17.03.2013 06:04 Redaktions-Tipp

Diese Stimme hat es in sich - Alice Russell braucht kein Playback - Heartbreaker Live In Session

Von: GFDK - Beats International

Alice Russell ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Naturtalent: Bei ihr ist nichts gekünstelt, konstruiert oder aufgesetzt. Im Gegenteil: Ihre massive Soul-Stimme, ihr Sound, ihre ganze Präsenz – das alles ist einfach nur natürlich und echt. Und gerade deshalb immer wieder umwerfend: Ganz gleich, ob sie mit ihrer 16-köpfigen Band (!) eine Masse von 4000 Fans selbst im heftigsten Regen zum Bleiben und schließlich sogar zum Tanzen bewegt (so geschehen beim Montreal Jazz Festival) oder im sehr viel kleineren Club-Rahmen mit „nur sechs Mann“ Begleitung auftritt.

Sobald sie ihre gewaltige Soul-Voice auspackt, zieht diese junge Britin das Publikum in ihren Bann. Und wer dermaßen lässig-unbeeindruckt die Bühne nach einer nüchternen Amy Winehouse betritt oder eine Legende wie Roy Ayers bei „Everybody Loves The Sunshine“ dermaßen (stil-)sicher unterstützt, darf sich auch nicht wundern, wenn die Medien nur Lob für sie übrig haben und sich unter die Fans längst auch diverse andere Musikgrößen mischen – so zum Beispiel Gilles Peterson, David Byrne, Dennis Coffey, Daddy G von Massive Attack oder die Jungs von Groove Armada.

Auch haben in den letzten Jahren diverse Produzenten bei ihr angeklopft und sie als Albumgast ins Boot geholt: Mr Scruff zum Beispiel, Quantic und Nostalgia 77, wobei sie mit letzterem zusammen sogar jene Coverversion von „Seven Nation Army“ aufnahm, die noch Jahre später die Tanzflächen in Brand setzen sollte. Nach der Veröffentlichung von „Under The Munka Moon“, so der Titel ihres Debüts, arbeitete Alice Russell jedoch größtenteils mit TM Juke zusammen, ihrem Stamm-Producer und Band-Leader. Angefangen mit dem gemeinsamen Debüt der beiden, „My Favourite Letters“, bis hin zum „Pot Of Gold“-Album, hat dieses Dream-Team ein paar der größten Soul-Tracks seit den Heydays einer Aretha Franklin aufgenommen.

„Wir beide sind halt extrem offen, was den Songwriting-Prozess angeht“, berichtet Alice über die Zusammenarbeit mit TM Juke. „Das mag auch daran liegen, dass wir beide auf so unglaublich viele Genres und Musikstile stehen – also Puristen sind wir definitiv nicht. Wenn man einen Blick auf unsere Einflüsse wirft, findet man da alles von Sarah Vaughan bis Bach, von Kate Bush bis Arvo Pärt – oder auch von J Dilla bis Alice Coltrane. Mal feiern wir richtig dreckigen Dubstep ab, und im nächsten Moment ist es schon wieder richtig krasser Soul von der alten Schule. Wir geben uns da immer gegenseitig einen Stups in die richtige Richtung.“

So wichtig ihr die Studioarbeit und das Schreiben neuer Songs auch ist: Mitzuerleben, wie Alice Russell einen Club oder eine Konzerthalle verwandelt und ein Publikum in ihren Bann zieht, ist kaum in Worte zu fassen. Und ob das nun mit gewaltiger Band und viel Bläser-Nachdruck im Rücken oder im ganz kleinen Rahmen geschieht, tut dabei wie gesagt nichts zur Sache: „Ja, auf der Bühne ist das alles einfach viel direkter“, sagt sie auch selbst. „Ich stehe generell auf Dinge, die noch wandelbar sind – auf Freiräume! Im Studio hingegen kann sich das schon mal so anfühlen, als ob einer ein Foto von dir machen will. Das eigentliche Schreiben im Studio meine ich gar nicht, das ist der Hammer, aber dann den perfekten Take aufzunehmen, das ist gar nicht so leicht, wobei es auch echt aufregend sein kann. Nur live gibt’s diesen zweiten Versuch nun mal nicht, da muss man einfach automatisch alles geben.“

Ihre Liebe zur Bühne hat ihr schon diverse grandiose Momente und etliche Anekdoten beschert – so zum Beispiel das eine Mal in Japan, wo sie ihren Aufenthalt ursprünglich nur verlängert hatte, um das Dorf zu besuchen, aus dem ihr Tourpromoter stammte – allerdings wurde ihr dort ein interessantes Angebot gemacht: Fast schon wie im Film, konnte sie so lange wie sie wollte über ihr Hotelzimmer verfügen, wenn sie im Gegenzug ein improvisiertes Konzert im Dorf geben würde. „Und natürlich haben wir sofort zugesagt“, strahlt Alice noch heute. „Sämtliche Omas und Babys wurden angekarrt, und wir haben dann über so eine improvisierte Anlage, irgendwelche Boxen und Verstärker gespielt. Ganz klar einer der wunderschönsten Gigs, den ich je gespielt habe.“

Zu weiteren Bühnen-Highlights zählt z.B. auch ihr Auftritt mit The Roots in deren Heimatstadt Philadelphia, während eine noch größere Legende sie zwar nicht auf die Bühne, aber erst kürzlich ins Studio bat: David Byrne, der sie für sein aktuelles Album als Vokalgast engagierte.

„Überhaupt ist das Singen für mich der beste Weg, um meine Gefühle rauszulassen“, berichtet Alice weiterhin. „Manchmal fühle ich mich dann richtig high, gerade wenn ich in höheren Tonlagen singe. Mir tut es einfach gut: Wenn man das Gefühl hat, dass nichts so richtig klappt, geht’s einem gleich viel besser, wenn man die richtige Melodie auf den Lippen hat. Ich hab selbst Panikanfälle schon erfolgreich damit beenden können: Einfach ‘Songs In The Key Of Life’ von Stevie Wonder mitsingen – das ganze Album. Sollten vielleicht auch mal die Ärzte in ihren Maßnahmenkatalog aufnehmen: Gesang auf Rezept.“

Das 2012 gemeinsam mit Quantic veröffentlichte „Look Around The Corner“-Album wurde rund um den Globus abgefeiert: Soul und Blues kombinierten die beiden hier auch mit Folk- und Gospel-Elementen, wobei Quantics Combo Bárbaro für sämtliche Instrumente verantwortlich war. Über den Tracks, die sie in Quantics Sonido del Valle-Studio in dessen Wahlheimat Cali (nicht Kalifornien, sondern die Stadt in Kolumbien) aufnahmen, bewies Alice wieder einmal, wie vielseitig und scheuklappenfrei sie als Sängerin und Songschreiberin ist. Auch die ausverkaufte Tour zu dieser Albumveröffentlichung entpuppte sich Abend für Abend als ein einziges großes Fest.

Womit wir also beim neusten Kapitel in der Karriere von Alice Russell angekommen wären: Gemeinsam mit ihrem Producer-Buddy TM Juke aufgenommen, präsentiert sie das neue Album „To Dust“, das am 15.02.2013 erschienen ist. Schon mit ihrer ersten Singleauskopplung „Heartbreaker“ unterstreicht sie, dass sie heute mehr Soul denn je hat: „Der Track handelt von einem gebrochenen Herzen, dem Ende einer Beziehung“, so ihr Kommentar, „von der Phase also, in der man emotional vollkommen fertig ist und sich schließlich mit dem Gedanken abfindet, dass alles vorbei ist.“ Im Videoclip zu „Heartbreaker“ spielt übrigens Hollywood-Schauspieler Harry Shearer mit, der neben etlichen anderen Rollen auch als eine der wichtigsten Stimmen von The Simpsons bekannt ist.

Im Folgenden berichtet Alice Russell über die Entstehung von „To Dust“ und geht dabei auch detailliert auf eine Auswahl der neuen Tracks ein...

Entstanden ist „To Dust“, indem ich mich einfach mit Alex getroffen und wir beide Ideen ausgetauscht haben. Wir haben sehr viel mit der Live-Band ausprobiert, und viele der neuen Songs haben wir etliche Male umgeschrieben und verändert, bis dabei schließlich diejenige Version herauskam, die sich für uns richtig anfühlte. Was meine Kommentare zu den einzelnen Songs angeht, ist es letzten Endes doch so: In unseren Köpfen wissen wir ganz genau, was diese Stücke bedeuten, doch sobald ein Song veröffentlicht wird, sind die Zuhörer an der Reihe – sie sollen das darin finden und sehen, was sie nun mal für sich darin entdecken und dem jeweiligen Stück abgewinnen können. Manchmal ist das dann hinterher etwas vollkommen anderes als das, was ich im Kopf hatte, als der Song entstanden ist – aber auch das ist vollkommen okay.

Es geht doch immer darum, eine Idee zu kommunizieren; ein Gefühl oder irgendeine Gemütsregung, und wenn auch nur ein klitzekleiner Teil davon bei den Zuhörern ankommt, dann genügt das vollkommen. In einem Wort: Vielleicht sollte man die folgenden Zeilen gar nicht lesen, sondern einfach nur genau hinhören und darauf achten, was die Songs mit einem anstellen. Aber fangen wir mal an...

„HEARTBREAKER“

„Heartbreaker“ basiert auf einem Gitarrenriff, das sich Al ausgedacht hat. Ich bin sofort drauf abgegangen. Ausgangspunkt war danach der Refrain: „Heartbreaker, I cannot breathe, it’s so over, self-signed decree“. Ich hab diverse Harmonien dazu ausprobiert, und der Rest ergab sich dann wie von selbst... „there’s a river in my mind, and it won’t stop running just for you, there’s a thousand forest fires between us, and I can’t get through.“ Der Track handelt von einem gebrochenen Herzen, dem Ende einer Beziehung, von der Phase also, in der man emotional vollkommen fertig ist und sich schließlich mit dem Gedanken abfindet, dass alles vorbei ist.“

„FOR A WHILE“

Das war eines der ersten neuen Stücke, die wir für dieses Album geschrieben haben. Der Beat ist ganz schön heftig verschroben, und im Text geht’s darum, sich einfach mal in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen: „If you were me just for a time, maybe you’d think about it more and realise“ – ich wollte dafür ganz viele Harmonien übereinander schichten, denn ich liebe Harmonien einfach! Schließlich hat Alex mir auch das Abmischen überlassen bei diesem Track, denn bei so vielen Harmonien kann einem als Mann schon mal schwindelig werden.“

„HARD AND STONG“

Der Arbeitstitel dieses Tracks lautete ursprünglich „Petrol Station“. Hat ganz schön lange gedauert, bis wir zum Kern dieser Idee vorgedrungen waren; wir nahmen immer noch eine weitere Version auf, dabei hatte alles ganz spontan angefangen: Alex gab mir einen Loop und ich nahm dazu mit meinem iPhone mal eben die erste Strophe und somit auch die Melodie auf. Das Stück handelt davon, wie eine Idee plötzlich in den Köpfen der Menschen ankommen kann; von der Kraft, die frei wird, wenn wir zusammenkommen und gemeinsam versuchen, etwas zu verändern. Wenn also plötzlich alles klar ist, die Leute aufstehen, um ihre Meinung zu sagen, und man auch kein Geld mehr braucht, um eine Meinung zu verbreiten, weil der Ball so oder so schon längst ins Rollen gekommen ist und langsam unaufhaltbar wird. Es geht darum, sich selbst wieder zu ermächtigen – in einer Welt mit Kanälen wie Twitter und Wikileaks, in der die Leute zum ersten Mal auch selbst Gehör bekommen können, ohne den Umweg über die Medien gehen zu müssen. Ich habe das Gefühl, dass sich die großen Jungs immer schwerer damit tun, ihr Versteckspiel erfolgreich am Laufen zu halten. Darum auch: „you can’t stop the lights from turning on, dull these words but back they come hard and strong.“

„TWIN PEAKS“

Wir haben einen einwöchigen Abstecher nach Frankreich gemacht, und „Twin Peaks“ ist der einzige Song, der aus dieser Zeit auf dem Album gelandet ist. Wir hatten einfach all unser Aufnahme-Equipment in den Wagen gepackt und waren zur Familie von Jack Baker aufs Land gefahren in Frankreich; dort angekommen bauten wir also alles auf, und genau genommen entstanden diverse Songs während dieser Sessions – und vielleicht wird davon auch später noch mal was erscheinen – aber was dieses Album angeht, fühlte es sich richtig an, genau diesen Song dafür auszuwählen. Die Woche selbst war grandios: Vollkommen abgeschnitten von der Welt, konnten wir uns voll und ganz auf die Musik konzentrieren und schauen, was dabei herauskommt. Komplett im Kasten war „Twin Peaks“ natürlich noch nicht, als wir zurückkamen, aber ich habe dann zu Hause noch den Text und die Melodie überarbeitet und dann hat’s gepasst. Was die Harmonien angeht, hatte ich wohl Prince im Hinterkopf. Hört man auch deutlich raus, den „Purple“-Einschlag...

BREAKDOWN

Dieser Song entstand ehrlich gesagt, als es mir gerade nicht besonders gut ging. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, ist schließlich keine Therapiesession hier, aber ich war auf jeden Fall ziemlich traurig: Ein paar Freunde hatten sich entschlossen, zum nächsten Ort weiterzuziehen – wo oder was auch immer dieser Ort sein mag – und dazu kam, dass ich echt wütend war auf einen Menschen, der mich mies behandelt hatte, wie ich fand. Problem war nur, dass ich meine Gedanken dazu irgendwie nicht ordnen konnte. Und genau aus dieser Stimmung heraus entstand nun also dieser Song, der teilweise wie ein Mantra funktioniert, dessen wichtigste Worte wohl das „Let go“ sind. Loslassen! Abschließen mit dem Thema! Irgendwann wird wohl jedem klar, dass die Sachen von uns Besitz ergreifen, an denen wir zu verkrampft festhalten, die wir nicht loslassen können oder wollen. Und damit sie uns nicht ganz auffressen oder zum Durchdrehen bringen, muss man sich auch mal wieder locker machen. Let go!

„TO DUST“

Der Song soll unter anderem eine Ode ans Finanzamt sein – und überhaupt an alles, was vollkommen überflüssig zu sein scheint, aber doch einen Großteil unserer wertvollen Zeit in Anspruch nimmt: Der ganze Papierkram halt. „To Dust“ entstand, als ich gerade eine Reihe von unschönen Briefen erhalten hatte, woraufhin ich sogar eine Abneigung gegen meinen Briefträger entwickelte – wobei der bestimmt ein ganz akzeptabler Kerl ist! Mir war das einfach zu viel, und so entstand also „To Dust“, was leider auch bedeutet, dass ich nun jedes Mal an diese Zeit erinnert werde, wenn ich das Stück live singe. Trotzdem kann sich bestimmt jeder damit identifizieren!

„CITIZENS“

Das ist noch so ein Stück, das schon vor einer ganzen Weile entstanden ist. Wir haben „Citizens“ dann immer wieder anders gespielt, bis eines Nachts diese Version dabei im Studio entstand: Es war drei Uhr in der Früh, wir hatten schon den ganzen Tag lang an den anderen Songs gearbeitet, und eigentlich brauchten wir nur etwas, um nach so einem verrückten Tag hinterm Mischpult mal wieder ein wenig herunterzukommen. Man hört wohl auch das Rauchige in meiner Stimme raus - aber es ist ja auch ein Ruf zu den Waffen... „stop and think a little about what you’ve got/citizens of planet earth don’t get caught in the catch/just take a little time to contemplate/are you still moving on everytime you fall...“

„I LOVED YOU“

Den hier hat Alex geschrieben. Er sah darin ursprünglich einen Disco-Track, und so präsentierte er mir „I Loved You“ auch zunächst, nur konnte ich damit nichts anfangen und schlug daher vor, einfach mal das Tempo zu drosseln, das alles etwas zu reduzieren – und diese Version fühlt sich nun genau richtig an. Inhaltlich geht’s dabei um einen verflossene Liebe, die man sich zwar zurückwünscht, aber andererseits auch genau weiß, dass es nichts bringt, dass es vorbei ist; es geht also schon um Trauer und um Herzschmerz.

 

 

 

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