Gesellschaft Freunde der Künste
Tango ohne Leidenschaft

The Great Dance of Argentina Show - Journalismus oder bloße Lobhudelei?

Begeistert sind wohl nur die Medien und ein paar Promis. So schrieb Thomas Hack von der Augsburger Allgemeine "Feuriges Tanzspektakel bringt Gersthofer Stadthalle zum Toben" und "Aus diesem sinnlichen Lebensgefühl wurde nun in der Gersthofer Stadthalle von den weltbesten Tangotänzern ein abendfüllendes Showspektakel der Extraklasse auf die Bühne gezaubert".

Die FAZ titelte "Aus Liebe und Leidenschaft", und war hellauf begeistert. "Eine frische Tango Prise" schrieben die Dresdener Neue Nachrichten, und der STERN schrieb "Der Tanz ist Nicole Naus Leidenschaft und große Liebe. In ihrer Wahlheimat Argentinien gilt die Deutsche als der große Star des Tango Argentino". Der Kölner Stadtanzeiger meinte gar, er könne eine "kribbelnde Mischung von Gefühlen erkennen".

Die Rhein Main Presse schrieb " vom Tango als Rhythmus der Seele, die Badische Zeitung sah "Gloria im Tango Fieber", und der Südkurier meinte "Poesie und loderne Leidenschaft" zu erkennen. Wir könnten das nun unendlich fortschreiben, da die gesamte deutsche Medienlandschaft sich einig war oder schreiben die nur alle voneinander ab? Wir wollten uns ein eigenes Bild machen.

Ist das noch Journalismus oder bloße Lobhudelei?

Die Freunde der Künste wollten das wissen und haben die Redakteurin Michaela Boland zu einem Besuch der Show gebeten um uns zu berichten.

Moderatorin Birgit Schrowange wurde trotz Ankündigung zwar nicht mehr gesichtet. Dafür erschienen aber Talk-Legende Hans Meiser, Wissenschafts-Moderator Ranga Yogeshwar, Millionärs-Schwiegertochter Gülcan Kamps, Pro 7-Comedian Max Giermann, Ex-Marienhof-Schauspieler MircoWallraf , die ehemalige ZDF-Moderatorin Biggi Lechtermann und It-Girl Gina-Lisa Lohfink zur großen Auftakt-Premiere des angekündigten Tanz-Leckerbissens aus Südamerika in Köln.

Der Tango ist los, dachte man

Tango-Freunde, aufgepasst: Die Nicole Nau und Luis Pereyra-Company tourte mit ihrem Programm “Vida – THE GREAT DANCE OF ARGENTINA“ durch das Land. Noch bis zum 26.02.2015 im Bonner Pantheon absolviert das achtköpfige Ensemble zunächst 33 Termine in vielen Städten Deutschlands. Die Show: Von allem ein bisschen. Eine Mischung aus Rhythmus, Perkussion, Tango, Artistik, Tanz, Theater und Musical. Außerdem: Sehr lang.

Tango ohne Leidenschaft und Passion

Wer bei dem Gedanken an südamerikanische Tänze allerdings mit der Erwartung an außergewöhnlich viel Leidenschaft in die Vorstellung geht, könnte trotz ausgefeilter Kostümpracht und tänzerischen Könnens der Akteure enttäuscht werden. Bei der neuen, von 20.00 Uhr bis 23.00 Uhr dauernden, Auftaktpremiere im Kölner Musical Dome mit einigen prominenten Gästen, zeigt sich so manch befragter Zuschauer in der Pause ein wenig zwiegespalten:

Übereinstimmend halten zwar alle Befragten die Ensemble-Mitglieder für hervorragende Tänzer. Während die einen jedoch auf mehr Musical-Charakter gehofft hatten, vermissen andere die wahre Passion, die, zumindest in der ersten Show-Hälfte, noch nicht so recht überspringen wollte.

Nur vorbereitet erschließt sich ein konkreter Inhalt

Ob es daran liegt, dass ein Teil der Musik vom Band abgespielt wird und dies im direkten Vergleich zu den ausgezeichnet umgesetzten Live-Musik-Strecken mit landestypischen Instrumenten wie dem Bandoneon, der Cajon, großen Bombo-Trommeln oder der kleinen Handtrommel, Caja, schwer ins Gewicht fällt?

Weiteres Manko:

Nur wer sich mit der argentinischen Tanzkultur auskennt, eingefleischter Tango-Fan oder zumindest der spanischen Sprache mächtig ist, (beziehungsweise ein kostenpflichtiges Show-Magazin erwirbt), wird wohl auf Anhieb verstehen, was dort auf der Bühne konkret passiert.

"Leben" – ein weiter Begriff

 „Vida“, - o.k., das Leben. Also, wohl ein  Ehrenerweis an dasselbe. Aber der Begriff ist durchaus ein wenig weitläufig und lässt ohne annähernde Richtungsweisung sicherlich ein bisschen viel Raum zur Spekulation. Beispiel erste Szene: “Chacarera del Diabolo“.

Hätte man – die kleine Bildungslücke sei entschuldigt - gewusst, dass eine Chacarera (von Chacra = Acker) ein von den in der der nordargentinischen Provinz angrenzenden Pampa lebenden Gauchos gegen Anfang des 20. Jahrhunderts nach Buenos Aires gebrachter harmloser Folklore Pampeano ist, hätte man sich beim Anblick des, wohlgemerkt sehr ästhetischen tänzerischen Treibens auf der Bühne, das spekulative Hineininterpretieren irgendeiner halbwegs schlüssigen Story wohl gespart.

Eine kleine Erläuterung im Vorfeld, wäre hilfreich gewesen. Das geschmackvolle, aber sehr dezente Bühnenbild gibt da leider nur wenig Aufschluss. Auch bei den wunderschönen Liedern, die live gesungen wurden, hätte man oftmals nur allzu gern gewusst, worum es genau geht. Ohne zumindest einen kurzen Hinweis auf den Inhalt, möglicherweise ja durch an die Bühnenwand projizierte erläuternde Bilder, oder mehr darstellerische Leistung, hätte der Text für alle Nicht-Spanisch-sprechenden Zuschauer auch genauso gut, „La, la, la, la la…“ lauten können.

Tänzer = Musiker und Musiker = Tänzer

Außergewöhnlich dagegen die musikalische und rhythmische Leistung der männlichen Tanz-Cast. Abgesehen von den beiden festen Musikern, Bandoneonist Daniel Ruben Gomez und Stimmwunder Javier Tommasi, zeichnen die Tänzer ganz nebenbei nämlich auch noch für die musikalische Untermalung  mitverantwortlich. Zwischen einzelnen Tanz-Szenen verschwinden die Stars immer wieder hinter einem transparenten Vorhang, um fortan erst mal mit zu musizieren.

Und das beherrschen sie vorzüglich. Bei den erzeugten Klängen fühlt man sich tatsächlich nach Argentinien versetzt. Bei einem Acht-Mann/Frau-starken-Ensemble packt hier wohl fast jeder überall mit an. Dies ist gerade deshalb so  bemerkenswert, weil die einzelnen Tanz-Nummern den jungen Männern, die ihre Partnerinnen herumwirbeln und immer wieder auch auf Händen tragen, teilweise derartig viel körperliche Kondition abverlangen, dass eine wohlverdiente klitzekleine Pause zum kurzen Durchatmen durch den zusätzlichen “Musiker-Job“  wohl verwehrt bleibt.

Der weltbeste Tango Tänzer

Hier kann natürlich insbesondere der Star der Show, Luis Pereyra, der als derzeit weltbester Tangotänzer gehandelt wird, hervorstechen. Neben seinen tänzerischen Fertigkeiten in klassischem Tango begeistert er das Publikum nicht nur durch sein Stepp-Können. Hierbei verdreht er seine Fußgelenke nämlich immer wieder derart artistisch weit im Takt, dass man als Zuschauer um die Unversehrtheit seiner Sehnen und Bänder fürchtet.

Beeindruckend auch sein Umgang mit den Boleadoras: Stricke mit festen Kugeln an den Enden, die man als Indigeno  als Fanginstrument bei der Jagd benutzt hat. Pereyra, bei dieser Nummer in Kosaken-ähnliche Pumphosen gehüllt, schwingt und schleudert die nicht ganz ungefährlichen einstigen Schlagwaffen derartig gekonnt um seinen wendigen Körper und knallt sie im Takt zwischendurch immer wieder Peitschen-ähnlich auf den Boden, dass man, in den ersteren Publikumsreihen sitzend, dazu gezwungen ist, durchaus auf die Geschicklichkeit des Weltstars zu vertrauen.

Zuviel des guten

Begeisterung. Einziger Wermutstropfen: Der Star-Tänzer hört - (gefühlt) - niemals mehr damit auf. Minutenlang klatschen die Kugeln rhythmisch auf den Bühnenboden. Erneuter, vorsichtiger und leicht verwirrter Applaus stellte sich in Köln ein, nachdem man für diese Nummer ja bereits schon mehrfach höflich frenetisch gejubelt hatte. Doch dies scheint den Boleadoras-Rausch eher noch weiter anzuheizen. Am Ende verübelt man dem charismatischen Argentinier die kleine Überziehung jedoch kaum.

Der kernige Künstler, der mit seiner früheren Partnerin, Norma Pereyra, 1992 schon Prinz Charles und Prinzessin Diana im Buckingham Palace Nachhilfe in Sachen Tango erteilen durfte, singt übrigens auch ein Stück im Programm. Im direkten Vergleich zu seinem bereits erwähnten Kollegen, Javier Tommasi, der sich mit außergewöhnlich wohlklingender Stimme, perfekt in die Klangwelt argentinischer Musik fügen kann, schneidet Pereyra in dieser Disziplin nicht ganz so gut ab.

Doch getreu dem Motto, „Schuster, bleib bei deinem Leisten“, scheint er in seiner Paradedisziplin, dem argentinischen Tanz, zu der er nach der Sangesnummer recht schnell wieder übergeht, einfach unschlagbar, Weltklasse.

Das Rheinland gegen Argentinien eingetauscht

Partnerin Nicole Nau aus Düsseldorf, eine studierte Grafik-Designerin und Kostümbildnerin, hat die Show mit Pereyra konzipiert und sich überdies auf recht außergewöhnliche Weise als eine der bekanntesten Tango-Tänzerinnen der Welt etabliert. Begeistert von einer Tango-Bühnenshow ließ sie ihr altes Leben in Deutschland, sowie die Arbeit für renommierte Agenturen einst  hinter sich und dafür in der Heimat des Tangos zur Profi-Tänzerin ausbilden.

Sowohl in der argentinischen als auch der internationalen Tango-Szene konnte sie sich sodann zügig in die erste Reihe tanzen. Als Repräsentantin dieses traditionsreichen südamerikanischen Tanzes widmete die argentinische Post ihr sogar mehrere Briefmarken. Als Kostümbildnerin zeichnet die mittlerweile 51-Jährige, die mit Pereyra verheiratet ist, natürlich auch für die schönen Show-Outfits verantwortlich.

Für 75,- Euro kann man mehr erwarten

Fazit: Eine zwar liebevolle Show, mit extrem wenigen, aber ausgezeichneten Tänzern, schönen Kostümen und einem sehr starken Sänger, Javier Tommasi. Allerdings mangelt es an einer für alle nachvollziehbaren zusammenhängenden Dramaturgie, streckenweise sind die einzelnen Elemente für ihre Länge zu wenig abwechslungsreich und für eine kleinere Zuschauerzahl in einer authentischeren Umgebung sicherlich weitaus besser geeignet als für ein Show-Effekt-verwöhntes Publikum in einer großen Halle.

Auch die Medievertreter waren erleichtert

Mehr als zweieinhalb Stunden kontinuierlich gut zu unterhalten ist nich einfach, aber für Karten von bis zu 75,- Euro muß es irgendwie besser sein. Am Rande bemerkt: Die anwesenden Medienvertreter, die sich mit besten Kritiken anscheinend überbieten wollen, haben die Show, wie wir in Gesprächen erfahren konnten auch nicht verstanden und waren sichtlich erleichtert das die Show vorbei war. Teile des Publikums waren voher schon gegangen.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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