In der Todeszelle des trostlosen Wüstenkaffs ‚Desertstone’ in Texas wartet Alec Motil auf seine Hinrichtung. Lange wird er nicht mehr warten müssen, denn in weniger als zwei Stunden wird er auf dem elektrischen Stuhl gegrillt. Keine besonders angenehme Aussicht, aber er soll einen Mord begangen haben, und in Texas gilt darauf die Todesstrafe. Auge um Auge. Doch Alec ist unschuldig – er war nur leider zur falschen Zeit am falschen Ort. Seine Pflichtverteidigerin, Mrs. Hampton, ist davon im Grunde genommen auch überzeugt, aber unter uns: Die Dame ist den starken Getränken mehr zugeneigt als dem Studium der Rechtslage ihres Mandanten, daher befindet dieser sich nun in seiner heiklen Lage. Da helfen weder die gut gemeinten Worte des Gefängniswärters Brody (der nebenbei ein Auge auf die Henkersmahlzeit des Verurteilten geworfen hat) noch die Bekehrungsversuche des überforderten Gefängnispfarrers. Das Schicksal scheint unabwendbar.
Oder doch nicht? Enter the Sheriff. Der ist zwar mehr daran interessiert, Mrs. Hampton im Kampftrinken zu besiegen, aber er ist auch ein Mann, der weiß, wann er ein gutes Geschäft machen kann. Und Alec hat nichts mehr zu verlieren und nur noch einen Wunsch: Ein letztes Wiedersehen mit seiner große Liebe, der Bluessängerin Sandy Hopper. Also lässt er sich auf einen Deal ein: Er ist bereit sämtliche ungelöste Mordfälle der letzten Jahre zu gestehen, wenn der Sheriff ihm Sandy beschafft. Die Uhr läuft...
‚Jailhouse Blues’ ist eine temporeiche, schwarze Komödie, irgendwo zwischen ‚No Country for Old Men’, ‚Vier Fäuste für ein Halleluja’, ‚The Big Lebowski’ und Monty Python. Die durchaus ernst gemeinte Kritik (nicht nur) am amerikanischen (Rechts-)System wird durch die absurden Dialoge und die zum Teil wahnwitzige Handlung auf den Punkt gebracht.
Ein vergnüglicher Abend in der Wartburg für alle Cowboy Junkies, Texas Rangers, Amigos, Gringos und alle, die schneller ziehen als ihr Schatten.
Der Regisseur André Rößler (Jahrgang 1978) studierte zunächst Chemie und war Schauspieler, bevor er an der Hochschule für Schauspielkunst ‚Ernst Busch’ in Berlin sein Regiestudium begann. Seit seiner Abschlussinszenierung am Deutschen Theater Berlin hat er an Häusern wie den Staatstheatern Stuttgart, Mainz und Hannover und dem Grazer Schauspielhaus inszeniert. Nun bringt er – erstmals in Wiesbaden – ‚Jailhouse Blues’ zur Uraufführung.
Jörg Graser hat vor allem Drehbücher für Film und Fernsehen geschrieben sowie Theaterstücke und Hörbücher. Der gebürtige Heidelberger, der unter anderem für Filme wie ‚Trokadero’ (1980) ‚Via Mala’ (1985) bekannt ist, wurde bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet (u.a. 1990 mit dem Publikumspreis des Filmfestivals in Cannes und 1991 mit dem Adolf-Grimme Preis). Graser lehrt Film- und Fernsehwissenschaften in München.
Regie
Bühne und Kostüme
Dramaturgie
Mit:
Alec Motil, Häftling
Sam Brody, Gefängniswärter
Pfarrer
Mrs. Hampton, Rechtsanwältin
Mr. Delaware, Sheriff
Sandy Hopper, Sängerin
Location und Termine: Wartburg Wiesbaden am 2.5., 13.5., 21.5., 10.6., 26.6.2009 jeweils um 20 Uhr www.staatstheater-wiesbaden.de
André Rößlers temporeiche Inszenierung [setzt] auf Zuspitzung durch Klamauk. Als lebende Comic-Figuren füllen die Schauspieler die simplen Karikaturen mit Leben und brillieren mit gelungenen Screwball-Dialogen, einer witziger und hirnrissiger als der andere. Da macht das Zusehen Spaß, vor allem dann, wenn die beknackte Truppe auch noch köstliche Showeinlagen singt und mit dem Musical-Song ‚Springtime for Hitler’ tanzend den Broadway ins Jailhouse holt.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.4.2009
Das ist der Part, der Regisseur André Rößler und dem Ensemble am überzeugendsten gelingt: Der Übergang vom Grellen zur Menschlichkeit. Jörg Zirnstein als Gefängniswärter interessiert sich plötzlich selbst für die religiösen Fragen, die der Pfarrer (genussvoll salbungsvoll: Sebastian Muskalla) mit aller Routine seines Berufes aufwirft. Die Rechtsanwältin (zagend und sich kringelnd: Franziska Werner) und der Sheriff (Tobias Randel als ganzer Kerl, dem vor lauter Mannhaftigkeit die Mimik abhanden kommt, sehr realistisch) finden sich in der Freude am Vollsuff und an US-Flaggen. ‚Jailhouse Blues’ handelt auch davon, wie wenig Menschen brauchen, um froh zu sein.
Frankfurter Rundschau, 27.4.2009
Kurzweilig wird’s immer dann, wenn [Rößler] die Schrittzahl des Stücks erhöht, um dann noch einen drauf zu satteln. Die Toastbrotschießerei der betrunkenen Gefängniscrew gerät zur sehenswerten Revueeinlage und das überdrehte ‚Springtime for Hitler’ aus Mel Brooks Broadway-Musical ‚The Producers’ gibt den Abend fiesen Showbiz-Schwung.
Nachtkritik, 24.4.2009
75 Minuten dauert ‚Jailhouse Blues’ in der Wartburg, dort hat Regisseur André Rößler das Stück von Jörg Graser für dessen Uraufführung in Szene gesetzt. Und daraus – trotz der großen schweren Themen – einen unterhaltsamen, ja lustigen Abend gemacht, der am Ende vom Premierenpublikum mit viel Beifall bedacht wird. (...) Eine muntere Show hat der Regisseur aus diesem Stoff gemacht, in der die kritischen Ansätze des Autors in Richtung Rechtssystem, Glaubensgeschäfte und Medienvermarktung nicht zu kurz kommen.
Wiesbadener Kurier, 27.4.2009
Trotz des Themas wurde viel gelacht bei der Uraufführung des Schauspiels. Das Premierenpublikum bedachte die Inszenierung mit viel Applaus.
hr online, 24.4.2009

