27.05.2012 07:14 Seit fast 40 Jahren schafft Antony Gormley Skulpturen

Werk der Woche: Antony Gormley nutzt seinen eigenen Körper als Werkzeug und Material

© Henning Rogge / Deichtorhallen

Von: GFDK/ Deichtorhallen - 6 Bilder

Der britische Künstler Antony Gormley entwickelt eigens für die große Deichtorhalle zur Documenta-Zeit eine neue, spektakuläre Installation, das »Horizon Field Hamburg«.
Der Besucher betritt die Nordhalle der Deichtorhallen und sieht sich mit einem 2.500 qm großen und bis zu 19 m hohen, fast leeren Raum konfrontiert. »Ein wesentlicher Aspekt dieser Arbeit ist die Erfahrung des Raumes, der absolut klar sein muss; ein leeres, sauberes Gebäude, wie eine Art Sporthalle für Geist und Körper«, so Antony Gormley.


In diesem offenen Raum lädt eine weite, schwarze, spiegelnde, schwebende Ebene siebeneinhalb Meter vomErdboden entfernt zu neuen Erfahrungen ein. Die hängende, leicht schwingende Fläche nutzt die strukturellen
Möglichkeiten und den architektonischen Kontext des über 100 Jahre alten Gebäudes der Deichtorhallen, um die Besucher in Zeit und Raum im gegenseitigen Miteinander neu zu orientieren.
Der darunterliegende Raum befindet sich im Schatten, spärlich beleuchtet durch das Licht, das seitlich von den Deckenfenstern hineinfällt. Hier können sich die Besucher aufhalten und den Schritten und Stimmen der unsichtbaren Personen über ihnen lauschen. Jede Tages- und Nachtzeit, jedes Geräusch und jede
Lichtveränderung wird zu einem Teil des Kunstwerks.


»Das bringt den Besucher in eine paradoxe Entscheidungssituation, auf welche Weise er hier partizipieren möchte«, so Antony Gormley. »Er kann in einer Unterwelt stehen bleiben oder in den Himmel ›emporsteigen‹.
Beide Szenarien versetzen das menschliche Subjekt in eine dynamische Gefahrensituation.«

»Horizon Field Hamburg« wird die Wahrnehmung des Gehens, Fühlens, Hörens und Sehens umorientieren und neu verbinden. Diese persönliche bzw. kollektive Erfahrung wird durch Vibration, Sound und Widerspiegelung vermittelt werden. Das Projekt kann insgesamt als ein waagerecht im Raum aufgespanntes Gemälde aufgefasst werden, auf dem die Besucher zu Figuren auf einem freischwebenden und nicht definierten Grund werden.


Das von den Deichtorhallen Hamburg in Kooperation mit der Galerie Thaddaeus Ropac getragene Projekt konnte nur durch die großzügige Förderung der NORDMETALL-Stiftung und der Kulturstiftung des Bundes realisiert
werden.

VORLÄUFER
»Horizon Field Hamburg« ist die neueste Arbeit aus einer Serie von Projekten, die mit der Partizipation der Besucher operieren.
»One & Other« von 2009 lud 2.400 Menschen ein, einen leeren Sockel auf Londons Trafalgar Square 100 Tage lang, 24 Stunden am Tag, für je eine Stunde zu besetzen. Die Besucher nahmen die Haltung einer Statue ein und verwandelten sich so in Darstellungen ihrer selbst.


In der Arbeit »Blind Light« in der Hayward Gallery in London tauchten
die Besucher in eine kalte, helle und dichte Wolke ein, die alle sichtbaren Gegenstände in sich verschwinden ließ und den Boden endlos erweiterte. Das Bewusstsein des Besuchers wurde so selbst zum Thema.
Der unmittelbare Vorgänger des Hamburger Projektes war das »Horizon Field Vorarlberg« Die 100 lebensgroßen, eisernen Körper vom »Horizon Field Vorarlberg« bezogen die Betrachter in einer Art Wahrnehmungsfeld mit ein.
Das »Horizon Field Hamburg« konfrontiert den Betrachter nicht mit der natürlichen Außenwelt, sondern mit dem Gebauten – es ergeben sich neue Perspektiven auf das Innere des Gebäudes und nach außen auf die Stadt.

TECHNISCHE UMSETZUNG
Gormleys »Horizon Field Hamburg« ist auch technisch eine Herausforderung. Die Ingenieure der international agierende Firma »schlaich bergemann und partner«, spezialisiert u.a. auf den Stahlbau bei Stadien und Brücken,
übernehmen die statisch-konstruktive Konzeption, die Technische Universität Hamburg-Harburg unter Leitung von Prof. Dr. Viktor Sigrist unterstützt die statischen Berechnungen.
»Horizon Field Hamburg« wird ermöglicht durch die NORDMETALL-Stiftung, die das Projekt nicht nur finanziell, sondern auch ideell begleitet. »Aus dem Zusammenwirken von Mensch und Technik entstehen immer wieder
Wunderwerke - sowohl in der Kunst als auch in der Industrie«, so Dr. Thomas Klischan, Vorstand der NORDMETALL-Stiftung, hinter der 250 Unternehmen der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie stehen.
»Die Stahlkonstruktion ›Horizon Field wäre ohne die Idee des Künstlers, aber auch ohne die brillante Ingenieurskunst nicht denkbar. Dadurch entsteht eine ungeahnte Wertschätzung zwischen Kunst und Technik«, so Klischan.

 

BIOGRAFIE ANTONY GORMLEY

Seit fast 40 Jahren schafft Antony Gormley Skulpturen, in denen er sich mit dem
Verhältnis des menschlichen Körpers zum Raum auseinandersetzt: Explizit äußert sich dies in großformatigen Installationen wie »Another Place«, »Domain Field« und »Inside Australia« und indirekt in Arbeiten wie »Clearing«, »Breathing Room« und »Blind Light«, in denen die Arbeit einen Rahmen schafft, durch den der Betrachter zum Betrachteten wird. Unter Verwendung seines eigenen Körpers als Werkzeug und Material wandelt Gormleys Werk einen Ort subjektiver Erfahrung zu einem Ort kollektiver Projektion um. In zunehmenden Maße schafft der Künstler Arbeiten jenseits der Galerie und bezieht die Öffentlichkeit durch aktive Partizipation mit ein, wie in »Clay and the Collective Body« (Helsinki) und der gefeierten Arbeit »One & Other« auf dem Londoner Trafalger Square.


Gormleys künstlerisches Werk wurde umfassend in Einzelausstellungen in Großbritannien gezeigt: In der Whitechapel Gallery, der Serpentine Gallery, der Tate und der Hayward Gallery, im British Museum sowie im White Cube. Darüber hinaus wurden seine Arbeiten in Einzelschauen in internationalen Museen präsentiert, darunter das Louisiana Museum of Modern Art (Dänemark), die Malmö Konsthall (Schweden), die Kunsthalle zu Kiel, das National Museum of Modern Chinese History (Peking), das Antiguo Colegio de San Ildefonso (Mexico
City), das Kunsthaus Bregenz (Österreich) und die Eremitage (St. Petersburg). Außerdem wirkte Gormley in Gruppenausstellungen im Museum of Modern Art in New York, im Los Angeles County Museum of Art, bei der Biennale in Venedig und der Documenta 8 in Kassel mit. Bedeutende öffentliche Arbeiten umfassen »Angel of the North« (Gateshead, England), »Another Place« (Crosby Beach, England) und »Exposure« (Lelystad, Niederlande).
Gormley erhielt 1994 den Turner Preis, 1999 den South Bank Preis für visuelle Künste und 2007 den Bernhard-Heiliger-Preis für Skulptur. Er wurde 1997 mit dem Order des British Empire (OBE) ausgezeichnet und ist Ehrenmitglied des Royal Institute of British Architects, des Trinity College, Cambridge, sowie des Jesus College, Cambridge. Seit 2003 ist er Mitglied der Royal Academy of Arts und seit 2007 Trustee des British Museum.
Antony Gormley wurde 1950 in London geboren.

 

Die Ausstellung HORIZON FIELD HAMBURG läuft noch bis bis  9. SEPTEMBER 2012

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Bildlegende:

1-6) Antony Gormley auf dem HORIZON FIELD HAMBURG, 2012 Antony Gormley HORIZON FIELD HAMBURG, 2012 Steel 355, steel spiral strand cables, stainless steel mesh (safety net), wood floor, screws & PU resin for top surface coating. 206 x 2490 x 4890cm, 60000 Kg Installation view Deichtorhallen Hamburg Photograph by Henning Rogge, © Henning Rogge / Deichtorhallen