Vanitas vanitatum – alles ist eitel, vergänglich. Und zwar nicht nur im Herbst, wenn die Welt sich ohnehin ans Sterben macht, sondern jederzeit. Das spiegeln die dreizehn Monats-Gedichte, die Erich Kästner 1955 als Auftragsarbeit für eine Zeitschrift schuf, in jeder Strophe, mindestens in jedem Gedicht, sei es nun für den November (der das erwarten lässt) oder für den Mai, den „Mozart des Kalenders“.
Dass Kästner (1899-1974) dieses in so vielen Facetten dargestellte Verrieseln von Zeit und Leben nicht als negativ empfindet, zeigt einerseits der Schalk, mit dem er das jeweils Typische eines Monats aufs Korn zu nehmen zu weiß und den Menschen in all seiner Schlichtheit – selbst im Existenziellen – entlarvt.
Andererseits nimmt sich Kästner mit einer großen Zärtlichkeit dieses so zerbrechlichen Lebens an, das in allem Wandel doch im Grunde gleich bleibt und stets wiederkehrt. Da darf es sogar einen dreizehnten Monat geben, der einer freien Gestaltung offen stünde, ... wenn nicht auch ein dreizehnter Monat doch immer den Gesetzen der Zeit unterworfen wäre: „Und werden kann nur, was schon immer war...“.
Edmund Nick (1891-1974) war Komponist, Dirigent und Musikschriftsteller. Er hat für Rundfunksender (zuletzt 1952-1956 für den WDR als Leiter der Hauptabteilung Musik) ebenso gearbeitet wie für verschiedene Kabaretts (Die Katakombe (Berlin), Die Schaubude, München), hat gelehrt (an der Musikhochschule München) und selbst als Dirigent (der Bayerischen Staatsoperette) auch ausgeführt.
Diese Vielseitigkeit und Kenntnis nicht nur von Musik, sondern auch von Literatur, Gesellschaft, Kultur ermöglichten ihm eine gleichermaßen ernste wie witzige und hintergründige Vertonung der Monatsgedichte von Kästner, den er 1929 kennengelernt hatte.
In Stile von Chansons zeichnet Nick die Texte Kästners mit zahlreichen Anspielungen (nicht nur des mehrfach zitierten Chopinschen Trauermarsches), mit lautmalerischen Passagen, die etwa den tropfenden Regen ebenso plastisch darstellen wie einen krähenden Hahn, teils erzählend, teils liedhaft aufblühend nach. Die Vertonung entstand 1969/70 für eine Fernsehproduktion, nachdem Kästner seinen 70. Geburtstag gefeiert hatte.
Der 13. Monat hat dabei, man möchte sagen logischerweise, kein musikalisches Kleid erhalten, sondern wird lediglich rezitiert. Die nachträglich auf Wunsch des ZDF hergestellte Instrumentierung für Orchester ist aufgezeichnet worden, die Klavierfassung dagegen nicht.
So sind 15 Jahre zwischen der Entstehung der Monats-Gedichte und ihrer Vertonung vergangen und noch einmal fast 40 bis zur ersten Aufführung dieser Vertonung in der Originalfassung mit Klavier. Das ist der Initiative des Sängers Ulrich Schütte zu danken, der sich des Zyklus’ mit großem Engagement angenommen hat.
Zeitgleich zu einer ersten Aufführung der Nickschen Vertonung von Kästners Monaten in München mit Ulrich Schütte, Gesang, und Gerold Huber, Klavier, ist eine CD-Produktion erschienen: „Erich Kästner in Liedern und Songs von Edmund Nick“ (mit fünf weiteren Vertonungen von Kästner-Gedichten durch Nick), Label duo-phon-records, Edition Berliner Musenkinder Spezial, Best.-Nr. 06 35 3.
Schütte gestaltet die Vertonungen der Monats-Gedichte mit Liebe zum Detail und – in großer Nähe zum Text – mal lyrisch, mal deklamatorisch, mal keck, mal melancholisch, immer präsent, immer intonationssicher, gut verständlich und authentisch. Seine lauten Töne sind nie übertrieben, seine leisen Töne gewohnt bezaubernd, seine Klangfarben vielfältig.
Gerold Huber steuert weitaus mehr als einen begleitenden Klavierpart bei, auch ihm gelingt die ausgeglichene Darstellung von Scherz und Ernst auf das Überzeugendste. Kästner und Nick hätten ihre Freude gehabt.
Und Kästner hätte sich im Stillen über einen hintergründigen (und natürlich unbeabsichtigten) Druckfehler im Booklet gefreut, der ihn bereits 1947 sterben ließ – oder umgekehrt ihm im wirklichen Leben noch 27 zusätzliche Jahre geschenkt hat: „Und indes die Zeit vergeht, / bleibt uns doch nur eins: die Zeit.“ (Februar). Vanitas vanitatum.
Claudia Maria Korsmeier
Ulrich Schütte
Mainzer Straße 8
53424 Remagen-Rolandswerth
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