Der Schritt in die Selbstständigkeit ist für einen jungen Künstler häufig der entscheidende Impuls für den kreativen und kaufmännischen Durchbruch.
Von der eigenen Freiberufler-Arbeit leben zu können, ohne einer anderen Erwerbstätigkeit zur Existenzsicherung nachgehen zu müssen, ist die Erfüllung aller Träume. Damit daraus ein lebenslanger herrlicher Traum wird, ist allerdings die Verwurzelung in der Alltagsrealität von großer Bedeutung.
Realistische Erwartungen - nüchterne Kalkulation
Wer als Künstler nebenberuflich oder im Angestelltenverhältnis tätig ist, spürt irgendwann den Wunsch nach der Selbstständigkeit. Dazu ist eine nüchterne Einschätzung der eigenen Kreativität und der individuellen wirtschaftlichen Situation wichtig.
Unter anderem sind es folgende Fragen, die auf Antworten von unerbittlicher Ehrlichkeit des Künstlers sich selbst gegenüber warten:
- reicht meine Kreativität wirklich aus als alleinige Existenzgrundlage?
- kann ich das Material und die Räumlichkeiten finanzieren?
- besitze ich Rücklagen für Phasen, in denen nicht genügend Geld reinkommt?
Ob Maler und Bildhauer, Schriftsteller oder Musiker: Ein Businessplan ist für den Schritt in die künstlerische Selbstständigkeit ebenso wichtig wie für die Gründung einer Firma. Er beschreibt Geschäftsidee und Finanzierung, Vermarktungsidee und geplante Entwicklung.
Kredite und Kontakte
Finanzielle Starthilfen für den Kreativen gibt es möglicherweise von Staat oder Stiftungen. Vielleicht erfolgte die Trennung vom bisherigen Arbeitgeber so, dass eine Abfindung als finanzielle Basis vorhanden ist.
Oder es gibt die Möglichkeit, für einige Monate Arbeitslosengeld (Alg I) von der Agentur für Arbeit zu beziehen. Diese Behörde hilft auch mit Kompetenz und Krediten beim Weg in die Selbstständigkeit.
Neben staatlichen Behörde gibt es auch verschiedene Anbieter und Banken, bei den man für kurze Zeit einen Kredit für Selbstständige beantragen kann. Wer jünger ist, hat möglicherweise noch Anspruch auf Bafög, wer älter ist, bekommt vielleicht schon ganz oder teilweise eine Altersversorgung.
Möglicherweise ist es eine Erbschaft, die den Schritt in die Selbstständigkeit ermöglicht. Neben dem Geld sind Kontakte innerhalb der Szene wichtig: Der Erfahrungsaustausch mit Menschen, die Ähnliches wagen, hilft weiter.
Vielleicht finden sich - vergleichbar den Business Angels bei einer Firmengründung - kreative Engel, die den Start in die Selbstständigkeit unterstützen. In der Wirtschaft handelt es sich dabei um erfahrene, erfolgreiche Vertreter einer Branche.
Sie helfen nicht in erster Linie mit Geld, sondern mit Erfahrung und Vernetzung. In der Kunstszene stellen sie unter anderem den Kontakt zu Veranstaltern, Galeristen, Förderern und potenziellen Kunden her.
Steuer und Versicherungen
Trotz aller Euphorie beim Schritt in die kreative Selbstständigkeit darf eines nicht in Vergessenheit geraten: Künstler sind Erwerbstätige, die für ihre Arbeit Steuern und Sozialabgaben abführen.
Mit dem Beginn des neuen Status erfolgt die Anmeldung des Gewerbes beim Finanzamt. Sie vergibt eine Nummer, über die dann die Steuererklärung erfolgt - Umsatzsteuer zum Beispiel fällt möglicherweise an.
Wer keinen Arbeitgeber mehr hat, kümmert sich selbst um Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung. Für Kreative und Medienschaffende gibt es dafür die Künstlersozialkasse (KSK) in Wilhelmshaven.
Wer mindestens 3900,- Euro pro Jahr verdient - das ist der Stand Ende 2018 - kann sich dort versichern. Dann übernimmt unter anderem der Staat die Arbeitgeberanteile zur Rentenversicherung.
Niemand muss für die KSK übrigens seine private oder gesetzliche Krankenversicherung wechseln, wenn es dafür keinen anderen Grund gibt. Die KSK ist für den freiberuflichen Künstler nur die Kontaktstelle zu den Sozialversicherungen. Zu bedenken ist auch:
Ein Künstler sollte die passenden Versicherungen besitzen - vergleichbar der Unternehmenshaftpflicht für Firmengründer. Krankheit, Unfall und diverse mögliche Schäden an Personen und Sachen im Rahmen der Arbeit müssen abgedeckt sein. Das Gespräch mit dem Versicherungsfachmann ist dazu unerlässlich.
Mit dem Erfolg wachsen
Ein folgenschwerer Fehler beim Gang in die künstlerische Selbstständigkeit ist, möglicherweise zu schnell zu viel zu wollen. All das in der Regel bei begrenzten Investitionsmöglichkeiten.
Vielleicht reichen die bisherigen Räumlichkeiten, Materialien und Handwerkszeuge der nebenberuflichen Arbeit oder des Hobbys für den professionellen Einstieg aus. Atelier, Studio oder Büro lassen sich mit anderen Künstlern in der gleichen Situation gemeinsam nutzen:
Dann wird es für alle Beteiligten finanziell günstiger. Mit wachsendem, konstantem Erfolg - auch kaufmännisch! - steigert sich dann der Standard des Equipments.
Damit nehmen die Qualität des Umfelds und der Komfort der täglichen künstlerischen Produktion zu. Eine ehrliche Fähigkeit zur Selbstkritik hilft bei dem Weg zum Erfolg und bewahrt vor dem Super-Gau: der Insolvenz mit hohen Schulden.
Fazit
Zur künstlerischen Selbstverwirklichung in die Selbstständigkeit zu gehen, erfordert Mut, Überzeugung - und kaufmännischen Realismus. Fachliche Beratung in allen finanziellen, kreativen und sozialen Angelegenheiten ist dabei ebenso wichtig wie das überzeugt sein von den eigenen kreativen Fähigkeiten.


Ob Maler und Bildhauer, Schriftsteller oder Musiker: Ein Businessplan ist für den Schritt in die künstlerische Selbstständigkeit wichtig. Foto: GFDK