Präsentation von Künstlern und ihren Werken

21.08.2017 die Qualitäten des fotografischen Bildes

Christine Forstner

Da sich an der Thematik und den Geschlechterrollen in den letzten Jahren nichts geändert hat bringen wir noch einmal den Artikel zu der Fotokünstlerin Ilse Haider, die 2011 für ihre Arbeit, den Otto Breicha-Preis für Fotokunst bekommen hat.

Das Museum der Moderne Salzburg vergab den 13. Otto Breicha-Preis für Fotokunst 2011, an die in Salzburg geborene Fotokünstlerin Ilse Haider. Die ehemals Rupertinum-Fotopreis genannte Auszeichnung für ein beachtenswertes fotografisches OEuvre wurde mit der Gründung des Rupertinums im Jahr 1983 gestiftet.

Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre an einen österreichischen oder in Österreich lebenden Fotokünstler oder eine Fotokünstlerin verliehen. Ilse Haider setzt die Reihe der Preisträger nach Alfred Seiland, Otmar Thormann, Branko Lenart, Heinz Cibulka, Manfred Willmann, Walter Berger, Paul A. Leitner, Friedl Kubelka, Seiichi Furuya, Peter Dressler, Ferry Radax und Margherita Spiluttini fort.


Ilse Haider wurde 1965 in Salzburg geboren. Nach dem Studium an der Akademie der bildenden Künste bei Arnulf Rainer und einer Ausbildung beim Fotografen Franz Hubmann studierte sie am Royal College of Art in London. Ihre künstlerische Sprache begründet sich in einer Verbindung von Fotografie und Skulptur, von bildhafter Oberfläche und dreidimensionalem Raum.

Ihre Thematik kreist um die Kritik an festgelegten Rollenbildern von „weiblich“ und „männlich“, von Stereotypen in Werbung und Alltag. Mit der Zuerkennung der Auszeichnung an die 45-jährige Künstlerin setzte die Jury einen Akzent in Richtung einer neuen Auffassung von Fotografie im Kunstkontext und für eine junge Generation von KünstlerInnen, die mit dem Medium Fotografie im erweiterten Sinn arbeiten.


Die Preisträgerin wurde auf Expertenempfehlung ermittelt. Die Jury bestand aus Christa Breicha, Philipp Otto Breicha, Margherita Spiluttini, Charlotte Kreuzmayr und Margit Zuckriegl. Der Preis erinnert an die Initiative des Gründungsdirektors des Museum der Moderne, Otto Breicha (1932 – 2003), der hier die erste fotografische Sammlung des Landes und den Rupertinum-Fotopreis etabliert hat.

Großer Dank gebührt Christa und Philipp Otto Breicha, die mit ihrem großzügigen Beitrag die Dotierung des Otto Breicha-Preis für Fotokunst 2011 in Höhe von Euro 5.000.- erneut ermöglichen.


Die Ausstellung mit Objekten und Fotografien der Preisträgerin zeigt die seit 1983 in Wien lebende Künstlerin als Grenzgängerin zwischen Bild und Skulptur, zwischen Fotografie und Inszenierung. Ihre Themen kreisen um scheinbar festgelegte Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft und deren Verunsicherung bzw. deren Dekonstruktion.

Der „schöne Mann“ wird gleichermaßen als Bild gezeigt, wie er als spielzeughaftes Objekt ironisiert wird. Die „ideale Frau“ als Schauspielerin oder antike Göttin wird in den fragmentierten Foto-Relief-Arbeiten in Facetten aufgelöst und damit gewissermaßen der Sichtbarkeit entzogen.

Stereotypische Bilder der Werbeästhetik - mit perfekten Körpern und sexgeladenen Symbolen - werden in den Bildwerken Ilse Haiders als „objets trouvés“, als Ausgangsmaterial für ihre Veränderungen und Metamorphosen verwendet.

 

Ilse Haider. Objekte und Fotografien
Otto Breicha-Preis für Fotokunst 2011
Ausstellung im MdM Rupertinum

 

Kontakt

MdM SALZBURG

Museum der Moderne - Rupertinum Betriebsgesellschaft mbH

Christine Forstner: Presse / Öffentlichkeitsarbeit

Mönchsberg 32, 5020 Salzburg • Austria

T +43.662 84 22 20-601

F +43.662 84 22 20-701

www.museumdermoderne.at

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20.08.2017 Abbild und Reflex unserer Alltagskultur

GFDK - Adina Rieckmann

„Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.“ Erzählt Rainer Maria Rilke und weiter: „Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.“ Nadine Wölk hält sich nicht an Rilke. Dafür verliert sie sich zu oft in der Nacht. Wenn sie wenigstens nur ihren Nachbarn suchen würde, wenigstens nur ihn. Nadine Wölk aber ist ein echtes Nachtkind.

Sie sucht die wichtigste Eigenschaft der Nacht. Die Dunkelheit. Denn die Dunkelheit ist mächtig, sie macht, dass Nachtruhe herrscht, dass es überall still wird, ganz leise. Sie zieht einen tiefschwarzen Schleier übers Land, sie macht, dass wir nicht mehr genau sehen können, dass Schwarz und Weiß sich miteinander vermischen. Wenn wir dennoch Farben wahrnehmen, dann nur, wenn die hellsten Sterne leuchten. Und doch ist es nie wirklich dunkel.

Selbst bei klarem, mondlosem Nachthimmel ganz und gar ohne Fremdbeleuchtung: Der Himmel ist nicht vollständig schwarz. Lichter schwirren in der Luft, Glanzspuren, Reflexe, Fixpunkte, genauer gesagt, das Funkeln und Leuchten der Moleküle aus der Atmosphäre, die tagsüber von der Sonne
ionisiert wurden.

All diese Lichter aber sorgen für eine Magie. Für einen Zauber, den Nadine Wölk unbedingt auf der Leinwand festhalten will. Egal, wie viel Platz ihr der Rahmen dafür bietet, ob zwanzig mal vierzig Zentimeter oder zwei mal zwei Meter. Hauptsache festhalten.

Ihre Farben der Nacht komponiert sie stets aus dem Schwarz, aus der Dunkelheit heraus. Die Farben pellen sich geradezu aus dem Schwarz. Und so kommt es, dass Augen überdeutlich flackern oder den Betrachter mitunter mit hässlich verzerrtem Gesicht furchtlos, schamlos fixieren: Uns gehört die Welt, wir sind jung, wer bietet mehr? Platz da, hier bin ich.

Und manchmal ist in den Augen auch ein Glitzern, eine Art Kichern, einfach nur so, unbändig, ohne Sinn und Verstand, weil heute Vollmond ist, die Sterne so hell leuchten, weil das Leben schön ist, weil die Miete für diesen Monat bezahlt werden kann und es dennoch für ein Bier extra reicht, vielleicht auch für zwei.

Andere Augen wiederum verweigern sich dem direkten Blick, schauen sonst wohin, nur nicht zu uns. Es scheint, als verstecken sich die Abgebildeten, vor uns, vor sich selbst, als müssten sie sich schützen, unbedingt, als könnten wir in ihrer Mimik, ihrer Gestik Dinge ablesen, die ihnen nicht lieb sind. So sehr sie sich aber schützen, sich beiseite drehen, ihre Augen von uns abwenden, wir verstehen sie trotzdem, wir lesen diese Gesichter, diese Körper wie eine Landschaft, eine Seelenlandschaft.

Um all diese Menschen herum aber ist immer Licht. Licht, das flüchtigste Element, welches an den Leerstellen austritt, das be- und erleuchtet und das dem im Dunkel Verborgenen Form und Gestalt verleiht. In gleißendem Weiß, Rot, Blau oder Grün „brennt“ Nadine Wölk die Lichtspuren auf die Leinwände.

Diese Farbtupfer – das ist offensichtlich – sie sind ihre Glücksmomente, mit ihnen schafft sie einen ganz eigenen Zauber, den Nadine Wölk-Zauber, den, der ihre Bilder besonders macht, unverkennbar.

Statische Momente werden potenziert, eine Leuchtreklame, ein Verkehrsschild, eine Prosecco-Flasche, eine rote Pudelmütze, ein Hotdog, sie überstrahlen die eigenen Strukturen und bleiben doch ganz klar, fast überdeutlich, während Flüchtiges, ein Autoheck mit Fuck you, ein bewegter Lichtschein nur einen schwachen Eindruck, mehr einen Schatten auf der Netzhaut des Bildes hinterlässt.

Nadine Wölk moduliert und dirigiert mit schnellen Acrylstrichen einen harten Rhythmus auf ihre Bilder: Flirrendes Leben in der Tiefe des Bildraumes ebenso wie Schlaglichter in vorderster Reihe. Das hier sind alles Augenblicke, Schnappschüsse einer Nacht. Diese Momentaufnahmen findet Nadine Wölk beim Feiern und Grölen am Lagerfeuer, an den Bushaltestellen oder an der Autobahn.

Ununterbrochen fotografiert sie. Keiner der Freunde ist vor ihr sicher, egal, ob er Kette raucht, besoffen lallt, hysterisch kichert oder hilflos durch die Gegend zieht. Nachtgänger, die, im Licht stehen, detailgetreu wie ausgeschnitten, gesteigert durch den starken Hell-Dunkel-Kontrast. Und dann stehen dort noch jene im Dunkeln, die wir nicht sehen können, nur ahnen.

Das sind jene, die, wenn die Turmuhr schlägt, zurück in ihre Löcher kriechen, die Nadine Wölk mit dicken Farbschichten übertüncht hat, beseitigt, für immer und ewig unter Quasten getilgt. Denn der Tag soll nicht bei der Nacht schlafen, er ist hier fremd, er gehört hier nicht hin. Das ist die Stunde der Nachtgestalten, der Paradiesvögel, der Kinder der Nacht.

Ob die Porträtierten sich immer in den Bildern und Zeichnungen von Nadine Wölk wieder finden? Will man sich wirklich so sehen, mit schiefem Blick, mit grölendem Mund, mit fahrigen Händen? Vielleicht ist ihre Sprache die ihrer Generation? Sie ist es unbedingt. Nadine Wölk, Jahrgang 1979, malt kaum Ältere, immer wieder aber Gleichgesinnte.

Ihre Porträts machen glauben, als wäre, was erzählt wird, längst Gegenwart und somit vergangen. Was fast wie eine Hoffnung wirkte, wenn das nicht die Zeit wäre, die aus den Fugen gerät. Vielleicht kann man auch mit Schnappschüssen die Zeit nicht festhalten. Vielleicht zählt nur die Idee, nicht das wirkliche Leben. Die vielen Abzüge aber füllen den Tisch im Atelier, in der Wohnung.

Eines Nachts nimmt der Nachtmensch Nadine Wölk all die Abzüge in die Hand und schaut sie sich an, immer wieder. Bis es klick macht, bis sie nicht mehr sieht als auf dem Foto zu sehen ist, bis sie die Wirklichkeit ausgeklammert hat, bis sie nur noch den Geruch spürt, das Lachen hört, das Schreien.

Dann erst fängt sie an, dann erst bearbeitet sie die Leinwand, das Papier. Bei allem Realismus, sagt sie, man muss auch erkennen, dass es ein Bild ist, das es lebt, dass die Farbe noch läuft. Zum Schluss zähle ohnehin nicht mehr das Foto, sondern nur noch die Erinnerung an den einen Augenblick, an die Situation, die sie festgehalten hat: Ich bin schließlich keine Fotografin. Ich iefere keine Fotos, keine Dokumentationen.

Die späten Stunden im Atelier sind für die HfBK-Absolventin und Meisterschülerin von Martin Honert ganz besondere Augenblicke. In diesen Stunden besinnt sie sich, ist sie kreativ, sieht sie um sich herum all die Freiräume. Jetzt in der Nacht – zurückgezogen in ihrem kleinen Atelier – kann sie die Geschehnisse des Tages reflektieren, schöpft sie Kraft und Inspiration und Klarheit.

Und so ist in der Tat alles auf den Arbeiten von Nadine Wölk ganz klar und gleichzeitig auf das Wichtigste reduziert, es fehlt nichts, nicht mal ein Hauch, es ist alles gesagt. Immer aber – selbst wenn wir nur eine einzelne Person sehen, ein kleines Detail – füllt Nadine Wölk ihre nächtlichen Szenen mit reichen Assoziationen, tiefen Emotionen und poetischen Stimmungen aus.


Das wir uns dennoch nicht missverstehen: Hier ist nicht die Idylle zu Hause, das Friede-Freude-Eierkuchen. Viele Blicke haben etwas Einschüchterndes, etwas Aggressives, etwas Unruhiges an sich. Manche ihrer Arbeiten allerdings sind auf eine eigenwillige Weise laut, fröhlich, makaber. Die Thüringer Bratwurst
auf dem Rost wird zu einer Ikone stilisiert, auch wenn sie manch einen her abstößt.

Das Pommesfressende dicke Eichhörnchen ruft eher Abscheu hervor als Begeisterungsrufe: Oh wie niedlich. Und auch der weiße Hund wird eher fortgejagt als mit Mitleid überzuckert. So süß ist er nun auch nicht. „Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.“ Erzählt Rainer Maria Rilke. „Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. Und machst du nachts deine Stube licht, um Menschen zu schauen ins Angesicht, so mußt du bedenken: wem.“


Ich bin sicher, Nadine Wölk weiß sehr genau, wem sie ins Angesicht geschaut hat. Nämlich ihren Freunden und sich selbst. „Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.“ Wohl aber für eine mutige junge Frau. Für eine, die sowohl die Stille aushält als auch die Unruhe, für eine, die sagt: „Ich will nicht für reiche Villenbesitzer malen. Ich male für meine Generation. Für wen denn sonst?“

Was Nadine Wölk auszeichnet, ist nicht nur ihr eiserner Fleiß, auch die innere Anteilnahme. Sie ist keine Voyeurin, dennoch beobachtet sie ihre Freunde, ihre Familie sehr genau, vielleicht auch genauer als ihnen allen lieb ist. So ist das eben. Wenn Menschenkinder wie Nadine Wölk laut sind, dann sind sie eben laut. Dann gehen sie in der Nacht wenigstens nicht unter.


Adina Rieckmann

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Projektraum am Weißen Hirsch | Galerie Grafikladen

Gwendolin Kremer
Plattleite 66
01324 Dresden

Telefon: 0176 . 622 73 40 9
Fax: 0351 . 263 17 53
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www.galerie-grafikladen.de/


 

 

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20.08.2017 komponiert Erzählungen und dirigiert Stücke

GFDK - Redaktion

Kontextdislozierung: ein Zebra im Konzertsaal, eine fliegende Taube in einem barocken Innenraum, eine in der Mode der 1950er Jahre gekleidete europäische Familie, die wie selbst- verständlich durch eine orientalische Architektur spaziert,ein Luftballon, der zum Leuchter mutiert.

Thomas Draschans ornamentale und präzis komponierte Collagepretiosen spielen in Phantasieweiten, in zeiten - und kulturenübergreifenden Architekturen wie Pagoden, Moscheen, Räumen des Wiener Jugendstil und steilen Gebirgslandschaften.

Er nivelliert Maßstäbe, Raumzusammenhänge, Zeitebenen und Materialunterschiede. Draschan löst geografische und architektonische Zusammenhänge zu absurden Raumkombinationen auf, sie erinnern an Giorgio de Chirico und die pittura metafisica.

Er komponiert Erzählungen und dirigiert Stücke: Relationen zwischen den Bildelementen, Figuren und Räumen entstehen nicht durch narrative Konsistenz, statt dessen spielt er in ästhetischen Balanceakten und eklektizistischen Rankenformationen emotionale Binarismen gegeneinander aus - Terror und Freude, Hass und Liebe.

Existenzielle Verhärtungen jedoch löst der Macher von 'Fare Mondi', wie die aktuelle Collage' im öffentlichen Raum im Kunsthalle-Schaufenster selbstsprechend betitelt ist, mit Nonchalance und Koketterie. Seine transformative Kunst lässt Superlative aufeinanderprallen. Sie oszilliert zwischen Mikro und Makro, mutet universalistisch an, bedient sich Mystizismen, verwendet Bilder aus dem Weltraum, der Natur mit Wasserfällen, Blitzen und Explosionen.

Die Verschwendung von Material ist die Essenz von Thomas Draschans Arbeit: Sein Verschwenden kennt keine Erschöpfung, es ist wie mit dem Schlafen, dem Essen und dem Lieben, sein Verschwenden ist ein Impuls, der nicht zu tilgen ist.

Für seine Sujets gräbt der in Berlin und Wien lebende Künstler in banalem Alltagsmaterial wie alten Magazinen, Fachzeitschriften und Postkarten nach Motiven, die er während seines manischen Vagabundierens durch Second Hand-Läden und Flohmärkte findet.

Das fertige Kunstwerk assimiliert das heterogene Material, das hochaufgelöst eingescannt und am Computer Artist Pages zusammengefügt wird. Als geometrisch abstrakte Elemente bereichern die unterschiedlichen Rasterund Pixelstrukturen die Oberflächen: Fotografien haben kaum Raster, alte Postkarten aus den USA sehen in der Pixelung und Farbgebung ganz anders aus als die aus Europa.

Das Werk des österreichischen Künstlers, der bei Peter Kubelka in Frankfurt studierte, basiert auf der Auseinandersetzung mit filmischen Positionen wie dem Handlungspurismus von Dziga Vertov und dem Foundfootage-Spezialisten Bruce Connor.

Ausgehend von den schnell geschnittenen Foundfootage Arbeiten wie 'Metropolen des Leichtsinns' entwickelte Draschan über zweidimensionale Collagen und Videos wie Freude, das sich aus ungefähr zwölf Standbildern pro Sekunde zusammensetzt, die aktuelle Videoarbeit 'Continental Divide':

Hier folgt Draschan einem neuen ästhetischen Prinzip, das Video ist viel langsamer angelegt, der Schnitt als akzelerierendes Werkzeug zur Verdichtung von visueller Information weicht nun einem sinnlichen Aufbau - nicht ganze Bilder oder Bildreihen, sondern nur Fragmente wechseln sukzessive die Frames.

Nur wenige Bildteile bewegen sich, Stillstand und Veränderung geben sich die Hand. Schmetterlinge fliegen und Elefanten marschieren durch das Bild, die Farbe des Himmels wechselt von Grau über Blau in bedrohliches Pink. Bilder im Bild tauchen auf, die Landschaften und Felsformationen werden zum Rahmen von Portraits, antike Tore fassen einen Footballspieler und eine strippende Lady ein.

Die zeitliche Stückelung der früheren Videos in den rasanten Schnittfolgen wird durch ein Collagewerk ersetzt, das im Laufbild sukzessive Motive, Vorder- und Hintergrund variiert. Das Arbeitsprinzip deutet sich bereits im Titel an, wie kontinentale Platten verschieben sich die Bildelemente, suchen ihre Position in der Komposition, driften auseinander, stoßen wieder zusammen und verzahnen sich.

Thomas Draschans Kunst ist Paradiesgarten und artifizielles Schlaraffenland der geheimen Wunscherfüllung. Es scheint, als würde er an die Tore des Unbewussten klopfen und auf direktem Weg im Verborgenen schwelende Triebe, Ängste, Wünsche und Kindheitsträume visualisieren. Seine überbordende Ästhetik lehnt sich an Literatur der Decadence wie Gustave Flauberts 'HI. Antonius' und Joris-Karl Huysmans 'Ä rebours' an.

In der Kultivierung von eskapistischen Tendenzen und symbolhaften Verdichtungen verschmelzen Innen- und Außenwelt zu Phantasmagorien, die in einem zeitlosen Niemandsland spielen. Was bleibt, ist der Augenblick - Bewegungen wie der Ballwurf eines Jongleurs werden just in einem Moment eingefroren, und der Schneeball, den ein Junge auf einen Papageien wirft, steht in der Luft still.

 

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L.A.Galerie Lothar Albrecht

Domstraße 6

60311 Frankfurt am Main

 

 

 

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20.08.2017 Werbung, Konsum und Warenwirtschaft

Dr. Stefanie Lucci

Stephan Widera’s gemalte Collagen fügen die Welt neu zusammen. Dabei spart er nichts aus, was gesellschaftliche Realität ausmacht. Ob Werbung, Konsum und Warenwirtschaft,  Pharmaindustrie, Politik und Propaganda, Porno und Erotik.

Ob Promi-Lust und Star-Allüren, Moden und der so genannte Zeitgeist, - alles gerät in Stephan Widera’s Blick. Munter vermengt er dabei Historisches mit Aktuellem, Ernstes mit Banalem, baut Slogans und Schlagzeilen in seine surrealen Bildwelten ein.

Für dieses Kaleidoskop der Möglichkeiten greift Stephan Widera auf Vorlagen aus der populären Bild- und Medienwelt zurück, die in ihrem Ursprung stets kenntlich bleiben. So hat der Volksempfänger des Dritten Reiches ebenso wie das Titelblatt-Layout des Magazins Der Spiegel Einzug in das kollektive Bildgedächtnis gehalten, genauso wie die typischen Werbebilder von Waschmaschinen und Suppendosen.

Stephan Widera’s Bilder sind farbenfroh und spielerisch. Mit der vermeintlichen Unschuld eines Kindes scheint er seine Vorlagen nach dem Prinzip des Zufalls zusammenzubauen.  Köpfe werden mit Tomaten vertauscht, der Wunderdoktor wird bemüht und Dinosaurier-Waschmaschinen bekommen Beine. Was zunächst zum belustigten Schmunzeln einlädt, entwickelt jedoch rasch ein Eigenleben mit völlig neuen möglichen Zusammenhängen, manchmal bissig, manchmal heiter, aber immer mit ironischer Klarsicht, was hinter den Dingen verborgen liegt.

Denn was heißt es denn, wenn beispielsweise die Warenwelt Köpfe besetzt oder besser: ersetzt? Ein Mao-Anzug einen Pichelsteiner Eintopf Dosen-Kopf auf den Schultern trägt, aus dem Volksempfänger ein banales Muschellied rauscht, ein Zeigefinger-Kopf erigiert aus dem Kragen ragt, Sprechblasen mit mehr und Freizeit Köpfe bilden und Body-Kult vorgeführt wird?

Was passiert, wenn bei dem Bild mit dem Werbeslogan: Diese Drei wissen, wie gut Gesundheit schmeckt! nicht nur Werbeversprechen assoziiert werden, sondern unmittelbar  auch die Gesundheitsreform der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt? Worauf spielt dieser sexy Fernseher an?

Mit derselben abgründig humoristischen Betrachtung widmet sich Stephan Widera auch der Kunstgeschichte. Den affirmativen Geist der Pop-Art konterkariert er beispielsweise mit seinen brisanten gesellschaftlichen Bezügen, und Warhols Suppendosen werden durch politische Einsprengel aufgeladen. Den Konstruktivismus, der immerhin auch Gesellschaftsutopie war, lässt er einen leichtfüßigen, virtuosen Freudentanz aufführen.


Wladimir Tatlin und Oskar Schlemmer lassen grüßen. Oder er malt eine Figur, die
einerseits an einen Computer erinnert, aber auch eine auffällige Nähe zu den berühmten Michelin-Männchen des Französischen Autoreifenherstellers aufweist sowie zu Thomas Schütte’s Skulpturengruppe Giganten.

Es fällt auf, dass in Stephan Widera’s Welten Individualisten fehlen. Als Kommentar zu unserer derzeitigen Gesellschaft ist dies durchaus präzise. In einer Gesellschaft, die ausschließlich von wirtschaftlich orientierten Gruppeninteressen gesteuert wird, fällt der Einzelne schließlich nur noch als statische Größe ins Gewicht.

Stephan Widera’s Bilder entlarven die dazu notwendigen Mechanismen der Propaganda und Slogans als Gesellschaft konstituierende Realität. So gesehen betreibt Stephan Widera mit seinen
absurden Bildwelten sowohl aktive Medien- als auch Gesellschaftskritik wie ebenso fundierte Kunstkritik, - und das mit einem sympathischen Lächeln im Augenwinkel.

© Dr. Stefanie Lucci

 

Stephan Widera

geboren 14.03.1962 in Bremen,
lebt und arbeitet in Düsseldorf.

 

Künstlerischer Werdegang

An der Hochschule Niederrhein / Krefeld studierte er Grafik-und Objekt-Design u.a. bei Prof. H. Görtz, Prof. W. Zeiser, Prof. G. Dohr, Prof. Albrecht und Prof. R. Sachsse.
Parallel zum Studium gestaltete er bereits als Auftragsarbeiten grossformatige Wandgemälde in Unternehmen und öffentlichen Gebäuden in Bremen.
Seit seinem Studien Abschluss ist er als freier Künstler und Illustrator tätig

Seine Bilder konnte man bei vielen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland sehen in Galerien, Museen und auf Kunstmessen.

Mitglied im BBK (Berufsverband bildender Künstler)
Eingetragen im Künstlerverzeichnis der Stadt Düsseldorf

 

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20.08.2017 überdimensionale Ölgemälde

GFDK - Galerie Voss

Die Ausstellung "The Land of Kubla Kahn in der Galerie Voss zeigte neue Arbeiten der kanadischen Künstlerin Kate Waters. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf das  englische Gedicht "Kubla Kahn or a Vision in a Dream: A Fragment" von Samuel Taylor Coleridge (1772-1834), der sein Gedicht selbst als eine psychologische Kuriosität bezeichnete.

Es entsprang einer fiktiven Rückbesinnung an die Realität, wie ein Traum auf Papier getrübt durch eine Dosis medizinischem Opiums. Kate Waters nutzt dieses Gedicht als eine Metapher für die Malerei basierend auf Fotografien und gleichzeitig für das Herbeiführen eines Realitätswechsels.  

Kate Waters' Ausstellungstitel beziehen sich stets auf zeitgenössische Stellungnahmen die sie ganz subjektiv in ihren Bildern umsetzt. Ihr atmosphärischer Realismus bleibt weiterhin ein Motiv auch in dieser Ausstellung "The Land of Kubla Kahn" die großteils aus überdimensionalen Ölgemälden besteht. Die Straßen, Gassen und Cafés scheinen jedoch fast verlassen und menschenleer.

Ansammlungen von Menschen tauchen in den  Bildern von Kate Waters nur vereinzelt auf. Arbeiten  wie " You're a fool if you think it is over" und "Miss Spentyouth or Oblivia and Promiscuity Downtown" zeigen Menschen in der Nähe von Wasserquellen. Der Einzelne erscheint abwartend, gespannt darauf, was sich ereignen wird.  

Kate Waters thematisiert in ihren Arbeiten Freundschaft, Familie, Kommunikation Patriotismus und Entfremdung. In manchen Werken verwendet Kate Waters eine weitaus deutlichere Collagetechnik, um den Eindruck zu erwecken, dass eine Realitätsgrenze überschritten wurde, und die von dem Beobachter abverlangte Wahrnehmungsverschiebung vielleicht ein Zeichen für etwas bald Bevorstehendes ist.

Kontakt

Galerie Voss

Mühlengasse 3

40213 Düsseldorf

Tel: +49 (0) 211 / 134 982

Fax: +49 (0) 211 / 133 400

Web: http://www.galerievoss.de

 

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20.08.2017 zu sehen in Stade bis 9. Januar 2011

Kunsthaus Stade

Der Künstler Nazim Ünal Yilmaz sollte sich in der Türkei besser nicht blicken lassen. Unter Erdogan Herrschaft dürften Homosexuelle einen schweren Stand haben.

  „Er macht sich selbst zum Thema mit seinen Begehrlichkeiten“ so Daniel Richter über die Arbeiten Nazim Ünal Yilmaz' in der Ausstellung Painters on the run.

In der Schau im Kunsthaus Stade sind derzeit Yilmaz' Bilder ausgestellt, in denen er sich mit seiner Homosexualität auseinandersetzt, das Machtgefüge zwischen Staat und Religion in seinem Geburtsland der Türkei darstellt und immer wieder auch die Rolle der Sexualität in der Gesellschaft hinterfragt.

Nazim Ünal Yilmaz hat sein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien mit Auszeichnung abgeschlossen, er hatte in Daniel Richters Klasse studiert und war diesem immer wieder aufgefallen.

Richter über das Werk Yilmaz': „Er trifft Aussagen über die Welt und sich und nicht über seine Befindlichkeiten. Dabei ist seine Malerei sehr humorig und selbstironisch, mal übertrieben pathetisch, ein bisschen schwelgerisch, barock-manieristisch, mit präzisem, zugreifendem Pinselstrich. Es geht dabei mehr um eine Form von Wahrheit und Bild als um Schönheit.“


PAINTERS ON THE RUN
Gegenwartskunst von Kalu Obasi, Anne Cathrin Ulikowski, Nazim Ünal Yilmaz und Daniel Richter

Kunsthaus Stade

 

Kunsthaus Stade

Wasser West 7
D 21682 Stade
t +49 (0) 4141 44824

f +49 (0) 4141 45751
www.kunsthaus-stade.de

 

Curriculum Vitae Nazim Ünal Yilmaz
1981 born in Trabzon, Turkey

2005 Anatolia University, Fine Arts Faculty, Turkey
2010 Akademy of Fine Arts Vienna, Austria master degree, lives and works in Vienna and Istanbul

Bild 3-4: Portraitbilder Nazim Ünal Yilmaz

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17.08.2017 Freudsche Unheimlichkeit

GFDK - Redaktion

Was aus dem Berliner Künstler "dirkson" geworden ist können wir nicht beantworten. Seit 2011 haben wir nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht ist er ja im Berliner Moloch untergegangen. Oder er Arbeitet heute unter seinem Nahmen Ricola Brasselmann. Wir wissen es nicht.

Mit der Rouge & Rettich Kollektion gibt dirkson Einblick in die schillernd absurde Welt der Dragqueens. Frei von Konventionen und knapp an der Realität vorbeigerutscht wird hier ein Lebensgefühl präsentiert, wie es in der Welt der Drags alltäglich ist.

Rouge & Rettich war eine Travestiegruppe aus München welche sich mit dem Ausscheiden von dirkson alias Ricola Brasselmann auflöste. Die Kollektion widmete er seinen Freunden und der Vielfalt.

dirkson's Bilder sind in ihrer Farbigkeit sehr intensiv. Dennoch spürt man beim Betrachten unwillkürlich eine gewisse Distanz. Auf den Fotografien in Verbindung mit Acrylfarbe werden die geschossenen Objekte aus ihren nur noch erahnbaren Kontext gerissen. Das so völlig anders Präsentierte lässt damit auch einen anderen Blick zu. Die Folge ist, dass man beginnt, genauer hinzusehen.

Durch dirkson's Arbeiten geschieht genau das, was Kunst in ihrem Anspruch im Sinn hat: nämlich die Automatismen unserer alltägliche Wahrnehmung zu brechen, die Gegenstände wieder sichtbar zu machen, indem der Künstler (oder das Kunstwerk) die Dinge da draußen verfremdet.

Es ist eine Art der Freudschen Unheimlichkeit, die dirkson in seine Bilder einschreibt. Wenn man von Unheimlichkeiten spricht, dann meint man die Momente in den Bildern, die so geheimnisvoll, verborgen und unergründlich sind, dass sie unsere ganze Aufmerksamkeit gefangen nehmen.

dirkson's Figuren machen glauben, dass sie sich absolut nicht für ihre Betrachter interessieren. Ihre Körper gehen auf Distanz, versuchen befremdlich zu wirken, aber gerade diese zur Schau getragene Fremdheit führt uns wieder zu den eigentlichen Dingen zurück.

Olaf Nenninger

Bilder: Rouge & Rettich ganz privat, 2000,  Collage auf Leinwand, 30 x 30 cm

Atelier dirkson

Dirk Stegmeyer

Danzigerstraße 47

10435 Berlin

030-42 80 34 81

0179-693 88 11

www.dirkson.de

Vita dirkson

1970 in Köln geboren, wuchs dirkson am Tegernsee in Oberbayern auf. Er studierte Industrial Design an der Fachhochschule für Gestaltung München. 1996 erhielt er den Bayrischen Designförderpreis. Es folgten zahlreiche Ausstellungen seiner Arbeiten in München, Köln, Weimar, Bielefeld, Potsdam und Berlin.Heute lebt und arbeitet er als freier Maler und Gestalter in Berlin.

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15.08.2017 Die Werksreihe ROLMODELLEN

Galerie Hilaneh von Kories

Die Werksreihe ROLMODELLEN mit Bildern von Schilte & Portielje wurde von der Hamburger Galerie Hilaneh von Kories präsentiert. Ein Bilderkosmos ganz in schwarz-weiß, und eine Welt, in der oft einzelne, entrückt wirkende Figuren den Mittelpunkt behaupten.

Diese Sicht bestimmt den ersten Eindruck des Werkes des niederländischen Fotokünstler-Duos Schilte & Portielje. Schnell ließe sich auf klassisch analoge Fotografie schließen.

Doch die Figuren, überwiegend Frauen mit eigenwillig verdrehten, manchmal manieristisch anmutenden Gliedmaßen und aufwändiger, an extravagante Haute Couture erinnernde Garderobe, offenbaren die willentliche Konstruktion dieser Körper.

1975 haben sich die gelernte Malerin Jacqueline Portielje und der studierte Architekt Huub Schilte kennengelernt und inspirieren sich seither nicht nur gegenseitig in ihren Einzelarbeiten, sondern ergänzen sich derart, dass sie seit 1997 unter dem Gemeinschaftsnamen Schilte & Portielje zusammen arbeiten.

Beide erforschen seit 1994 den Computer als künstlerisches Medium und nutzen ihn als »digitale Dunkelkammer«, aber auch als Zeichen- und Malwerkzeug für ihre fotografischen Arbeiten.

Technisch gesehen produzieren Schilte & Portielje Computer-Collagen, denen lange und komplexe Arbeitsvorgänge vorausgehen. Jeder für sich wählt aus einer großen Bilddatenbank Fragmente aus, die anschließend auf ihre Tragfähigkeit für ein gemeinsames Bild untersucht werden und zu klein- bis großformatigen, aus mehreren Sektionen bestehenden Bildern verwirklicht werden.

Die Zusammenarbeit, in der sie ebenso Einzelnes wie Gemeinsames produzieren, schließt kritisches Begutachten und Verwerfen jedes einzelnen Beitrags ein. Dieser Produktion unterliegt ein Prozess der Intuition, der keine genaue Regeln, vielmehr ein lang eingeübtes Verständnis kennt.

Was in den ausschließlich schwarz-weißen Bildern auffällt ist neben der Behandlung der einzelnen Figur die Rückenansicht. Zahlreiche ihrer Werke zeigen den Menschen von »hinten«, manchmal auch hinten und vorne kombiniert, indem die Beine sich ins Bild hinein bewegen, der Oberkörper sich aber aus diesem hinaus bewegt.

Anderen Bildern wohnt ein dezent surrealistischer, manchmal sogar mythologischer Zug inne, wie z.B. dem Bildnis einer Frau mit überdimensioniertem Schwan, welches unweigerlich an Darstellungen der Leda erinnert.

Schilte & Portieljes Werke reflektieren die Welt, in der sie leben, auf künstlerische Weise. Sie beschäftigen sich mit fundamentalen Aspekten des menschlichen Seins. Um jedoch der Deutung ihrer Bilder keine Richtung zu geben, verzichten Schilte & Portielje bewußt auf Titel. Die Interpretation ihrer Arbeiten soll ausschließlich beim Betrachter liegen.

Ihre Werke sind keine Fotografien im klassischen Sinne, sondern vielmehr Bilder, die sie »in einen Dialog zwischen Fotografie und Zeichnung« setzen. Deshalb verwundert es auch nicht, ihre Arbeiten wie in der Malerei teilweise mit Firnis versiegelt zu sehen.

Die Ausstellung »Rolmodellen« zeigt eine Auswahl von großformatigen Lambda-Prints auf mattem Acrylglas in Holzrahmen. Bei den kleinen Motiven handelt es sich um Prints auf Fuji Crystal, übertragen auf Leinwand und aufgezogen auf handgefertigte Holzrahmen, mit UV-Gel und Firnis beschichtet. Unter dem Titel »photoworks beyond reality« ist ein Ausstellungskatalog erschienen. Huub Schilte und Jacqueline Portielje arbeiten und leben in Rotterdam.

www.schilteportielje.com

Galerie Hilaneh von Kories
Stresemannstraße 384a (im Hof)
22761 Hamburg
Fon: +49 (40) 423 20 10
mail@remove-this.galeriehilanehvonkories.de
www.galeriehilanehvonkories.de

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15.08.2017 Ein Gedankenexperiment

GFDK - Galerie Adler

Was ist daraus geworden? Alles ist möglich – aber in der zeitgenössischen Kunst entsteht tatsächlich nur selten etwas „Neues,“ etwas, das unsere Wahrnehmung und unseren Geist wirklich fordert. Werke, bei denen uns während der Betrachtung ein leichter Schwindel erfasst - ein Zeichen dafür, dass das Gesehene in keine bekannte Kategorie passen will. Wie bei der 2001 in Berlin gegründeten Künstlergruppe ARTISTS ANONYMOUS.

Ein Gedankenexperiment


Einmal angenommen, man könnte alle jemals geschaffenen Bilder übereinander legen, bis aus dieser Schichtung von Motiven und Farben Schritt für Schritt ein Einheitsfarbton würde. Das Ende der Farbigkeit. Vielleicht bliebe nur Schwarz.
Everything is done.

Oder wir nehmen an, es gäbe eine Art Resetbutton, um die innere und äußere Bilderflut zu löschen. Ein Neuanfang. Wahrscheinlich wäre das, was übrig bliebe, reines Weiß. Die Farbe, die alle anderen enthält, oder gemäß Malevich, der „monochrome Nullzustand.“ Everything is possible.

Diese beiden Pole thematisieren – in Form je eines weißen und eines schwarzen quadratischen Gemäldes – den Leitgedanken der Ausstellung bei Galerie Adler: Das komplexe Beziehungsgefüge zwischen künstlerischem Medium und den zahlreichen Aspekten des Farbspektrums.


Die beiden Gemälde versinnbildlichen die Grenzpunkte, aus denen sich alles andere entwickelt. Die perfekte und dadurch quasi neutrale Figur des Quadrats, einmal in reinem Weiß und einmal in lichtabsorbierendem Schwarz, fungiert als Hinweis auf die konzeptionelle Herangehensweise der Künstlergruppe, in diesem Fall die Rückbesinnung auf das Wesentliche:

Farbe und Form. Dass es sich hierbei um gemalte Bilder handelt, ist Teil des gleichen Gedankens, denn ARTISTS ANONYMOUS beginnen immer mit Malerei, der ursprünglichsten Form künstlerischen Ausdrucks.


Nun wird der Betrachter eingeladen, alles bisher Gesehene zu vergessen und sich auf eine Reise in unbekannte Wahrnehmungswelten zu begeben. Farbe ist nicht einfach Farbe – was ist denn überhaupt dort, wo sie nicht sichtbar ist? Kann man Farbe auch „installieren“ ? Welche Empfindungen werden heraufbeschworen, wenn nicht nur Motive, sondern auch Farben „spiegelverkehrt“ erscheinen?


ARTISTS ANONYMOUS kreieren Werke, die wie Fotonegative wirken, erschaffen großformatige Fotografien von Original-Malereien, lassen Bilder entstehen, die wie der Nachhall vergangener Bilder erscheinen, oder sie verarbeiten das Thema „Farblosigkeit“ als Installation.

Wäre das „Neue“ an ihrer Kunst einfach nur eine besonders provokante Bildsprache oder die Verwendung außergewöhnlicher Materialien, würde es uns nicht schwer fallen, dafür eine Kategorie zu finden und in oft geübter Weise zu reagieren – beispielsweise mit Gleichgültigkeit.

Den fremdartigen Reizen von Positiv-Negativ Bildern jedoch, bei denen nicht mehr klar ist, was Original und was Abbild ist, deren „umgekehrte“ Farbigkeit uns dazu bringt, unermüdlich einen Ursprungszustand definieren zu wollen, stehen wir unvorbereitet gegenüber.


Ähnlich entwaffnend wirkt die fast schmerzhafte Schönheit der Werke. Leuchtende Farben, harmonische Formen, und elegante Muster – alles perfekt und sehr geschmackvoll arrangiert, lenken den Fokus im ersten Moment auf den rein ästhetischen Aspekt der Werke.

Noch während des Betrachtens aber tritt ein Wandel ein und dem Schauenden eröffnen sich unvermittelt und dadurch mit umso größerer Wucht, die gesamte Komplexität des Produktionsprozesses und die teilweise radikalen Inhalte der Arbeiten.

„Es geht um die Kunst und nicht um den Künstler!“ (AA, 2010). Aus diesem Grund werden Artists Anonymous auch bei dieser Vernissage nicht anwesend sein.

Wer sich aber über ihre Kunst informieren möchte, braucht nicht auf ein seltenes Gespräch mit den Artists zu hoffen, sondern kann das zum Beispiel mit Hilfe des brandneuen, im Dumont Verlag erschienenen Katalogs tun:

Artists Anonymous, The Apocalyptic Warriors, Dumont Buchverlag, 2010, Etwa 256 Seiten mit ca. 148 farbigen Abbildungen, mit einem Gespräch der Künstler mit Eugen Blume, Direktor des Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-8321-9222-



ADLER - FRANKFURT AM MAIN

Galerie Adler Frankfurt am Main
Hanauer Landstraße 134
60314 Frankfurt a. M., Germany
tel  +49-69-43053962
www.galerieadler.com

 

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12.08.2017 Lebensweisheiten

GFDK - Redaktion

Die Berliner Collagenkünstlerin Fehmi Baumbach wird als Tochter zweier unbeugsamer Existenzialisten 1971 in einer kleinen Stadt in der niedersächsischen Provinz geboren. 1992 bis 97 Studium der Freien Kunst an der HBK Braunschweig.

1996 Umzug nach Berlin. Dort erste Ausstellungen, die Gründung der Gruppe The Bewegungselite, die mit brachialen Mitteln leer stehende Gebäude besetzt um dort Ausstellungen und Partys zu organisieren. The Bewegungselite besetzt Häuser in Prag, Paris, Stuttgart und New York und feiert dadurch weltweite Erfolge.

2000 löst sich die Gruppe wegen übermäßiger Hohenflüge auf und Fehmi Baumbach gründet mit Jim Avignon die Kunstpartyreihe Friendly Capitalism Lounge. Zahlreiche Einzellausstellungen und Illustrationen für Tageszeitungen und Szeneheftchen folgen.

2000 tritt sie dem Popchor Berlin unter der Leitung von Almut Klotz (Lassie Singers, Flittchen Records, Klotz&Dabeler) bei und singt sich die Seele aus dem Leib.

2001 geht Baumbach in unregelmäßigen Abständen mit Jim Avignon und Almut Klotz auf Europatournee, stellt dort in kleinen Clubs aus und fungiert als DJane. Außerdem wird Baumbach vom Berliner Verbrecher Verlag gezwungen kleine Geschichten und Musikrezensionen für komische Bücher und Musikzeitschriften  zu schreiben ( Mittebuch, Welt und Wissen).

2005 Geburt ihrer Tochter Mascha und die Flucht in den Wald in dem sie 2006 ihren Jagdschein macht aber kein Tier erschießen kann.

Im März 2010 erschien Baumbachs erstes Bilderbuch my head is a bubble with interesting trouble beim Mainzer Ventil Verlag.

Cut, Copy, Paste, Schöne neue Welt. Geboren im größten Buchenwald Norddeutschlands, zerlegt Fehmi Baumbach Bilder und Wörter. Ausschnitte aus Zeichnungen, Lexika, Malereien und Fotografien folgen im Baumbachschen Kosmos einer Traumlogik. Oft stehen Figuren im Zentrum der Collagen die sich mit den Gedankengeographien ihrer selbst vernetzen.

Diese halten innere Monologe, stellen sich realitätsnahen Dialogen und schreien unwirsch auf. Die Kompositionen verströmen Klang: Denn Musik ist immer um die Künstlerin herum. So wirken die Zitate ihrer Figuren wie gute Songzeilen. Sie klingen catchy, und lassen sich doch in ihrer Bedeutung mehrfach greifen. Fehmi Baumbach lebt in Berlin.

(Christoph Braun)

 

ausstellungen


1998
april basicstyle, topstyle, authenticstyle (kollektiv) galerie c:4, berlin

mai playmöbelplan (1.mai malaktion mit p.grözinger) galerie radioberlin, berlin

juni wohnlandungen gärtnerstrasse, berlin

juli placeboplasm galerie berlintokyo, berlin

august wir stellen aus (kollektiv) gärtnerstrasse, berlin

oktober fluktur : one till two (mit p.grözinger) galerie fehler pan tappert, berlin


1999
januar qcm schnittpunkt, wiesbaden

märz wir stellen doch nochmal aus oder:
europa spielt new york in berlin
(kollektiv) gärtnerstrasse, berlin

juli gilbert muttonberrys world of game (kollektiv) galerie c:4 c/o meinblau, berlin

september playart (kollektiv) haus schwarzenberg, berlin

september silver stories (kollektiv) galerie c:4 c/o meinblau, berlin

dezember the bewegungselite (kollektiv) haus des lehrers, berlin  

 
2000

januar zimmerlaunen galerie k, weiterstadt

februar the bewegungselite (kollektiv) haus schwarzenberg, berlin

märz die 18 bahnen of the bewegungselite (kollektiv) haus des lehrers, berlin

mai frank (kollektiv) dienstagsbar, berlin

juni - august junge künstler aus berlin (kollektiv) galerie wewerka, berlin

september - oktober moving up (kollektiv) haus schwarzenberg, berlin

september interieurs delicious artspace, berlin

dezember ohne titel galerie ezwei, berlin

 
2001
april the bewegungselite (kollektiv) kunstverein stuttgart 22, stuttgart

juni die kunst ranch (kollektiv) club n+k kampnagel, hamburg

juni drive in (kollektiv) ex-hauptbahnhofsrestaurant, wiesbaden

august friendly capitalism lounge nr 1 (mit Jim Avignon) roter salon, berlin

november mit avignon und klotz on tour: köln, würzburg, stuttgart  


2002
märz mit avignon und klotz on tour: wien, münchen, basel

april mumbo jumbo (kollektiv) galerie schoppenhauer, köln

mai friendly capitalism lounge nr 2 (mit jim avignon) roter salon, berlin

juni on tour mit avignon und nova huta dresden, göttingen

juni pop up (mit jim avignon) waschhaus, potsdam

oktober friendly capitalism lounge nr 3 (mit jim avignon) roter salon, berlin

oktober berlin versus lucklum wegwarte, lucklum

dezember junge kunst in berlin (kollektiv) galerie wewerka, berlin

dezember kollektiv arts factory, paris  

 
2003
februar friendly capitalism lounge nr 4 (mit jim avignon) roter salon, berlin

mai wort halten (kollektiv) galerie forum, usingen

mai friendly capitalism lounge nr 5 (mit jim avignon) werk 9, berlin

mai - august my home is my castle (mit jim avignon) artmuseum jyväskylä, finnland

juli - september projekt : nichtraucherbar (kollektiv) bewohnte kunst installation, darmstadt

august friendly capitalism lounge (mit jim avignon) maria am ufer, berlin

november - dezember 9 extra (kollektiv) nassauischer kunstverein, wiesbaden

dezember friendly capitalism lounge (kollektiv) haus schwarzenberg, berlin  


2004
januar interieurs ausstellungsraum neu, hamburg

april - mai when nothing goes wrong i go wrong (mit jim avignon) galerie tristesse, berlin

mai interieur galerie loyal, kassel

juli - august ein und ausrichtungen feinkunst krüger, hamburg

august flamingo galerie schnittpunkt, wiesbaden

september tag des offenen denkmals (kollektiv) schmuckatelier kreis, lucklum

september - oktober kunst ist, wenn man trotzdem lacht (kollektiv) gotischer kasten, eggenfelden-gern

november - januar strips & characters (kollektiv) kunstverein / wolfsburg

dezember friendly capitalism lounge 9 (kollektiv) galerie neurotitan / haus schwarzenberg, berlin

 
2005
märz graphic beats (kollektiv) galerie tristesse, berlin

babypause.

dezember jahresgaben kunstverein, wolfsburg

dezember friendly capitalism lounge vol. 10 (kollektiv) haus schwarzenberg, berlin

dezember – januar 2006 edition 01 (kollektiv) projektraum neuenhausen, berlin 

2006

september eröffnung der galerie ehrich baumbach, braunschweig

dezember scheiß wetter, babylon / raum 4 / kioski, fürth 

2007

mai pop up seemannsglück, leipzig

juli litfaßsäulenhappening, insideout ev / plakart+aktion, braunschweig

august groupshow (kollektiv) galerie tristesse, berlin

oktober offene atelierräume, kulturring c, mit nicola gräfe, fürth

november berlin vision (kollektiv), goetheinstitut, zappeion, athen

november today you can realized your good ideas, mit mäkkelas trash lounge, noch besser leben, leipzig

dezember, anti capitalism lounge (kollektiv), kunsthalle, lüneburg

2008

mai whatever gets you through the night (kollektiv) galerie tristesse, berlin

august das beste aus der mitte, haus Babylon, fürth

september erhaben/kompliziert, PAL, köln

november friendly capitalism lounge vol. 12 (kollektiv),haus schwarzenberg, berlin 

2009

Mai kunstauktion zugunsten der asse2 initiative, maifest, evessen

Mai multifunktionale (kollektiv) PAL, köln

August kultifest, badstrasse, fürth

August auf rockos tapete, salon des pudel, hamburg

Oktober enorm entfernt, westgermany, berlin

November friendly capitalism lounge vol. 13, heliumcowboy, hamburg

November passiert unvorhergesehenes, galerie stein/lehmann, hachum 

2010

März spring explosion (kollektiv), galerie kielkind, kiel

März eröffnung der galerie neongolden, wiesbaden

April buchreleaseausstellung, kim, berlin

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