Gesellschaft Freunde der Künste
Ein Käfig voller Leichen in München

Prospero, der Rächer im Folterkäfig - Gísli Örn Garðarsson inszeniert Shakespeares „Sturm“ am Münchner Residenztheater

Am Wiener Burgtheater gibt es seit dieser Saison Shakespeares „Hamlet“ quasi in voller Länge zu sehen. Also satte sechs Stunden lang. Andrea Breth hatte diese durchaus ungewöhnliche Regie-Idee. Im Marstall des Münchner Residenztheaters geht der Isländer Gísli Örn Garðarsson den umgekehrten Weg und inszeniert Shakespeares „Sturm“ im Highspeed-Tempo.

Radikal heruntergebrochen auf knappe 90 Minuten. Wobei man hier ehrlicherweise nicht von einem Stück „von“, sondern eher „nach“ Shakespeare sprechen sollte, so sehr hat der isländische Regisseur den Text an zentralen Stellen in das Gegenteil des Originals verwandelt, gewissermaßen um 180 Grad gedreht. Wie das geht, dazu später.

Ein Käfig voller Leichen

Wie schon öfter in diesem „kleinen Haus“ des Residenztheaters vorgeführt – man denke etwa an den riesigen Glaskasten, in dem Martin Kušej „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ in der vorletzten Saison inszenierte -  tritt der Zuschauer direkt in eine spektakulär konstruierte Kulisse ein.

Dem alten Gemäuer muss ein besonderer Spirit innewohnen. Jedenfalls scheint es - mit seinen nackten unverputzten und hohen Wänden - Regisseure und Bühnenbildner zu besonderen Kreativitätsleitungen zu animieren. Von der Insel, auf der das Stück bei Shakespeare spielt, ist nichts angedeutet (Bühne: Börkur Jónsson). Dabei gäbe es sie ja, diese typischen Bühne-wird-Insel-Insignien.

Stattdessen findet sich in der Mitte des Marstalls eine riesige Folterkammer, ein dunkler Käfig, dessen Dach noch über die Zuschauer hinwegreicht. Unterteilt ist dieses seltsame Gebilde in einen niedrigen Keller, in dem überall Leichen, Stofftiere und Schuhe herumliegen. Ja, man sieht dort tatsächlich das ganze Stück über Leichen, deren Darsteller erst vom Schlussapplaus als Kommando aus ihrer Starre erlöst werden.

Die Etage darüber ist unterteilt in drei Räume, mittig taucht unter Spotlight Prospero, der Zauberer und frühere Herzog von Mailand auf, den Manfred Zapatka in einer fulminanten Mischung aus Grandseigneur im Smoking und rachedürstigem Egozentriker in Szene setzt.

Die Handlung bei Shakespeare

Shakespeares „Sturm“ handelt also von besagtem Prospero, der von seinem machtbesessenen Bruder Antonio zwölf Jahre zuvor vom Thron gestürzt wurde, unterstützt von Alonso, dem König von Neapel.

Zusammen mit seiner damals knapp dreijährigen Tochter Miranda floh Prospero aus Mailand und landete schließlich auf einer Insel, die ihnen zur zweiten Heimat wurde. Dort ist Prospero zum unangefochtenen Herrscher avanciert, unterstützt von Ariel, einem Luftgeist, den er einst aus der Spalte einer Fichte befreite, in der ihn die Hexe Sycorax gefangen hielt. Und von Caliban, dem deformierten Sohn jener Hexe, dem er die Herrschaft über die Insel entriss und den er ebenso wie Ariel zu seinem Untertanen machte.

Mit Hilfe Ariels lässt Prospero zu Beginn die an der Insel vorbeikommende Flotte Alonsos in einen Sturm geraten, der das Schiff des Königs geradewegs auf das Eiland treibt. Mit an Bord sind Antonio, Sebastian - der Bruder Alonsos - und der Königssohn Ferdinand. Nach vielen Turbulenzen kommt es zum Happy End. Ferdinand und Miranda verlieben sich, Prospero vergibt seinem Peiniger Antonio, schenkt Ariel sowie Caliban die ersehnte Freiheit und hat vor, als neuer alter Herzog nach Mailand zurückzusegeln.

So weit, so schön. Aber ganz anders als Gísli Örn Garðarssons Fassung des Stücks: Ja, Fassung, denn über eine Interpretation reicht diese weit hinaus. Und zugleich tief in den Kern des ambivalenten Charakters Prosperos hinein.

Die Handlung bei Gísli Örn Garðarsson

In München vergibt Prospero niemandem. Er wird zum Rachegott. Man ahnt von Beginn an, dass die Angelegenheit böse enden wird. Links und rechts im Folterkäfig hängen Männer an Galgen, denen nach und nach Stoffüberhänge von ihren Köpfen abgezogen werden, um dem Zuschauer ihr Antlitz zu enthüllen: Alonso (René Dumont), Antonio (Jens Atzorn), Sebastian (Arthur Klemt) und Gonzalo, glänzend gespielt von Miguel Abrantes Ostrowski, der hier eine dominante Bühnenpräsenz zeigt.

Ein Zusammenspiel, das Gísli Örn Garðarssons mit einem Mord auflädt, den man in Shakespeares Text nicht liest. Zwar stiftet auch dort Antonio Sebastian zur Tötung des Bruders Alonso an; jedoch wird dieser Plan nicht umgesetzt. Im Marstall hingegen schreitet man kurzerhand zur Tat, und befördert Alonso - ein ziemlich manierierter Typ im dunkelroten Samt und mit hellblonder Popper-Frisur - ins Jenseits. Um der Leiche anschließend die auf modern getrimmten royalen Insignien zu entreißen. Die dicke silberne Kette wird abgerissen, der Finger mit dem Königsring kurzerhand durch Antonio abgebissen. Ein heftiger Ekeleffekt!

Ferdinand, die Fantasy-Figur

Unterdessen tobt Caliban wie ein wildes Tier im Untergeschoss des Käfigs zwischen all den toten Körpern herum (überzeugend verkörpert von Guntram Brattia). In oliv-grünen Cargo-Pants und mit langen zerzausten dunklen Haaren. Optisch am ehesten ein Art Grunge-Rocker aus den frühen 90ern, hier mutiert zu einer Art Waldschrat und Bestie. Sehr edel erscheint demgegenüber zunächst Ariel, der wie Prospero im Smoking auftritt. Etwas später wird er als eine Art Travestit im weißen Kleid erscheinen.

Gänzlich in Weiß schwebt auch der Königssohn Ferdinand (Franz Pätzold) ein, hoch oben über dem Käfig auf einem Trapez. Eine Zirkus-Artisten-Nummer! Und ach herrje, auch noch zu den Klängen von Lionel Ritchies 80er-Schmonzette „Hello“.

Miranda (Friederike Ott), die bis dahin mal in abgerockter Unterwäsche, mal im silbernen Glitzerkleid an den Käfiggittern umherturnte, schmilzt dahin. Schmachtet den Weißgekleideten an, der in seiner Aufmachung ein wenig an jene Teenager erinnert, die sich als Fantasy-Figuren an den Publikumstagen auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig einfinden.

In Shakespeares Original liest man von einer zarten und zugleich intensiven Liebe. Von Romantik! Hier erlebt man eher einen Auszug aus einem kitschigen Grusel-Musical. Zudem sind die Textpassagen der beiden Liebenden massiv gekürzt. Passend zur rasanten Geisterbahnfahrt erwacht dann auch noch der längst abgemurkste Alonso, um wiederum seinen Sohn Ferdinand mit einem Messer brutal zu erstechen. Blut quillt aus dem Sterbenden hinaus. Grausamkeit und Brutalität sind die großen Konstanten in dieser Inszenierung.

Showdown à la „Matrix“

In einem finalen Showdown kommt es zum großen Kampf zwischen Prospero und Ariel einerseits sowie Antonio und Sebastian andererseits. Den Schauspielern wird jetzt alles abverlangt. Mit voller Wucht knallen sie immer wieder gegen die Gitterstäbe. Dann jedoch wird es auf den letzten Metern doch noch komisch. Man kloppt sich in Slow-Motion – die Reminiszenz an die Filmtrilogie „Matrix“ ist unverkennbar - und zielt mit Laserstrahlen aufeinander.

Ende. Sebastian und Antonio sind tot. Und Prospero? Endet als Einsamer. Lässt Ariel und Caligan frei, und wird von Miranda verlassen.

Das alles mag sich jetzt wild und irgendwie chaotisch anhören. Und mutet dem Zuschauer sicher sehr viel zu. Gleichwohl aber hat die „Sturm“-Fassung Garðarssons etwas für sich. Denn Prospero ist auch bei Shakespeare keineswegs nur Opfer, sondern unterdrückt eben auch selbst. Diese Ambivalenz überzeichnet der isländische Regisseur zwar massiv, in dem er Prospero zum wilden Rächer macht. Ganz verkehrt ist dieser Ansatz aber nicht.

Was bleibt, ist die große Erkenntnis Prosperos, mit seinem Rachedelirium gescheitert zu sein. Großer Applaus für ein aufregendes Theatererlebnis.

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert und arbeitet als Rechtsanwältin im Bereich "Mergers & Acquisitions". Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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