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Animism - Ausstellung in der Kunsthalle Bern

Animismus wurde auch oft als Minimalform, als primitive Ausprägung von Religiosität begriffen

Der Begriff Animismus erhielt seine bekannteste Definition von Anthropologen, und zwar im Kontext des Kolonialismus. Animismus bezeichnet Glaubenspraktiken, die Objekten und nicht-menschlichen Entitäten ein Eigenleben und personale Eigenschaften zuschreiben.

Animismus wurde auch oft als Minimalform, als primitive Ausprägung von Religiosität begriffen. Die moderne Psychologie betrachtet den Animismus als psychischen und ästhetischen Projektionsmechanismus von menschlichen Eigenschaften auf Objekte.

Einer uralten philosophischen und theologischen Debatten über die Konzeption und die Natur der Seele entstammend (Animismus ist denn auch etymologisch verwandt mit dem lateinischen Wort anima für Seele) wurde der Begriff des Animismus im Gefolge der christlichen Kampagnen gegen den Götzendienst sowie im Kontext des Bildersturms und der Aufklärungsbewegung zu einer rationalen, wissenschaftlichen Kategorie zur Beschreibung des Irrationalen, Abergläubischen und Primitiven.

Sozialwissenschaftler, insbesondere Anthropologen und Psychologen, gaben dem Terminus im neunzehnten Jahrhundert seine kanonische Definition. Zusammen mit Konzepten wie Totemismus und Fetischismus entwickelte sich der Animismus zu einem Schlüsselkonzept der Suche dieser Wissenschaftler nach der originalen, ‚primitiven’ Menschheitsreligion.

Die empirische Quelle für die Annahme einer solchen Urreligion war die verbreitete Auffassung, dass “Wilde” unfähig seien, den Wert und die Bedeutung unbelebter Objekte zu verstehen. Deshalb, so dachte man, schrieben sie in einem “primitiven” Fehlschluss unbelebten Objekten und unbelebter Materie Leben, Seele und Geist zu.

Die Prämisse eines solchen Arguments ist natürlich ein objektivistischer Materialismus, der Materie per definitionem als tot betrachtet. Die daran gelagerte und diese Annahme komplementierende psychologische Definition postuliert, dass der “primitive” Zuschreibungsfehler des Animismus, als phylo- und ontogenetische Entwicklungsstufe, auf einem Glauben an die “Allmacht des Gedankens” beruhe, welche dazu führe, dass unser “Bewusstsein in unserer Umgebung gespiegelt wird” (Sigmund Freud).

Genau wie das Konzept des “Primitiven” wurde der Animismus auf diese Weise sukzessive in ein Netzwerk imaginärer Dichotomien eingeschrieben. Das Ausstellungsprojekt Animism stützt sich auf Versuche, dieses kanonische Verständnis des Animismus zu dekolonialisieren, welche in jüngster Zeit unternommen wurden.

Es gilt, den Animismus aus der kolonialistischen Ökonomie, in die er eingebunden ist, und aus den dadurch forcierten Konnotationen und Bedeutungsinhalten des Begriffs herauszulösen. Vielmehr wird der Animismus als Frage der Relationalität und eines nicht-objektivistischen Materialismus begriffen.


Objektivistisches Wissen ist nicht Teil einer Beziehung (relation), aber der Animismus behandelt Wissen als eine Art Beziehung, die sowohl den Wissenden als auch das Gewusste formt.

Der Animismus kann so als Antithese einer modernen Position gesehen werden, welche aus der Naturallein die objektivierten materiellen Eigenschaften herauszudestillieren sucht, ohne Sensorium und Interesse für symbolische Bedeutungen oder soziale Beziehungen.

Eine dekolonialisierte Auffassung des Animismus widersetzt sich aber auch dem für die Postmoderne symptomatischen Ausschluss von Dingen, von nicht-menschlichen Akteuren, aus dem Bereich der sozialen Beziehungen.

Dieses neue Verständnis von Animismus stellt die Frage, was es bedeuten könnte, Menschen, Nicht-Menschen und Objekte als gleichermassen aktive Akteure zu betrachten, die nur mit verschiedenen Registern und
Ausdrucksmustern operieren, welche der Vermittlung bedürfen.

Ein derart revidiertes Verständnis des Animismus kann uns verstehen helfen, wie Bilder und Rahmenerzählungen einerseits an der Fixierung, Objektivierung und Konservierung des Lebens partizipieren und andererseits den Dingen
eine Stimme verleihen, sie subjektivieren und beleben, und wie beide in der modernen Bildlichkeit eine spezifische Dialektik entwickeln.


Das ist der Hintergrund der von diesem Projekt angestrebten Untersuchung moderner Technologien und Ästhetiken der Animation und ihrer Implikationen für Subjektivität und Personalität. Das Konzept eröffnet Problemstellungen, die im Kern nicht die Subjektivität der Wahrnehmung, sondern die Wahrnehmung der Subjektivität des sogenannten Objekts zum Gegenstand haben.

Animism knüpft in gewisser Weise an Harald Szeemanns Ausstellung Junggesellenmaschinen von 1975 an. Animism basiert auf der Annahme, dass nicht nur die Sozialwissenschaften und die modernen technischen Medien wie die Photographie und der Film, sondern auch Ausstellungspraktiken in den
paradoxalen Status des Animismus in der Moderne verwickelt sind.

Statt kulturelle Praktiken zu präsentieren, die vor Zeiten als “animistisch” definiert wurden – beispielsweise durch die Zurschaustellung ethnographischer Artefakte –, konzentriert sich das Projekt auf die mimetischen Prozesse, die durch Bilder in Gang gesetzt werden.

Die Ausstellung will Verbindungen schaffen zwischen dominanten Motiven der modernen Bildkultur, dem romantischen Erbe, der Frage des Mythos und der Verzauberung, der Registrierung und Niederschrift des Lebens, der Psychopathologie und den Phantasmen von Kontrolle und Transformation, und der politischen Ökonomie der Gewalt, die durch moderne Grenzziehungen in Kraft gesetzt wird.


In der Ausstellung werden historische und zeitgenössische Werke zu sehen sein, aber auch forschungsbasierte Originalbeiträge, die nur für diesen Kontext kreiert wurden, zudem ist bereits ein Reader publiziert worden. Animism (Volume I) vereint theoretische und künstlerische Reflektionen zur Geschichte und der zeitgenössischen Bedeutung von Animismus.

Die Beiträge stammen von:

Agentur, Irene Albers, Oksana Bulgakowa, Edwin Carels, Bart De Baere, Didier Demorcy, Brigid Doherty, Sergei Eisenstein, Anselm Franke, Masato Fukushima, Avery F. Gordon, Richard William Hill, Darius James, Gertrud Koch, Joachim Koester, Bruno Latour, Maurizio Lazzarato and Angela
Melitopoulos, Vivian Liska, Henri Michaux, Santu Mofokeng, Philippe Pirotte, Florian Schneider, Erhard Schüttpelz, Michael Taussig, Eduardo Viveiros de Castro, Martin Zillinger.

Für Bern wird ein Grossteil der Readertexte übersetzt werden und in einer Zeitung, die als Ausstellungskatalog dient, veröffentlicht.
Animism ist eine Kollaboration zwischen dem Museum for Contemporary Art
Antwerpen/ MuHKA und Extra City - Kunsthal Antwerpen in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Bern, dem House of World Cultures Berlin, und der Freien Universität Berlin

Konzept:

Anselm Franke, Co-Kuratoren: Anselm Franke, Edwin Carels, Bart De Baere (Antwerpen), Philippe Pirotte (Bern).

Mit Agentur, Art & Language, Adam Avikainen, Marcel Broodthaers, Walt Disney, Jimmie Durham,Armen Eloyan, Leon Ferrari, Simryn Gill, Walon Green, Lutz & Guggisberg, Brion Gysin, Luis Jacob, Ken Jacobs, Joachim Koester, Len Lye, Mark Manders, Santu Mofokeng, Melitopoulos/ Lazzarato, Otobong Nkanga, Reto Pulfer, Józef Robakowski/ Wiesław Michalak, Paul Sharits, Jan Svankmajer, Yutaka Sone, Rosemarie Trockel, David Gheron Tretiakoff und Anne-Mie Van
Kerckhoven

Ausstellung 15. Mai – 18. Juli 2010
Eröffnung 14. Mai 2010, 18 Uhr
Pressekonferenz 13. Mai 2010, 11 Uhr

Helvetiaplatz 1
CH-3005 Bern
Tel.+41(0)31 350 00 40
Fax.+41(0)31 350 00 41
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