Recht unbeweglich präsentierte sich auch die 76. Berlinale. Leiterin Tricia Tuttle begnügt sich mit warmen Worten für alle und scheut vor strukturellen Reformen zurück.
Obwohl diesmal die Bären-Gewinner allesamt ansehnlich sind, tummeln sich im Wettbewerb fast nur noch Regisseure aus der zweiten Reihe.
So verlieren die Filmfestspiele allmählich Glanz und Bedeutung; sie werden zum "Tabellenführer in der zweiten Liga" der A-Festivals.
Wie das Land, so die Festspiele: Das größte Publikumsfestival der Welt richtet sich in seiner Zweitklassigkeit gemütlich ein, weil Leiterin Tricia Tuttle keine Reformen angeht.
Am schleichenden Abstieg ändern auch verdiente Wettbewerbs-Sieger nichts; den Goldenen Bären gewann İlker Çatak mit „Gelbe Briefe“.
Kaum zu glauben: Nach jahrelang erratischen Jury-Entscheidungen, die meist Kopfschütteln und Häme hervorriefen, finden die Preisträger der diesjährigen Berlinale fast einhellige Zustimmung.
Allen voran „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak, der erste deutsche Goldbären-Gewinner seit „Gegen die Wand“ von Fatih Akin 2004 – und wie jener das Werk eines deutschtürkischen Regisseurs.
Çatak hatte bereits 2023 mit „Das Lehrerzimmer“ einen Überraschungserfolg; sein leises Drama, wie Leonie Benesch als idealistische Lehrerin scheitert, gewann fünf deutsche Filmpreise und war bundesdeutscher Kandidat für den Auslands-Oscar.
„Gelbe Briefe“ könnte angesichts des weltweiten Trends hin zum Autoritären aktueller kaum sein. Ein oppositionelles Künstler-Ehepaar in der Türkei verliert über Nacht seine Stellungen, muss den Wohnort wechseln und sich mit Gelegenheits-Jobs durchschlagen.
Was tun: sich anpassen, um weiter zu leben wie gewohnt, oder an Überzeugungen festhalten und in die innere Emigration gehen?
Dass diese Frage sich in absehbarer Zeit auch saturierten Mitteleuropa-Akademikern stellen könnte, macht Çatak durch einen simplen Kniff deutlich: Berlin darf als Kulisse für Ankara herhalten, Hamburg für Istanbul.
Machtkämpfe in Anatolien
Auch der „Große Preis der Jury“, quasi die Silbermedaille, ging an eine türkische Produktion. In „Kurtuluş“ lässt Regisseur Emin Alper zwei Familien-Clans in einem Bergdorf gegeneinander antreten.
Es geht um Machtkämpfe und parareligiöse Visionen, wuchtig und wie immer bei Alper etwas hölzern inszeniert.
Immerhin erinnern die Tableaus der anatolischen Bergwelt an die grandiosen Landschaftsaufnahmen im Werk seines Landsmanns Nuri Bilge Ceylan.


Goldener Bär für den Besten Film: "Gelbe Briefe" von İlker Çatak. © Ella Knorz ifProductions Alamode Films. Fotoquelle: Berlinale
Silberner Bär als Großer Preis der Jury: "Kurtuluş (Salvation)“ von Emin Alper. © Liman Film. Fotoquelle: Berlinale
Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Sandra Hüller in „Rose“ von Markus Schleinzer. © 2026_Schubert, Row Pictrues, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz. Fotoquelle: Berlinale