Welchen Stellenwert hat das Stadtmuseum? Nach mehrfachen Versuchen seit Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es schließlich Karl-Hermann Wegner ein Museum für die historische Vergangenheit Kassels zu errichten. Die Anfänge waren sehr bescheiden im Marstallgebäude neben dem Stadtarchiv.
Ende der 70er Jahre konnte das Stadtmuseum in das Kulturhaus quasi als Untermieter einziehen. Nach und nach kamen immer mehr Räume hinzu und so konnte eine ansehnliche Dauerausstellung eingerichtet werden, die immer wieder durch zeitlich begrenzte themenorientierte Sonderausstellungen ergänzt wurde.
Die räumliche Enge im Verhältnis zum ständig steigenden Sammlungsgut wurde immer größer. 2006 ging Karl-Hermann Wegner in den wohlverdienten Ruhestand. Ihm folgte Frau Dr. Cornelia Dörr 2007 als neue Leiterin des Stadtmuseums. Am 25.01.2007 schrieb die HNA unter anderem, sie „will … auch die jüngste Geschichte Kassels in den Fokus rücken“. 2010 wurde das Stadtmuseum für den Um- und Erweiterungsbau geschlossen und man hoffte, im Herbst 2013 das Richtfest feiern zu können. Gleichzeitig konnte die „Schaustelle“ in der Wilhelmstraße eröffnet werden, in der bei eingeschränkten Möglichkeiten gezeigt wurde, wie intensiv sich die neue Leiterin mit den Sammlungen und der Kasseler Geschichte vertraut gemacht hatte.
Anders als bei der Sanierung des Landesmuseums konnte sich so das Stadtmuseum immer wieder in der Öffentlichkeit präsentieren und auf sich aufmerksam machen. Die Fertigstellung des Stadtmuseumsgebäudes mit seiner Erweiterung verzögerte sich. Neben den Aktivitäten in der Schaustelle wurden Pläne für die Einrichtung des „neuen“ Stadtmuseums geschmiedet. Jeder ging selbstverständlich davon aus, dass dies unter der bewährten Leitung von Frau Dr. Dörr geschehen würde. Am 21.01.2015 zitierte die HNA Frau Wolf-Eichel: „Wir möchten das neue Stadtmuseum mit einem Knall eröffnen.“
Ein „Knall“ war es wirklich, denn die erstaunten Leser erfuhren dabei, dass Frau Dr. Dörr von ihren Aufgaben im Stadtmuseum suspendiert und ihr eine andere Aufgabe zugewiesen worden sei. Gleichzeitig erfuhren die Leser, dass das neue Stadtmuseum in Personalunion mit dem Naturkundemuseum des dort sehr erfolgreichen Dr. Kai Füldner geleitet werden soll. Man geht sicherlich nicht fehl, dass man unterstellen muss, dass Dr. Füldner weder die Sammlungsbestände kenne noch Erfahrung mit der Zielrichtung eines historisch ausgerichteten Stadtmuseums haben kann. Außerdem muss man sich fragen, ist Herr Dr. Füldner mit der Tätigkeit im Naturkundemuseum nicht ausgelastet, dass er künftig das Stadtmuseum gleichwertig leiten kann, mit anderen Worten, welchen Stellenwert hat das Stadtmuseum bei den politischen Entscheidungsträgern?
Und wenn man mit der Ausstellungskonzeption von Frau Dr. Dörr nicht einverstanden war, warum wird dies nicht öffentlich diskutiert? Warum heißt es, dass man die Gründe für die Absetzung von Frau Dr. Dörr nicht veröffentlichen möchte? Wieder einmal beweisen die politischen Gremien, die politischen Parteien, der Vorstand der Freunde des Stadtmuseums, dass Kassel sein kulturelles Erbe nicht sonderlich schätzt. Welche Empfindungen mögen die vielfältigen Spender haben, vor allem diejenigen, die sich sicherlich nicht immer ganz leicht von ihren Gegenständen trennten, wenn der Wert der Stadtmuseums und der dort handelnden Personen so dem Belieben preisgegeben wird.
Helmut Bernert, Kassel


Kassler Stadtmuseum am 21.September 2006 am Ständeplatz 16 in Kassel, Foto: von Günther Pöpperl, Baunatal