo, welche Impressionen automobiler Bewegung als Synästhesie von Licht, Schall und Geschwindigkeit im urbanen Raum darstellen. Diese beiden Künstler bilden historisch den Auftakt zur Ausstellung mit einem eigenen Raum, der diesen Rausch der Sinne mit einem Panorama von Werken zeigen will.
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