Gesellschaft Freunde der Künste
Große emotionale Kraft

Musik: Yuja Wang und Gustavo Dudamel präsentieren CD "Klavierkonzerte von Rachmaninov Nr. 3 & Prokofiev Nr. 2"

Caracas, Februar 2013. Das Simón Bolívar Symphony Orchestra, internationales Aushängeschild des wegweisenden Netzwerks von Musikschulen und Jugendorchestern in Venezuela namens El Sistema, hat sich im Konzertsaal des Centro de Acción Social por la Música eingefunden.

Die junge chinesische Virtuosin Yuja Wang stellt sich hier einer großen pianistischen Herausforderung: In einem Konzert spielt sie zwei der schwierigsten Werke des gesamten Klavierrepertoires, das Zweite Klavierkonzert von Prokofjew sowie Rachmaninows Drittes.

Am Pult des Orchesters, das sich hauptsächlich aus Musikern im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zusammensetzt, steht Gustavo Dudamel, der dynamische venezolanische Dirigent und Superstar. Bei diesem Konzert im Rahmen der Feierlichkeiten zum 38. Jahrestag der Gründung von El Sistema stehen alle bereit, ihm mit ganzem und gewohnt lebhaftem Einsatz zu folgen.

Wang ist zum ersten Mal in Caracas und ist von Land und Leuten begeistert. »Es ist so schön hier, so liebenswert, so warm – und ich meine damit nicht nur das Wetter«, sagt sie. »Alles hier wirkt sehr spontan, und das entspricht genau meinem Temperament.« Dudamel und Wang waren einander als Musiker natürlich längst ein Begriff, bevor sie sich persönlich kennenlernten, beide wollten schon seit langem ein gemeinsames Projekt in Angriff nehmen. Die Gelegenheit dazu ergab sich dann früher als erwartet, erzählt Dudamel: »Da war sicher Magie mit im Spiel. Unsere Terminkalender waren schon sehr voll, aber dann war ich in Los Angeles in der Hollywood Bowl und man sagte mir: ›Wir haben da eine Solistin, die Sie interessieren könnte‹.« Und so geschah es, dass Yuja Wang im Sommer 2012 unter Dudamels Leitung das Erste Klavierkonzert von Tschaikowsky spielte. »Und jetzt, nur wenige Monate später, arbeiten wir hier in Caracas zusammen.«

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Prokofjews Zweites Klavierkonzert ist weniger populär als sein Drittes, was die Herausforderung für den Pianisten vielleicht noch größer macht – vor allem die lange, sehr komplexe Kadenz im ersten Satz ist ein großer Prüfstein. Dieses sehr dichte viersätzige Werk hat einen düsteren Charakter; Prokofjew schrieb es zwischen 1912 und 1913 im Andenken an seinen Freund Maximilian Schmidthof vom St. Petersburger Konservatorium, der sich das Leben genommen hatte. In den Wirren nach der russischen Revolution 1917 verbrannte das Autograf. Prokofjew rekonstruierte es und leitete 1924 die Uraufführung der neuen Fassung.

»Es ist ein Werk von großer emotionaler Kraft«, sagt Wang. »Für mich wie auch für das Orchester ist es ein ausgesprochen anspruchsvolles Werk. Aber ich liebe es, denn es hat so viel Charakter, so viele unterschiedliche Schattierungen. Das Konzert ist einzigartig, es enthält düstere, sarkastische, abstrakte Ideen, die nur dann wirklich zünden können, wenn alle Musiker vollkommen Hand in Hand zusammenspielen.« Und Dudamel fügt hinzu: »Für uns ist es auch in technischer Hinsicht eine große Herausforderung, ein wirklich erstaunliches Stück, sehr kompakt und stimmig konstruiert.«

Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 ist das längste, ehrgeizigste und in technischer Hinsicht komplexeste seiner Werke für Klavier und Orchester. Es entstand 1909, nur drei Jahre vor dem Prokofjew-Konzert, doch während dieses ganz klar ins 20. Jahrhundert gehört, ist Rachmaninows Konzert fest im 19. Jahrhundert verwurzelt.

»Dieses Werk ist eines der berühmtesten Klavierkonzerte überhaupt«, so Dudamel, »es braucht einen Interpreten, der in der Lage ist, eine enge Verbindung mit dem Orchester einzugehen. An manchen Stellen mag die Pianistin bzw. der Pianist spontan einer Idee folgen und das Orchester muss sich sofort anpassen – aber Yuja ist wirklich die ganze Zeit und mit allen Sinnen mit uns in Kontakt. Die Verbindung ist so eng, als spielten wir Kammermusik.«

Wangs Interpretationen dieses Werks haben weltweit für große Begeisterung gesorgt; der Rezensent des San Francisco Chronicle schwärmte über »die Tiefe und Ausdruckskraft, die sie dem ganzen Stück verleiht; bei ihrer Interpretation ist der virtuose Aspekt nur eine der vielen Facetten dieses Konzerts.«

Die Pianistin betont, dass es eine der größten Herausforderungen des Konzerts sei, den erzählerischen roten Faden im gesamten Stück stets im Auge zu behalten und nie zu verlieren. »Das Konzert erzählt eine lange, hochemotionale, durch und durch russische Geschichte«, erläutert Wang. »Es gibt viele Einspielungen, doch ich freue mich, dass diese Aufnahme die Stimmung unseres Livekonzerts einfängt – explosiv, aber kontrolliert und sehr kommunikativ.«

Wang erinnert sich noch gut daran, als  sie das Simón Bolívar Symphony Orchestra vor ein paar Jahren in der New Yorker Carnegie Hall zum ersten Mal hörte, sie war hingerissen von der Energie, dem Enthusiasmus und der Kraft dieser jungen Musiker. »Es war das wohl aufregendste Konzert, das ich je erlebt habe«, erzählt Wang. »Das Publikum war wie verzaubert, und genau diese Wirkung sollte Musik auch auf die Menschen haben.«

Die Arbeit mit dem Orchester war eine wahre Freude: »Die Musiker sind alle etwa in meinem Alter, was nicht allzu häufig der Fall ist, und es hat mich wirklich begeistert, wie unglaublich aufmerksam alle sind. Bei den Proben sind sie nicht nur sofort auf meine Wünsche eingegangen, sondern setzten alles noch viel besser um, als ich es mir hätte erträumen können. Ich hätte noch stundenlang weiterproben können, es machte einfach so viel Spaß!«

Das vorliegende Album ist von großer Bedeutung für das Simón Bolívar Symphony Orchestra: »Es ist unser erstes Album mit einem Solisten bzw. einer Solistin«, erzählt Dudamel. »Das ist sehr wichtig, denn bisher hat das Orchester immer nur symphonische Werke aufgenommen – Mahler, Beethoven, Strawinsky. Wir haben auf einen Solisten gewartet, bei dem die Chemie stimmt. Yuja ist sehr jung, sehr talentiert, wir gehören zur gleichen Generation. Wir alle bilden gemeinsam eine neue Generation von Musikern und Zuhörern, Es ist fantastisch, dass wir diese Aufnahme mit ihr in der Simón Bolívar Hall unseres Zentrums hier in Caracas machen konnten.«

Jessica Duchen

10/2013

 

Rezension:

Rondo Magazin

http://www.rondomagazin.de/kritiken.php?kritiken_id=8627