"Literarisches Leben in Düsseldorf seit 1970" - so lautet der Titel einer Ausstellung, die vom 2. August bis 12. September im Heinrich-Heine-Institut, Bilker Straße 12-14, präsentiert wird. Die Ausstellung lässt die literarische Szene der vergangenen vier Jahrzehnte lebendig werden, erinnert an Ereignisse wie die Lesungen in der Kneipe Sassafras, die langjährigen Autorentreffen NRW oder die Arbeit des Literaturbüros NRW, widmet sich aber auch lebenden wie verstorbenen Personen wie Rolf Bongs, Klas Ewert Everwyn, Dieter Forte, Karlhans Frank, Astrid Gehlhoff-Claes, Peter Glaser, Harald K. Hülsmann, Thomas Kling, Renate Neumann, Rolfrafael Schröer, Niklas Stiller, a.j. weigoni und vielen anderen mehr.
Die Exponate - Fotos, Plakate, Originalhandschriften, Akten, Bücher, Objekte, Klänge - stammen aus den Nach- und Vorlässen des Rheinischen Literaturarchivs im Heine-Institut. Ergänzt werden sie um zahlreiche Leihgaben aus privaten Sammlungen.
"Literarisches Leben" - was ist das eigentlich? Zunächst denkt man an Autoren und ihre Werke, ihre Briefwechsel, ihren Austausch untereinander. Es gibt aber noch viel mehr, nämlich das gesamte soziale, kulturelle Feld, in dem Literatur sich ereignet: Wie sie produziert, also geschrieben und gedruckt wird; wie sie verbreitet, also verkauft oder öffentlich präsentiert wird; last, but not least wie sie vermittelt, rezipiert oder gefördert wird.
Die Ausstellung als Kaleidoskop
Vorrangig geht es also um eine (ökonomische) Infrastruktur: von Autoren, Verlagen, Buchhandlungen, Stiftungen, kulturellen Einrichtungen ebenso wie freien Veranstaltern, Zeitungen und Sendern. Auf diesem Fundament entsteht literarisches Leben, das man sich, etwas allgemeiner ausgedrückt, als Kommunikation durch und über Literatur vorstellen kann: das Reden, Sich-Austauschen, Sich-Besser-Verstehen.
Das betrifft die öffentlichen Diskurse (Presse) ebenso wie private Gespräche, die Literaturinteressierte untereinander führen. Jede Rekonstruktion dieses spezifischen kulturellen Milieus muss ungeheuer viele Details abdecken und integrieren. Die Ausstellung funktioniert daher nach Art eines Kaleidoskops, das eine Vielzahl möglicher Blickwinkel eröffnet, ein Sammelsurium kleinster Bestandteile, die - alle zusammen genommen - dennoch ein Bild ergeben, das Bild mehrerer Jahrzehnte literarischer Aktivitäten in einer Region, einer Stadt. Ein Bild, hier bestehend aus Personen und Institutionen.
Als "Institutionen" bezeichnet Ausstellungskurator Dr. Enno Stahl in diesem Zusammenhang städtische Einrichtungen (Institute, Museen), private Körperschaften (Verlage, Buchhandlungen), aber auch Lesereihen, Literaturzeitschriften oder Literaturpreise. In diesem Teil der Ausstellung wird etwa die Entstehungsgeschichte der Sassafras-Lesungen dokumentiert, aber auch die Veranstaltungsreihen anderer privater Organisatoren.
Auszüge aus den Kulturamts-Akten dienen dazu, einzelne Kapitel der städtischen Förderungspolitik schlaglichtartig zu beleuchten - die Gründung des Literaturbüros ebenso wie die Geschichte des NRW-Autorentreffens. Eine Original-Suppentasse der "Suppenlesungen", die von den Stadtbüchereien über ein Jahrzehnt bis in die 90er-Jahre hinein veranstaltet wurden, markiert ebenso sinnbildlich den Charakter dieser Reihe wie das Original-Gästebuch (mit Autographen berühmter Autoren) die gesamten Lesungsaktivitäten der Stadtbibliothek.
Ein Schwerpunkt: das Literaturbüro
Ein Schwerpunkt gilt dem Literaturbüro und seinen Verdiensten, sogar das "Literaturtelefon" wurde im Rahmen der Ausstellung wiederbelebt. Die wichtigsten literarischen Verlage Droste, Edition Virgines, Eremitenpresse, Grupello, Patmos und der junge Lilienfeld Verlag präsentieren sich mit ihren Materialien und Büchern, ebenso einige Buchhandlungen.
Im Bereich "Personen" werden Rose Ausländer, Rolf Bongs und Dieter Forte mit wertvollen Exponaten aus den Beständen des Heine-Instituts besonders gewürdigt. Zahlreiche andere Autoren, die am Rhein eine Rolle spielten oder spielen, werden kurz vorgestellt.
Intensiv widmet sich die Ausstellung Netzwerken, Gruppierungen und Verbänden, die das literarische Leben in Düsseldorf maßgeblich bestimmten: dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, dem Schriftstellerverband VS, aber auch einer heute wenig bekannten Gruppe wie den Aktionspoeten der 80er-Jahre.
Darüber hinaus präsentiert die Ausstellung Exponate "Zwischen den Disziplinen", bei denen Literatur mit Kunst, Skulptur, Musik, Klang oder Performance kreative Verbindungen einging. Auch neue Wege der Vermittlung, wie Literatur sich an Jugendliche wenden kann - gerade mit dem "Box-it!"-Projekt des Heine-Instituts beschritten - fanden Eingang in dieses literarische Kaleidoskop der vergangenen vier Jahrzehnte.

