16.08.2015 18:23 Wann ist der Held ein Held?

Theaterfestival Grenzenlos Kultur in Mainz thematisiert das Thema Mut und Tapferkeit

Borderlines Grenzenlos Kultur

Grenzenlos Kultur, Deutschlands ältestes Festival mit behinderten und nicht behinderten Künstler/innen, geht in die 17. Runde, Borderlines, Foto: Michael Bause

Am Liebsten Bin Ich Hamlet S.Urbanski GrenzenlosKultur

Am Liebsten Bin Ich Hamlet S.Urbanski GrenzenlosKultur, Bild: FischerVerlag

Disabled Theater, GrenzenlosKultur

Disabled Theater, GrenzenlosKultur, Foto: Hugo Glendinning

Kraut und Rueben Grenzenlos Kultur Kindefest

Kraut und Rueben Grenzenlos Kultur Kindefest, Foto: Marie Lena Tollkuehn

Von: GFDK - Andreas Meder

Wann ist der Held ein Held? Reichen Mut und Tapferkeit oder geht’s nicht ohne mythologischen Überbau? Kann man Helden machen? Und brauchen wir sie heute überhaupt noch?

Grenzenlos Kultur, Deutschlands ältestes Festival mit behinderten und nicht behinderten Künstler/innen, geht in die 17. Runde – in diesem Jahr erstmals im und in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Mainz. Über 150 Künstler/innen aus Deutschland, der Schweiz, Belgien und Mosambik reisen in diesem Jahr an, darunter Schauspiel-Prominenz wie Angela Winkler und Samuel Koch, weltweit berühmte Theatergruppen wie Rimini Protokoll und Theater HORA, Publikumslieblinge wie Das Helmi und Mitglieder des Theaters RambaZamba.

Theaterfestival in Mainz

In diesem Jahr segelt Grenzenlos Kultur selbstbewusst unter dem Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz 2015 „Helden und Legenden“. Schließlich trifft die Heldenfrage mitten ins Herz des inklusiven Theaters: Sind Künstler mit Behinderungen per se Helden des Alltags, weil sie ihn überraschend meistern? Oder müssen auch sie sich heldenhaft bewähren, mit gesellschaftlichem Engagement zum Beispiel? Im Mittelpunkt des Programms stehen Produktionen, in denen Ensembles mit behinderten Künstler/innen mit denen der „normalen“ Theater- und Performanceszene kooperieren – alltägliche Heldengeschichten aus dem Herzen der Inklusion.

Eine Heldin ist Maria-Christina Hallwachs in „Qualitätskontrolle“ von Rimini Protokoll nicht, weil sie seit einem Unfall vom Hals an gelähmt ist. Sondern weil sie sich für das Leben und gegen Präimplantationsdiagnostik engagiert – und sich als begnadete Schauspielerin der eigenen Biografie erweist. Starke Frauen zeigt auch das Finale: Was passiert, wenn drei RambaZamba-Schauspielerinnen zusammen mit der Bühnen- und Film-Legende Angela Winkler die Sehnsuchts-Heldinnen des späten 19. Jahrhunderts ins Heute holen wie in „Schwestern“ von Frank Krug?

Festival auf Heldenspur

In den zehn Tagen dazwischen bleibt das Festival zuverlässig auf der Heldenspur. Samuel Koch und Robert Lang zeigen in Kafkas „Bericht für eine Akademie“ ein faszinierendes Wesen, halb Affe, halb Mensch. Kafka selbst ist Held eines außerordentlichen Kamingesprächs, das die schon legendären „Kafka-Witwen“ Klaus Wagenbach und Hans-Gerd Koch im Anschluss führen. Das Theater Stap spürt zusammen mit Tibaldus en andere hoeren in „4:3“ Götterlegenden nach und entdeckt als Helden den Menschen. Einen bewegenden Einblick in die schwierige Geschichte seines Landes Mosambik gibt der international gefeierte Choreograf Panaibra Gabriel Canda in „Borderlines“. Mit „Disabled Theater“ von Choreograf Jérôme Bel und dem Theater HORA kommt die erfolgreichste Inszenierung mit behinderten Schauspieler/innen weltweit zurück nach Mainz – mit einer besonderen Heldin: Ensemblemitglied Julia Häusermann wurde 2013 beim Berliner Theatertreffen zur besten Nachwuchsschauspielerin des Festivals gekürt.

Theater HORA zeigt zudem zusammen mit kraut_produktion die brandneue Theaterperformance „Human Resources“ – ist der Mensch nur dann etwas wert, wenn er optimiert wird? Eine Frage, die das Theater Thikwa mit seiner Begegnung zweier eigenwilliger Charaktere in „Subway to heaven“ eindeutig negiert. Und Das Helmi begibt sich auf die Spur der Ideologie-Legenden frei nach Pier Paolo Pasolinis „Große Vögel, kleine Vögel“ – mit Sängerin Cora Frost und „Love Steaks“-Star Franz Rogowski.

Noch mehr Ausnahmeschauspieler finden sich im Rahmenprogramm: Mirco Kuball steht im Mittelpunkt des semifiktionalen Filmporträts „Das große Glück“, Sebastian Urbanski liest aus seiner Autobiografie „Am liebsten bin ich Hamlet“. Und wer gern richtig was auf die Ohren bekommt, sollte sich bei der Elektrokonzertperformance der Choolers in die erste Reihe setzen.

Das alles und noch viel mehr – Kinder-Kultur-Fest und Fachtagung inklusive – gibt es ausführlich beschrieben in dieser Programmbroschüre, noch ausführlicher auf der Festivalhomepage www.grenzenlos-kultur.de und zum Nachlesen mit Kritiken, Porträts und Interviews im Festivalblog blog.grenzenlos-kultur.de. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Lebenshilfe gGmbH Kunst und Kultur

Weiterführende Links:
http://www.grenzenlos-kultur.de