23.02.2013 Der Klischeezerstörer

Musik Jazz: Brasiliens Singer-Songwriter-Legende Caetano Veloso präsentiert sein neues Album “Abraçaço”

von: GFDK - JazzEcho

Seit Caetano Veloso in den frühen 1960er Jahren als einer der Köpfe der innovativen Tropicalismo-Bewegung auf der brasilianischen Musikszene auftauchte, schwimmt er erfolgreich gegen den Mainstream an. Immer für eine Polemik gut, schlug er im Laufe seiner langen Karriere diverse stilistische Haken und Ösen, die seine Fans mehr als einmal auf die Probe stellten.


Sei es durch fast schon avantgardistische Experimente in den 1970ern, sei es durch die Zusammenarbeit mit Musikern der New Yorker Noise-Szene in den späten 1980ern oder durch thematische Projekte in den 1990ern, die er Klassikern der spanischsprachigen Musik Lateinamerikas oder dem italienischen Regisseur Federico Fellini und der Schauspielerin Giulietta Masina widmete.

Mit seiner vom Indie-Rock inspirierten Banda Cê erkundete er seit ein paar Jahren einmal mehr ein für ihn neues klangliches Terrain und setzte sich dabei auch stärker denn je zuvor selber als Gitarrist in Szene. Mit dem neuen Album “Abraçaço” vollendet Caetano nun die Banda-Cê-Trilogie, die er 2006 mit “Cê” begonnen und2009 mit “Zii & Zie” fortgeführt hatte. Erklärtes Ziel ist dabei diesmal unter anderem, mit den Klischeevorstellungen aufzuräumen, die außerhalb Brasiliens über die Bossa Nova zirkulieren.

Sanft, wohlklingend, süß und fast schon ein wenig einschläfernd - so ist das universelle Image der Bossa Nova seit über 50 Jahren. Und selbst die diversen jüngeren Kreuzungen mit Drum’n’Bass-, Techno- und Electronica-Elementen konnten daran kaum etwas ändern. Nun versucht dies Caetano Veloso auf seinem neuen Album “Abraçaço”, auf dem ihn wieder Gitarrist Pedro Sá, Bassist Ricardo Dias Gomes und Schlagzeuger Marcelo Callado begleiten. Gleich in der ersten Nummer mit dem doppeldeutigen Titel “A Bossa Nova é foda” (was sowohl für “Die Bossa Nova ist Scheiße“ als auch “Die Bossa Nova ist spitze” stehen kann) versucht Caetano die Verhältnisse geradezurücken.

In dem Song vergleicht João Gilberto kühn mit dem einflussreichen Schriftsteller Machado de Assis und bekannten brasilianischen Mixed-Martial-Arts-Kämpfern. “Ich möchte nicht das Klischee bedienen, dass die Bossa Nova etwas Süßes, Weiches und Sanftes ist”, verriet Caetano der Tageszeitung Folha de São Paulo. “So stellen sie amerikanische und englische Journalisten nämlich immer wieder dar. Und damit liegen sie falsch!” Ob Caetano Veloso die internationalen Kritiker vom Gegenteil überzeugen kann, bleibt abzuwarten. Schließlich hat sich das Vorurteil gegenüber der Bossa Nova schon ein halbes Jahrhundert gehalten.

Aber stilistisch und thematisch bietet das Album weit mehr als von Klischees befreite Bossa Nova. In der Nummer “Funk Melódico”, die Caetano eigentlich für Gal Costa komponiert hatte, setzt er sich mit dem Phänomen des seit einigen Jahren ebenso populären wie umstrittenen Funk Carioca auseinander. Zu “O império da lei” wurde er durch einen Film von Beto Brant und Renato Ciasca inspiriert. Mit “Gayana” interpretiert er ein Stück seines alten Tropicalismo-Mitstreiters Rogério Duarte. Und in dem epischen, über achtminütigen Stück “Um comunista” vermischt der Songswriter geschickt seine eigene Biographie mit der des 1969 getöteten brasilianischen Guerilleros Carlos Marighella.

Mit “Abraçaço” hat Caetano Veloso, der im August letzten Jahres seinen 70. Geburtstag feierte, wieder einmal bewiesen, dass sein Reservoir an neuen, kühnen Ideen noch lange nicht erschöpft ist. Jetzt kann man gespannt darauf warten, was für ein Projekt er als nächstes aus dem Hut zaubern wird.

 

 

Quelle: http://www.jazzecho.de/