19.03.2015 10:32 entfesselt

Bildhauer Christoph Mügge untersucht den Abfall der Zivilisation

Christoph Muegge Broken Alarm

Christoph Mügge befasst sich mit jenen Gegenständen, deren Daseinsberechtigung durch ihre Funktion definiert wird, (c) alle Bilder Christoph Mügge/ courtesy Galerie Gerken

Christoph Muegge Sammlung Galerie GerkenChristoph Muegge FlugzeugChristoph Muegge SchiffwrackChristoph Muegge NaturgewaltChristoph Muegge Portrait
Von: GFDK - Maria Franecka und Helene Bosecker

Alltägliche Gebrauchsgegenstände und postindustrielle Materialien stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Christoph Mügge. Sowohl in seiner Malerei als auch in seiner Tätigkeit als Bildhauer untersucht der Künstler den Abfall der Zivilisation auf seine ästhetischen Werte hin.

Christoph Mügge befasst sich mit jenen Gegenständen, deren Daseinsberechtigung durch ihre Funktion definiert wird. Geht diese verloren werden sie von der Gesellschaft zu Müll deklariert. Mügge verleiht den Objekten, die von der Mehrheit der Menschen ignoriert werden, durch diese kontextuelle Verschiebung wieder eine Sichtbarkeit.

Inspiration durch Fundstücke

Der Künstler lässt sich auf verschiedene Weise von seinen Fundstücken inspirieren: die Gegenstände können sowohl das Material einer Arbeit darstellen oder sind in ihrer Erscheinung selbst das ideengebende Modell. In der Installation „Interface“, 2012 verbindet er Kabel und transparenten Kunststoff mit Holz, um die Spannungsfelder zwischen synthetischen und lebendigen Materialien zu untersuchen.

Die Arbeit „Schlauch“, 2012 erinnert an eine organische Form, die mit einem industriellen Verbindungselement verwachsen ist. Dieser Synthese stellt Christoph Mügge darüber hinaus eine überraschende Materialwahl entgegen: die Verwendung von Bronze führt zur einen weiteren Funktionsverfremdung und eröffnet ein breites Assoziationsfeld. Der Akt der Objektwahl durch den Künstler trägt zum Statuswechsel  des Gegenstands bei - von einem Fundstück zu einem sehenswerten Original. Mügges Herangehensweise stellt den Prozess der Wertzuschreibung in unserer Gesellschaft in Frage –in welcher Weise über die Klassifizierung der Objekte in dem sozialen System entschieden wird. (Text von Maria Franecka)

Über den Bildhauer Christoph Mügge

Der deutsch-schwedische Künstler Christoph Mügge (*1983 Bonn) studierte 2006–2013 Malerei und Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Tal R, Reinhold Braun (2011 Meisterschüler) und Richard Deacon.

Christoph Mügge gilt als Schaffenswütiger einer Malerei, die "innerer Notwendigkeit" (Kandinsky) von Formen und Farben entspricht. Er fügt existenzielle Katastrophen ("auf großer Fahrt"), explosive Abläufe ("Zersplitterung"), Kosmische Visionen ("ohne Titel", 2009), mikroskopische oder technische Details zu autonomen, dramatischen Bildern.

Seine verfremdeten und besessenen Bildformulierungen könnte man als die "systematische Ausbeutung des Zufälligen und künstlerisch provozierenden Zusammentreffens von wesensfremden Realitäten auf einer Bildebene" sehen, wobei der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt, aufleuchtet. Zwar geht Mügge natürlich von erkennbaren Realitätsfragmenten aus (u. a. Gestänge, Klempnerrequisiten, Landschafts- und Naturbruchstücke, Schiffswracks, rote Blutkörperchen und Bakterien, Brücken- und Architekturdetails), ordnet dies jedoch alles unter rein malerischen Aspekten und neuen, meist beunruhigenden Visionen ein.

Der junge Maler huldigt einer scheinbar chaotischen Malweise mit entfesselten Farben und durcheinander laufenden Linien. "Eine überstürzende Comicwelt schreit Weltelend und ertränkt jeden Schrei in und mit Farbe ... sind Pinselschläge Vogelschwingen gleich Raumventilatoren die Luftwirbel erzeugen, in denen dann das Papier kurz vor dem Zugriff zittert und bebt ..." (M. Lüpertz).

Ausstellung in der Galerie Gerken Berlin

Christoph Mügges Arbeiten wirken wie ein wilder, schmerzlicher Aufruf an kosmische Kräfte. Im Atelier "wird ausgetestet und Neues entwickelt. Werte werden respektlos in Frage gestellt, Grenzen und eigene Schranken überschritten, Tabus durchbrochen." (Reinhold Braun). Nach einem AAA-Stiftung-Stipendium in Schweden (07 - 08) hat Christoph Mügge in der galerie gerken, Berlin seine erste Einzelausstellung im Jahr 2009 und im Jahr 2010 eine weitere Ausstellung zu zweit. Author: Helge Gerken

Christoph Mügge hat Malerei und Bildhauerei studiert

Christoph Mügges Doppelstudium der Malerei und Bildhauerei vermittelte ihm eine Sensibilität für räumliche und farbliche Konzeptionen. Sein Interesse an Materialien und deren Einsetzbarkeit als Vermittler von künstlerischen Ideen, verlassen gewohnte Trampelpfade. Die Ironie der Funktionsverfremdung von Arbeitsmaterialien wird inhaltlich im Werk gespiegelt: Ein bronzener Schlauch erinnert an die Anatomie eines Blinddarms, der sich als potentiell gefährliches Rudiment im menschlichen Körper befindet. Der rote Alarmknopf folgt der Aufgabe, vor Gefahr zu warnen: vom Stromnetz abgeschnitten verfällt er jedoch in eine gewissenlose Sinnlosigkeit. Die Funktion, bzw. der Funktionsverlust, der ironischerweise durch Struktur und Ordnung getilgt werden sollte, wird zur Quelle der Destruktion. Mügge rückt das Unerwartete, Unkontrollierbare als produktive Ressource in ein notwendiges Licht, das gegen Einengung durch Automatismen blendet. Author: Helene Bosecker

* 11.10.1983

Werdegang

1983 geboren in Bonn
2006 Studium der Malerei und Bildhauerei an der staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, Prof. Tal R, Reinhold Braun, Prof. Richard Deacon
2011 Meisterschüler
2013 Akademiebrief

Ausstellungen

Einzelausstellungen:
2014 Kunstverein Bochumer Kulturrat, Bochum
2012 Laden N° 5 (Künstlerhaus Schloß Balmoral), Bad Ems
2010 Galerie Gerken, Berlin Gruppenausstellungen: 2012 Kunsthaus Rhenania, Köln
2012 Museum Kunstpalast, Düsseldorf
2011 Sammlung Philara, Düsseldorf
2009 Fördergesellschaft zeitgenössischer Kunst, Essen
2009 K21
2007 Kunsthistorisches Institut der Uni Bonn

 

Galeriekontakt:

galerie gerken

Linienstraße 217

D - 10119 Berlin

Tel.: +49 (0) 30 978 940 66

info@galerie-gerken.de

www.galerie-gerken.de