08.04.2017 10:22 Kaiserswerther Kunstpreis

Vorgestellt -Dorothea Schüle - Malerin, lebt und arbeitet in Berlin

Dorothea Schuele

Eine facettenreiche Thematik, voller Liebe, Schönheit und Kraft. Grausamkeit, Armut und Unmoral von Dorothea Schüle. Fotos: GFDK

Von: Ronald Puff

Europa - der griechischen Sage nach war dies der Name einer phönizischen Königstochter, die Zeus in Stiergestalt schwimmend nach Kreta entführte und dort verführte.

In Dorothea Schüles aktuellen Bildserien, - die gänzlich neue und erweiterte Eindrücke zum Schaffens- und Ausdrucksvermögen der Künstlerin gewähren, - wird  „Europa" als holde Weiblichkeit im europäischen Film anlässlich  der römischen Verträge von 1957 zitiert.

Eine facettenreiche Thematik, voller Liebe, Schönheit und Kraft. Grausamkeit, Armut und Unmoral kommen jedoch auch nicht zu kurz. Hier wird das weibliche Starpotential aus 50 Jahren europäischem Film zum déja vu.

Man freut sich sozusagen wie wenn man in der Schule eine Vokabel richtig wusste über das Erkennen um welche Filmszene, deren Protagonistin oder ihr Taschentuch es sich im betrachteten Bild handelt, und mittels dieses Schlüsselwissens scheinbar kompetent mitparlieren zu dürfen:

Es zeichnet bekanntermaßen seine Entwicklungsfähigkeit den Künstler aus, hier ist allerdings mehr passiert als der logische nächste Schritt nach dem vorherigen: hier ist ein Parallel Universum dazu gekommen. Man kann es zwar mühelos als solches Erkennen, - das heißt es ist neu aber nicht fremd, das heißt es ist bekannt, aber nicht vertraut.

Wir erinnern an die emanzipierte Antonia mit ihrer Tochter in „Antonias Welt", verträumt und eigen die Amelie, die Frauen in „Das süße Leben" - jede in sich eine Diva -, gefangen  die Klavierspielerin in den Zwängen ihrer Erziehung, wie in „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber", amüsiert und angewidert sich liebt, genießt und gegenseitig zerstört, alle gehen  individuelle Wege von der klassischen Rolle bis zur emanzipierten Freidenkerin.

Oft sind sie schön und kosten ihr Leben aus. Oft aber auch fristen sie ein Schattendasein, verwerfen eigene Lebensziele und negieren Sexualität.
Die ganze Palette historischer und zeitgenössischer Kontexte der weiblichen europäischen Welt und deren Sicht aus ihr und auf sie, spiegeln wunderbar vielfältig die Charakterentwürfe dieser großen Kinofilme. 

Diese breit angelegten Metaphern wie die in unserem kollektiven Gedächtnis gespeicherten Filmszenen erscheinen als malerisches Zitat, losgekoppelt von der damit erinnerten Emotion. Hier ist die Schnittstelle wo sich die Verwandlung vollzieht, sozusagen das Ende der Verpuppung durch das Schlüpfen in eines dieser aufregenden Gemälde.

Ein strahlender Schmetterling, teils gefährlich schillernd , teils zart schimmernd, immer von einer sinnlichen sinngebenden Farbgebung getragen. Es ist unendlich reizvoll und ein interaktives Vergnügen sich auf diese Umbesetzung einzulassen. Ob sensitiv oder keck, ob Thrill, Melodrama und Suspense, hier ist etwas Aufregendes im Gange. Dorothea Schüle  hat sich selbst neu erfunden.

Dorothea Schüle - Lost Paradise - Malerei 20. April 2002 bis 31. Mai 2002

DIVERGENTE WELTEN
Von Farbe und Motiv im Werk von Dorothea Schüle


... Jahrhunderte lang stand die Farbe ausschließlich im Dienste des Motivs. Ihre Funktion beschränkte sich darauf, die Erscheinungen der Umwelt auf der Leinwand einzufangen.
Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, in Verbindung mit Namen wie Odilon Redon, Paul Gauguin oder Henri Matisse, begann die Emanzipation der Farbe ...


In der Malerei von Dorothea Schüle halten sich Gegenständlichkeit und Farbigkeit in sensiblem "auf und ab", einer Art Wellengang, das Gleichgewicht. So vordergründig, unmittelbar und zentral das Motiv auch erscheint, zunächst bedingt das Interesse einer malerischen Lösung die Objektwahl, der die inhaltliche Reflexion nachfolgt.

Dieses Interesse an malerischer Umsetzung, an Transformation der gesehenen Objekte in Farbe auf Leinwand führt die Künstlerin in der Genese ihres Werkes von Thema zu Thema, von einem Werkkomplex zum nächsten. Wie ein Forscher analysiert und experimentiert sie dabei mit den Formen, Farben und Möglichkeiten.

Beginnend mit Interieurs, die sie seit frühesten Studienjahren verfolgt über die im Rom begonnene Werkgruppe der Baustellen, die Fleischbilder und die bereits 1994/95 thematisierten und in jüngster Zeit vertieften Badezimmerschilderungen erobert Dorothea Schüle die Sujets in konzentrierter Auseinandersetzung für ihre Malerei.

Das Erkennen und Verstehen der Natur, des Innersten der Motive, ist die Grundlage dieser Malerei, die es schafft, Stahl, Glas, Holz und Porzellan ohne die Mittel des Illusionismus wiederzugeben.


Nicht der Farbe ihren Eigenwert zu Gunsten der Illusion zu nehmen, sondern mit den Möglichkeiten zu arbeiten, die die Farbe selbst bietet ohne ihre eigene Kraft einzubüßen, ist ein fundamentales Anliegen der Malerei von Dorothea Schüle.
So erwachsen aus Dutzenden und Hunderten von Schlägen in grün, rot, violett,... Möbel, Kleider, Utensilien und Fleisch, die ebenso keinen Zweifel an der Präsenz des Motivs lassen wie sie ein Nachahmen ablehnen.

Dieser unfaßbaren Welt der Farbe gegenüber liegt eine Ebene der Schatten und Spiegelungen, die, im alltäglichen in den Hintergrund geraten, in den Bildern von Dorothea Schüle eine, wenn nicht sogar die prominenteste Position besetzen.

Dabei verneint die Künstlerin im Verlust einer einheitlichen Perspektive, durch Faltungen und Brechungen des Raumes, den Anspruch einer naturalistischen Wiedergabe. Das Motiv ist der Katalysator zu einer Reaktion der Farbe.


Gegenstände und Oberflächen, die Objekte einer mimetischen Malerei, werden von der Künstlerin destruiert, zerstört und neu erschaffen. Nicht mit dem Versuch der Nachahmung, vielmehr mit der Absicht einer Neuschöpfung aus reiner Farbe.

Ob das Motiv einer Espressomaschine oder die Spiegelung auf ihrem metallischen Körper, ob ein Glas oder dessen Schatten; in dieser Malerei ist der Unterschied überwunden, werden Glas und Schatten, Espressomaschine und Spiegelung auf eine gemeinsame "Existenzebene" transformiert.

Dabei erhalten die verwendeten Motive völlig neue Lesbarkeiten, werden durch ihre malerische Behandlung und durch die dezidierten Betitelungen in fremdartige Sinnzusammenhänge überführt.


Badezimmerinterieurs verwandeln sich in eine Welt aus farbigen Schatten und schillernden Spiegelungen, in der die Farbe weiß, trotz ihrer beinahe gänzlichen Abwesenheit, für jeden Betrachter spürbar bleibt.

Schuhe geraten, in ihrer malerischen Schilderung, zu einem Steckbrief einer seltsamen Spezies, die, dem Betrachter wohl vertraut, einem dem Objekt fremden Charme und Witz entwickeln.


Sessel und Stühle bieten, gesteigert durch die Mittel der Malerei, ein Panoptikum der Charakterzüge, die wir nur am Menschen zu finden glauben: Der arrogante Bürostuhl gesehen aus majestätischer Unteransicht, der behäbige Couchsessel durch Verzerrung zu einem einzigen schwerfälligen Klumpen gestaucht, der Küchenstuhl, der vita und drahtig im Bild steht und kaum Bequemlichkeit dafür aber umso mehr Arbeitsamkeit vermittelt.


So "vermenschlicht" die Objekte in den Gemälden erscheinen, so entmensch licht werden die Personen, die in Dorothea Schüles jüngsten Werken verstärkt auftreten.

Durch Kleidung, wie in der einigen Schlachthausszenen oder durch Wasser, wie in dem monumentalen Badezimmerinterieur, stets gibt die Künstlerin den Körper nur fragmentarisch wieder, läßt Kopf und Extremitäten beinahe ohne Zusammenhalt erscheinen und kontert die Materialität der Objekte mit der Textur von Haut und Körperlichkeit.


Momentaufnahmen und Zufälligkeit, die scheinbar kleinsten gemeinsamen Nenner werden angesichts dieses wohl kalkulierten und reflektierten Umgangs mit den Motiven, wie auch der Malerei selbst, kategorisch ausgeschlossen.


Die Abgeschlossenheit und Vollendung der Komposition, der Verzicht auf Verweise und Bezüge außerhalb jedes genau definierten und bestimmten Kosmos, sind die Basis von Verständnis und Lesbarkeit der Werke.

Es ist eine greifbare Divergenz zwischen Motiv und Farbe, zwischen Objekt und Motiv, zwischen Schatten und Objekt und schließlich zwischen Natur und Malerei, die in den Gemälde von Dorothea Schüle diese einzigartige und vielschichtige Betrachtungsweise ermöglicht.

Ronald Puff,
Kunsthistoriker, Wiesbaden