Gesellschaft Freunde der Künste
Erst Brecht, dann Müller, jetzt Hauptschule

Frankfurter Hauptschule inszeniert "MOTOR" am Staatstheater Kassel

Wie inszeniert man heute ein Lehrstück?

Das Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule – bekannt für provokante Aktionen wie die „Heroin Performance“ oder die Entführung eines Beuys-Multiples („Bad Beuys go Africa“) sowie ausgezeichnet mit dem Autor:innenpreis des Heidelberger Stückemarkts und zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen – gibt in gewohnt humorvoller Hybris die passende Antwort:

Indem man sich in eine Reihe mit Bertolt Brecht und Heiner Müller stellt.

Mit der Uraufführung „MOTOR“ bringt das rund zwanzigköpfige Kollektiv, das sich 2013 an der Frankfurter Städelschule gründete, sein zweites Theaterstück selbst auf die Bühne und unternimmt den Versuch, mit dem Instrumentarium der großen Dramatiker zu erklären, wo wir heute stehen.

Brechts „Die Maßnahme“ wurde 1930 uraufgeführt und kontrovers rezipiert, 45 Jahre später folgte Müllers Replik „Mauser“.

Beide Stoffe problematisieren innerlinke Gewalt – einmal vor der Revolution, einmal danach. In ähnlichem zeitlichen Abstand reagiert nun die Frankfurter Hauptschule und stellt die drängende Frage: Was hat das heute mit uns zu tun?

Die Antwort kann nur schonungslos ausfallen. Denn nicht nur die historischen Lehrstücke sind als Tragödien angelegt, auch die Entwicklung der Linken und der demokratisch-antifaschistischen Zivilgesellschaft vollzieht sich von der Weimarer Republik über das geteilte Deutschland bis in die Gegenwart tragisch, gewissermaßen unschuldig schuldig werdend.

Mit scharfer Klinge stellt sich die Frankfurter Hauptschule den Phänomenen der Gegenwart und ruft zum Tribunal:

Tragen wir nicht alle Mitschuld am Rechtsruck, an der Erprobung des neuen Faschismus?

Was haben wir dagegen getan, dass AfDler:innen seit fünfzehn Jahren durch andere Parteien, Unternehmen und Talkshows als relevante Gesprächspartner:innen geadelt und mit unser aller Steuergeldern hochgepäppelt werden?

Wie konnte Paul Feyerabends philosophisches Diktum „Anything goes“ zum AFD-Wahlslogan „Alles ist möglich“ werden?

Das Publikum erwartet eine radikale Dekonstruktion der Postmoderne, indem sich „MOTOR“ auf schmalem Grat zwischen intellektueller Schärfe, Sarkasmus, Untergangsvisionen und absolutem Absurdismus bewegt.

Das Kollektiv verwischt die künstlerischen Disziplinen abermals und lässt in seinem Ordnungsversuch die heillose Unordnung erfahrbar werden, in der wir heute leben.

Denn auch Brecht wollte „Die Maßnahme“ schon nicht als Theaterstück im üblichen Sinne verstanden wissen, sondern vielmehr den Zweck verfolgen, „politisch unrichtiges Verhalten [zu] zeigen und richtiges Verhalten zu lehren.“

Postmoderne, eine große Erzählung? Kommunismus, das Schlimmste, was es nicht gibt?

Beschleunigung, Wissensgesellschaft, Fake News, Gegenwartskunst, Dschungelcamp, Klimaknall, Selfiesucht, Humans of Late Fascism, Ende?

Die Premiere findet am Freitag, 6. November, um 20:15 Uhr im TiF – Theater im Fridericianum statt und ist bereits ausverkauft. Karten für die Folgetermine sind erhältlich an der Theaterkasse, Tel. (0561) 1094-222, und online unter www.staatstheater-kassel.de .

Premiere (ausverkauft): Freitag, 6. November, 20.15 Uhr, TiF – Theater im Fridericianum, Staatstheater Kassel

Nächste Termine: Fr 13. Nov., 20:15 Uhr, Sa 28. Nov., 20:15 Uhr