01.10.2012 05:42 Debütalbum “St. James Ballroom”

Musikvideo: Alice Francis - verschmitzter Brückenschlag zwischen Lindy-Hop und HipHop

Von: Universal Music

 

Auf ihrem Debütalbum “St. James Ballroom” zeigt die junge Kölner Sängerin Alice Francis, wie man die Musik einer längst vergangenen Ära mit zeitgenössischen Mitteln aufmöbeln und wieder erfrischend neu klingen lassen kann.

Früher war alles besser. Die Musik, die Mode, die Manieren, die Tänze... ja, das ganze Leben an sich. So wollen einem zumindest Angehörige älterer Generationen, die mit dem immer rasanter eilenden Zeitgeist nicht Schritt gehalten haben, oft Glauben machen. Das ist im Grunde natürlich reiner Humbug. Aber wenn man die kecke Debütantin Alice Francis mit ihrem Album “St. James Ballroom” so hört oder sie in ihren auf nostalgisch getrimmten Videos sieht, dann könnte man dies wirklich fast glauben. Denn sie entführt ihr Publikum musikalisch und visuell in die längst vergangene Epoche des Charleston und Lindy-Hop. Der positive Haken ist nur: Francis Musik mag ihre Wurzeln zwar in den 1920er Jahren haben, doch ihre Blüten treibt sie mit sehr zeitgenössichen Elementen im 21. Jahrhundert.

Retro-Authentizität gepaart mit unerschrockenem Pioniergeist

Was Alice Francis nicht nur wohltuend, sondern auch grundlegend von den meisten ihrer mit Retro-Stilen flirtenden Zeitgenossen unterscheidet, ist ihr unerschrockener Pioniergeist; ihr Wille, ausgetretene Pfade links liegen zu lassen und sich wie selbstverständlich auf unbekanntes Terrain vorzuwagen. Dass sie dabei ausgerechnet auf Phänomene aus einer historischen Zeit stieß, ist mehr als nur ein Wink des Schicksals.

Alive Francis’ Vorbilder: Die Flappers, die neuen Frauen der wilden 1920er Jahre

Wenn es im letzten Jahrhundert eine Ära gab, in der gesellschaftlicher Auf- und Umbruch nicht nur gut klangen, sondern auch noch fantastisch aussahen, dann waren das die wilden 20er Jahre. Die Zeit, in der vor allem die Frauen zu einem neuem Selbstbewusstsein fanden und einen Platz in der Gesellschaft einforderten, der ihnen bis dahin verwehrt geblieben war. Der neue Frauentyp schmückte sich mit dem Namen Flapper (von “flap” = flattern, die Flügel ausbreiten). Diese Flapper rauchten, tranken Hochprozentiges, tanzten ausgelassen und hatten, nicht zuletzt dank der Frauenrechtlerin Alice (!) Stokes Paul, in den USA endlich Wahlrecht. Sie trugen ihr Haar kurz, schminkten sich auffällig und besuchten Petting-Parties. Sie waren flatterhaft und liebten das Risiko. Kein Wunder, dass Alice Francis sich in ihnen wiederfindet und unter anderem Josephine Baker als künstlerisches Vorbild sieht. Der stilsichere Nonkonformismus und das charmanten Aufbegehren gegen Rollen-Klischees, die ihre Schwestern im Geiste - von Anaïs Nin bis Dorothy Parker - vorgelebt haben, inspirieren Alice Francis a.k.a. Miss Flapperty deshalb auch immer wieder aufs Neue.

Fusion statt Collage

Genau dieser Geist ist es, dem Alice Francis und ihr musikalischer Partner Goldielocks auf der Spur sind. Allerdings geht es ihnen um mehr, als das Ausschlachten vermeintlich exotischer oder anderweitig ausgefallener Klangquellen, die in einem Gewitter von State-Of-The-Art-Produzenten-Kniffen bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt werden. Hier wird nicht einfach nur zusammengedengelt, was nicht zusammengehört; Cab-Calloway-Crossover und Bix-Beiderbecke-Big-Beat machen andere. Goldielocks und Alice Francis arbeiten subtiler, gründlicher, authentischer. Fusion statt Collage. Die beiden lassen den Geist von früher mit dem Finish von heute verschmelzen - und sichern sich auf diese Weise das Beste zweier Epochen: der 1920er Jahre und des 21. Jahrhunderts.

Ein musikalisches Ergebnis, das nicht von dieser Welt zu sein scheint

Im Ergebnis klingt das auf ihrem Debütalbum “St.James Ballroom” wie nicht von dieser Welt. Chorsätze zwischen traditionellen A-cappella-Arrangements und Doo-Wop schmiegen sich an tiefe Bässe aus dem Hier und Jetzt - wie beim Titelstück “St. James Ballroom“. Auf “Gangsterlove” streiten sich Pizzicato-Geige und Banjo bis Swing-Lady Alice Francis plötzlich zu rappen anfängt - und zwar gar nicht so ladylike wie sie sich auf dem Cover präsentiert. Hätte es Salt’n’Pepa, TLC oder En Vogue schon zu Zeiten der Prohibition gegeben - wie Alice Francis auf “Get A Wiggle” hätten sie wohl auch gern geklungen. Dass Alice Francis aber auch ganz anders kann, zeigen nicht die ruhigeren Nummern auf dem Album - wie zum Beispiel “Sandman” und “Cakes & Applepies”. Balladesk ist daran allerdings wenig. Was bei “Sandman” anfänglich noch in Richtung Schlaflied weist, entpuppt sich nur wenig später als wortspielerische Verruchtheit aus der Cole-Porter-Schule. Francis singt mit ebenso viel Luft in der Stimme wie Marilyn Monroe, ganz nah am Mikrofon.

Swing, Rap, Scat: Miss Flapperty schüttelt alles mit links aus ihren Stimmbändern

Zusammengehalten werden all diese höchst unterschiedlichen Einflüsse, die von Pop, über HipHop bis Elektro und Latin alles inkorporieren, so lange es mit der Ästhetik der 20er Jahre vereinbar ist, von Goldielocks klarem Sounddesign und der unverwechselbaren, aber auch vielseitigen Stimme von Alice Francis. Ob Kopf- oder Bruststimme, Swingen oder Rappen, Scatten oder Röhren - Miss Flapperty schüttelt alles mit links aus ihren Stimmbändern. Dass sie en passant Irving Berlins “Puttin’ On The Ritz” zitiert und ihren Gesang auch sonst geschickt mit Details aller Art dekoriert, zeigt nur, wie wohlinformiert sie aus dem reichhaltigen Repertoire von damals schöpft. Quelle www.jazzecho.de

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