Wie wird ein Augenblick zur Kunst, der im selben Moment schon wieder verschwindet? In diesem Spannungsfeld bewegt sich die neue Sonderausstellung „TANZ!“ in der Kunsthalle Mannheim ab dem 13. November.
Über 150 Jahre hinweg zeigt die Ausstellung, wie bildende Künstler*innen die sich ständig verändernde Bewegung des Tanzes aufgreifen und zum Ausgangspunkt für neue künstlerische Formen und Ausdrucksweisen machen.
Die Ausstellung „TANZ!“ gibt dieser Faszination eine Bühne. Das vom ehemaligen Kunsthallen-Direktor Johan Holten – der früher selbst als Tänzer an der Hamburgischen Staatsoper auf der Bühne stand – entwickelte Konzept zeigt den lebendigen Austausch zwischen Bildender Kunst und Choreografie, und wie Künstler*innen von der Moderne bis heute den tanzenden Körper als Ausdruck von Freiheit, Identität und gesellschaftlichem Wandel immer wieder neu interpretiert haben.
Am Ende bleibt die zeitlose Frage: Wie fängt man einen Augenblick ein, der schon im Moment des Entstehens wieder verschwindet?
Mit Werken aus unterschiedlichen Epochen und Medien lädt die genreübergreifende und transhistorische Sonderschau TANZ dazu ein, choreographierte Bewegung in der Kunst zu entdecken und versammelt dabei Arbeiten beispielsweise von Auguste Rodin, Oskar Schlemmer und Alexandra Exter sowie von Isamu Noguchi, Yvonne Rainer und Haegue Yang, Isaac Chong Wai und Tino Sehgal.
Bereits Edgar Degas beobachtete in der Pariser Oper Tänzerinnen bei Proben, beim Aufwärmen und auf der Bühne. Seine Darstellungen und Skulpturen machen den flüchtigen Moment zum Gegenstand der Kunst.
Davon ausgehend spannt „TANZ!“ einen Bogen über die internationale Avantgarde bis in die Gegenwart und macht sichtbar, wie sich der künstlerische Blick auf den Tanz im Laufe der Zeit verändert:
Aus der Darstellung des tanzenden Körpers entwickelt sich zunehmend eine Auseinandersetzung mit Bewegung, Rhythmus, Raum und dem Verhältnis von Körper und Gesellschaft.
Ein Schwerpunkt liegt auf den neuen Ausdrucksformen des modernen Tanzes. So ließ sich Ernst Ludwig Kirchner von der Tänzerin Gret Palucca inspirieren.
Bei Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ verschmelzen 1922 Bühnenbild, Kostüme, Farbe, Form, Klang und Bewegung zu einem Gesamtkunstwerk, das zugleich die zunehmende Mechanisierung der Lebenswelt reflektiert.
In den 1960er-Jahren entsteht mit dem Keller der Judson Memorial Church als Epizentrum in New York eine neue Allianz zwischen Tänzer*innen und bildenden Künstler*innen.
Hier arbeiten Choreograf*innen wie Yvonne Rainer, Simone Forti und Trisha Brown mit Künstlern wie Robert Morris und Robert Rauschenberg zusammen.
Tanz wird dabei aus traditionellen Bühnenkonventionen gelöst und in den Alltag und den öffentlichen Raum getragen.
Die Ausstellung präsentiert ebenfalls eigens für „TANZ!“ entstandene Arbeiten internationaler Künstler*innen.
Dazu gehören Neuproduktionen der Künstlerinnen Eva Helene Pade und Rajni Perera sowie die Performance-Installation „Songs to Protect Us“ (2026) von Isaac Chong Wai, der sich mit dem Körper in Systemen von Macht und Repression auseinandersetzt.
Zum besonderen Erlebnis wird Tino Sehgals Aufführung „This Entry“ (2023) im Atrium der Kunsthalle: Tänzerische Bewegungen finden sich beim Kunstradfahren, beim Spielen einer Geige oder in einer Abfolge von Freestyle-Fußball wieder.
Die Grenzen zwischen Tanz, Spiel und Choreografie verschwimmen, während sich aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen ein ständig neu erfindendes Werk entwickelt.
Nach Präsentationen in Japan, Korea und den USA ist „This Entry“ erstmals in Deutschland zu erleben und führt in „TANZ!“ noch einmal unmittelbar zu einer Frage zurück, die sich durch die Ausstellung zieht: Wie lässt sich eine Bewegung künstlerisch erfassen, die ihrem Wesen nach flüchtig ist?
Gezeigt werden u. a. Arbeiten von
Emma Amos, Rudolf Belling, Antoine Bourdelle, Trisha Brown, Isaac Chong Wai, Edgar Degas, Noah Eshkol, Alexandra Exter, Jean-Louis Forain, William Forsythe, Simone Forti, Greta Freist, Lise Gujer, Katharina Heise,
Camille Henrot, Ferdinand Hodler, Rebecca Horn, Pierre Huyghe, Ernst Ludwig Kirchner, Georg Kolbe, Marie Laurencin, Robert Morris, Gabriel Moses, Vaslav Nijinsky, Isamu Noguchi, Chana Orloff, Eva Helene Pade,
Fernand Pelez, Rajni Perera, Robert Rauschenberg, Ludwig Reutterer, Auguste Rodin, Oskar Schlemmer, Lavinia Schulz, Tino Sehgal, Milly Steger, Henri de Toulouse-Lautrec, Haegue Yang
Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein umfassender Katalog im Verlag Hatje Cantz, herausgegeben von Johan Holten, Julia Katharina Thiemann und Dirk Luckow.
Der Katalog enthält neben zahlreichen Abbildungen der künstlerischen Arbeiten auch Texte verschiedener Autor*innen. Er wird im Museumsshop erhältlich sein.
Programm
Rund um die Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm, das die künstlerische Transformation des flüchtigen Moments des Tanzes aufgreift.
Neben Vorträgen, partizipativen Workshops, Führungen und Gesprächen mit lokalen Expert*innen dürfen sich Besucher*innen auch auf ein Tanz-Fest im Rahmen der Ausstellung freuen.
Entwickelt wurde das Programm u. a. in Kooperation mit dem EinTanzHaus e.V., dem Nationaltheater Mannheim, dem Institut für Deutsche Sprache und der Mannheimer Abendakademie.
„TANZ!“ wird gefördert durch: Baden-Württemberg-Stiftung, Stiftung Kunsthalle Mannheim, Hector Stiftungen, Ernst-Ludwig-Seibert-Stiftung, Fontana Stiftung, Stadt Mannheim
Eine Ausstellung in Kooperation mit den Deichtorhallen Hamburg und dem Museum de Fundatie in Zwolle.
AUF EINEN BLICK
Titel: TANZ!
Laufzeit: 13.11.26 – 07.03.27
Pressekonferenz: Mi, 11.11.26, 11 Uhr
Eröffnung: Do, 12.11.26, 19 Uhr
Konzept: Johan Holten
Kurator*innen: Johan Holten und Julia Katharina Thiemann
Kuratorische Assistenz: Dr. Stefano Agresti, Anna Baumer, Dorotea Lorenz


Sonderausstellung „TANZ!“ in Mannheim. Foto: Kunsthalle Mannheim



