Die Aura jugendlicher Zurückhaltung, die den in jeder Hinsicht bemerkenswerten Tom Odell umweht, geht mit einer Selbstwahrnehmung einher, die so gar nicht zu einem jungen Menschen von 22 Jahren passen will. Die verführerische Kombination aus Idealismus (Tom will alleine die Musik für sich sprechen lassen und wenn möglich ein Album pro Jahr veröffentlichen) und künstlerischem Selbstvertrauen (er existiert glücklich und zufrieden in seiner ganz eigenen musikalischen Welt) ergibt ein leicht entzündliches Gemenge - insbesondere, wenn als Brandbeschleuniger derart formvollendete Musik hinzu kommt.
Über die Kunst des Songwritings zu diskutieren mag möglicherweise nicht allzu trendy sein, für den im südenglischen Chichester geborenen Einzelgänger bedeutet der Song alles. Nachdem er im Alter von dreizehn Jahren bereits mit dem Komponieren eigener Stücke begonnen hatte, tauchte er mit dem Umzug ins benachbarte Brighton in eine Szene ein, die ihn schon nach kurzer Zeit mit dem nötigen Selbstvertrauen ausgestattet hatte, in Pubs und Clubs zu marschieren und zu fragen, ob er nicht einen Spontan-Auftritt geben dürfe. „Ich schrieb ein Jahr lang ununterbrochen Songs“, erinnert er sich, „ich zog mit einem riesigen Keyboard durch Brighton und trat überall in der Stadt bei ‚Open Mic‘-Abenden auf - das war einerseits demoralisierend, aber es hat mir auch extrem gut getan.“
Gleichzeitig erweiterte sich Toms musikalisches Spektrum: neben Bowie („Hunky Dory“-Ära), den Arctic Monkeys, Cat Power und Rufus Wainwright umfasste seine persönliche Playlist nun auch Songs von Leonard Cohen, James Blake, Beach House und Elton John (Prä-„Goodbye yellow Brick Road”-Ära).
Es war jedoch ein Umzug nach London und eine Anzeige am Schwarzen Brett des Goldsmiths Colleges nötig, bevor der junge Songwriter endlich richtig in Aktion trat. Er scharte eine Gruppe Musiker um sich und bereits bei seinem vierten Gig in der britischen Hauptstadt hatte er einen Management-, einen Verlags- und letzten Endes auch einen Plattendeal in der Tasche.
Lebensbejahende und melanchonische Musik
„Ich hab immer an die Songs geglaubt. Ich war aber auch völlig ahnungslos, welche Möglichkeiten es gibt, zu versagen“, erklärt Tom Odell heute. „Erst als ich den Verlagsdeal hatte, spürte ich, dass sich die Dinge veränderten, denn mir war plötzlich bewusst, dass viele Menschen meine Songs hören würden.“
Die Geschwindigkeit, mit der sich nun die glücklichen Fügungen in Odells Leben häuften, war alleine der Qualität und der Magie der Songs geschuldet, die nur so aus ihm heraus zu sprudeln schienen. Viele davon werden sich auf seinem kommenden Debütalbum „Long Way Down“ finden.
Dass ein Teenager im Stande ist, Lieder von einer derartigen Reife zu schreiben, verwundert nicht allzu sehr, wenn man einmal erlebt hat, wie Tom beispielweise über seine große Liebe zu Film und Literatur spricht, wenn er von Klassikern wie F. Scott Fitzgerald, Kerouac und Hemingway, aber auch Woody Allen, Wes Anderson und Hal Ashby schwärmt.
Obgleich seine Musik überwiegend von lebensbejahender Natur ist, gibt es auch eine Vielzahl melancholischer Momente in seinen Stücken. Mit seinen gerade einmal 22 Jahren gelingt es Odell, Gefühle auf ebenso scharfsinnige wie authentische Art und Weise zum Ausdruck zu bringen wie jene großen Künstler, die er bewundert. Ein ungewöhnliches Talent, das in jeder Epoche Aufsehen erregt hätte - in einer Zeit, in der die Musikwelt dem Zauber sofortiger Genussbefriedung erlegen zu sein scheint, ist das Auftauchen seiner puristischen und beseelten Songs allerdings nichts weniger als ein Gottesgeschenk. Tom Odell ist der „Real Deal“. Jeder, der einmal erlebt hat, wie er fieberhaft die Plattenregale im Rough Trade Laden durchstöbert, wird dies bezeugen. Er ist ein faszinierender junger Künstler, der so sehr in die Musik verliebt ist, dass er bereits sein zweites Album plant - noch bevor das erste überhaupt erschienen ist.
Die Veröffentlichung von „Long Way Down“ steht für den 21. Juni an. „Ich hoffe, das Album wirkt menschlich und echt und dass es hier und da auch Fehler enthält – denn diese kleine Unperfektheiten machen es zu dem, was es ist“, erklärt er. „Ich würde wirklich gerne in einer Zeit leben, in der Musik ungekünstelt und unperfekt war und den Menschen ein erhebendes Gefühl gab. Wenn es traurig ist, dann möchte ich, dass es auch WIRKLICH traurig ist. Und wenn die Musik fröhlich ist, dann will ich die Euphorie spüren… ich möchte, dass die Platte all die extremen Emotionen zum Ausdruck bringt, die das Leben für uns bereit hält.“
Die Begleitumstände, die zur Veröffentlichung von „Long Way Down“ führten, hätten kaum verheißungsvoller sein können: nachdem ihn Popstar Lily Allen bei ihrem Label „In The Name Of“ unter Vertrag genommen hatte, gab er sein Fernsehdebüt gleich in der legendären TV-Show „Later… with Jools Holland“. Er tourte mit Jake Bugg und Michael Kiwanuka und sein Song „Another Love“ kam bei Modeschauen des Fashionlabels Burberry und als BBC TV-Trailermusik zum Einsatz.
Und der Start ins Jahr 2013? Fast noch besser! Im Januar wurde Tom mit dem BRITs‘ Critics Choice Award ausgezeichnet, den er aus den Händen von Vorjahres-Preisträgerin Emeli Sandé entgegen nahm. Die BBC nahm ihn in ihre viel beachtete „Sound of 2013“-Liste auf.
Und auch in Deutschland lässt sich die Sache ziemlich gut an: Am Mittwoch, den 29. Mai, startet die neue, große Werbekampagne der Telekom Deutschland. Als Kampagnen-Musik für den TV-, und Online-Spot wurde Toms Song „Another Love“ ausgewählt. Das Musikvideo zu „Another Love“ stammt vom britischen Regisseur Jamie Thraves, der in seiner Karriere u.a. wegweisende Clips für Blur, Radiohead, Verve, Coldplay und Jake Bugg inszenziert hatte.
Nach einigen restlos ausverkauften Konzerten hierzulande, u.a. in Köln und Berlin (die z.T. in größere Hallen verlegt werden mussten), wird Tom Odell nun am 9. August beim Haldern Pop Festival erneut in Deutschland auftreten. Eine umfangreiche Deutschlandtour findet im November statt.
Rezensionen:
Plattentests (deutsch): http://www.plattentests.de/forum.php?topic=79970
Tonic (deutsch): http://www.tonic-magazin.de/flamme/tom-odell-long-way-down-385/
Guardian (englisch): http://www.guardian.co.uk/music/2013/mar/04/tom-odell-review


„Ich hab immer an die Songs geglaubt. Ich war aber auch völlig ahnungslos, welche Möglichkeiten es gibt, zu versagen“, erklärt Tom Odell heute. Bild 1: Tom Odell © Andrew Whitton
Bild 2: Tom Odell © Sony Music
Bild 3: Tom Odell © Andrew Whitton
Bild 4: Single "Another Love" © Sony Music