19.05.2020 Der große Beard - Ein Leben wie ein Gesamtkunstwerk

Peter Beard war mythisch, grenzenlos und absolut einzigartig

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Neunzehn Tage lang blieb er spurlos verschwunden, dann stellte sich heraus, der große Fotograf, Maler und Abenteurer Peter Beard war tot. An Demenz erkrankt, hatte er sich wohl im Camp Hero State Park in Montauk, New York, verlaufen und war mit großer Wahrscheinlichkeit nach verdurstet, bis die Polizei ihn am 19. April 2020 fand.

Er war 82 Jahre alt. Peter Beard machte sein Leben auf dem afrikanischen Kontinent zum Gesamtkunstwerk: Eine Collage aus Fotografie, Umweltaktivismus und Tagebuch, jetzt unter dem Titel „Peter Beard“ bei Taschen (www.taschen.com) für 100 Euro erschienen.

Diese XL-Ausgabe auf 770 Seiten präsentiert die gesamte Welt des Künstlers. Ein wahrer Prachtband, den er noch mit seiner Frau Nejma zusammenstellte, in dem Haute-Couture-Models wie Iman, später David Bowies Frau und von Beard entdeckt, unter der kenianischen Sonne Giraffen füttern und Elefantenkadaver Zeugnis für die Zerstörung der Natur durch den Menschen ablegen.

Peter Beard war eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstironie. 1938 in eine beeindruckend reiche US-amerikanische Familie geboren, sein Urgroßvater war Gründer der Great Northern Eisenbahngesellschaft, wollte er zunächst Medizin studieren, fand für sich aber schnell heraus, dass „der Mensch die Krankheit selbst ist“.

Er widmete sich stattdessen der Kunst, wobei er sich auch ein Jetset-Leben mit Freunden wie Truman Capote, Mick Jagger oder Jacqueline Kennedy Onassis gönnte und dabei wie eine Figur aus einem Fitzgerald-Roman wirkte, ein exotischer Aussenseiter, der sich, ermutigt durch die dänische Schriftstellerin Karen Blixen, irgendwann lieber mit 23 nach Afrika aufmachte, um von seiner Hog Ranch in Kenia aus den Kontinent zu fotografieren.

Beards Fotos von afrikanischen Wildtieren erinnern in ihrer Reduziertheit und kristallener Klarheit fast an Kriegsberichterstattung: Gefahr, Tod und alles was dazwischen lauert.

(Bei dem Versuch, einen Elefanten zu fotografieren, spießte dieser Peter Beard auf und verletzte ihn lebensgefährlich.) „Als ich mich 1955 zum ersten Mal nach Ostafrika aufmachte, war es noch eine der absolut unberührten Regionen dieser Welt für wild lebende Tiere.

Heute ist es ein touristenverseuchter Parkplatz“, schreibt er in seinem Buch „The End of the Game“, weniger eine Dokumentation, sondern eher von einem prophetischen Ansatz geprägt, ohne selbst zum Propagandisten zu werden.

Die Retrospektive „Peter Beard“ zeigt, dass dieser Mann ein Künstler war, dessen Medium nicht dieses eine Foto oder jene Fotostrecke in einer beliebigen Zeitschrift war, sondern absolut alles - dass es sich um einen dieser vielschichtigen Jäger und Sammler handelte, denen nichts im Leben entgeht.

Insbesondere seine Collagen zeugen von dieser Nähe zum Sein. Mit Sicherheit gibt es in der Kunstwelt nichts annähernd Vergleichbares, und wer durch die vielen wahnhaften Schichten dringt, fällt in eine Beard-Welt der visuellen Wortspiele und peinigender Parallelen - Models und Massai, Politiker und Popikonen, BH-Werbung und sonnengebleichte Knochen, Löwen und Geisteskranke, Krokodile und Dosensuppe, abgetrennte Köpfe, Blutflecken, Innereien, Stripperinnen und Hungernde.

Mythisch, grenzenlos und absolut einzigartig sind diese Arbeiten eines Mannes, für den das Leben selbst die größte Show der Welt war. „Peter Beard“ ist ein bedeutender Fotoband eines leidenschaftlichen Künstlers, der dies bis zu seinem Tod vor nur wenigen Wochen blieb.

Sönke C. Weiss

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