07.05.2012 07:49 nach dem Roman von Lion Feuchtwanger

Theater in Wilhelmshaven: "Die Jüdin von Toledo" in der Inszenierung von Alexander Schilling - 5. Mai 2012

Fotos: Volker Beinhorn/ Landesbühne Nord

Von: Peter Hilton Fliegel - 6 Bilder

Hauptfigur in der Jüdin ist der kastilische König Alfonso VIII., Urgroßvater
des genannten Chronisten, der von 1158 bis 1214 regierte, maßgeblich für
den Aufstieg Kastiliens innerhalb der spanischen Königreiche verantwortlich
war und der im 11. Jahrhundert zurückeroberten, „multikulturellen“ Residenzstadt Toledo zu neuem Glanz verhalf. Hier schrieb man Hocharabisch,
Hebräisch und Lateinisch, die Menschen sprachen Arabisch-Andalusisch,
Romanisch-Kastilisch und verschiedene jiddische Dialekte. Über einen relativ
langen Zeitraum gelang tatsächlich eine einigermaßen friedliche Koexistenz
von Moslems, Christen und Juden, die den entscheidenden Nährboden für die
Verbreitung arabischer Philosophie und Wissenschaft und ihrer griechischantiken Quellen in Europa bildete. Dennoch vergaßen die spanischen Ritter nie ihr Ziel: die Reconquista, die Wiedereroberung der ganzen iberischen Halbinsel und die Vertreibung der andalusischen Mauren. Vor diesem Hintergrund spielt die Geschichte der Jüdin von Toledo.

Inhalt des Romans

Alfonso VIII. von Kastilien will Spanien vereinen und die Moslems besiegen.
Ein Krieg kostet Geld, also braucht er Jehuda Ibn Esra, den mächtigsten
Finanzier Spaniens. Dieser steht im Dienst des Emirs im maurischen Sevilla,
aber sein Geburtshaus ist in Toledo, wo Alfonso herrscht. Geschickt locken
er und seine Frau Leonor Jehuda mit der Rückgabe seines Hauses und dem
Versprechen, dass er und seine Kinder ihren jüdischen Glauben bei ihm offen
leben dürfen.


Jehuda entpuppt sich als zäher Partner, der zwar große Geldsummen in Alfonsos Kriegskasse spült, gleichzeitig aber mit den anderen spanischen Fürsten und Königen ein so feines Netz von Beziehungen spinnt, dass der Frieden immer stabiler wird. Da verliebt sich Alfonso in Raquel, Jehudas wunderschöne Tochter. Aufwendig lässt er das maurische Lustschloss La Galiana umbauen und zieht sich jahrelang mit ihr dorthin zurück, während das ganze Abendland zum Kreuzzug auf Jerusalem bläst. Unermüdlich weitet Jehuda den Handel mit dem moslemischen Andalusien aus und erhält so den Frieden. Aber die christlichen Ritter wollen Krieg.


Von Eifersucht zerfressen, treibt Königin Leonor ihren Mann Alfonso in
eine verfrühte Schlacht gegen eine maurische Übermacht. Gedemütigt und
dezimiert müssen die Kastilier den Rückzug antreten. Bald macht das Gerücht
die Runde, die Juden hätten den Moslems die christlichen Kriegspläne verraten. Mit interpretierbaren Andeutungen lenkt Leonor den aufgebrachten
Mob in die Galiana, wo Raquel mit ihrem Vater die Rückkehr des Königs
erwartet …

Šagors Dramatisierung

So bühnengerecht der Stoff des Romans anmutet, so „undramatisch“ liest sich
Feuchtwangers Prosa. Daher musste Kristo Šagor einen eigenen Ansatz suchen, um aus dem Roman ein echtes Drama zu formen. Neben der Verdichtung der Handlung, die er nicht linear betreibt, sondern entschieden einige Stränge ganz entfernt, um anderen den nötigen Raum zu geben und den Zuschauer nicht mit Informationen zu überfrachten, ist das deutlichste Merkmal der sprachliche Ansatz. Šagor lässt Alfonso, Leonor und deren Mutter Ellinor, die christlichen Figuren, die eine kriegerische Zukunft gestalten werden, Prosa sprechen.


Die christlichen Figuren, deren Einfluss abnehmen wird, sowie die jüdischen
und moslemischen Figuren sprechen in metrisch verschiedenen Blankversen.
An inhaltlich bedeutsamen Stellen legt er allen Figuren kurze Erzählpassagen
von Feuchtwangers Originaltext in dem Mund, mal um die Handlung
voranzutreiben, mal um genau das Gegenteil zu erreichen. Durch geschickte
Parallelhandlungen und Verschachtelungen schafft es Šagor eine enorm bühnenwirksame Geschichte zu erzählen, die gleichzeitig die emotionale Tiefe des Romans ausstrahlt.

Zur Inszenierung

Regisseur Alexander Schilling, der zum ersten Mal an der Landesbühne inszeniert, arbeitet in seiner Umsetzung mit sehr spielerischen Mitteln. Jede zunächst einleuchtende konzeptionelle Idee überprüft er sofort auf ihren szenischen Gehalt und entdeckt so – bei aller Vorbereitung – das Stück gemeinsam mit den Schauspielern. Und er nimmt Grundaussagen des Textes wörtlich und setzt sie dann genauso ungeschminkt um, wie er sie liest. So war zum Beispiel seine Wuppertaler „Iphigenie“ ein wüstes Kriegsspiel – im Text ist fortwährend von Krieg, Mord und Totschlag die Rede, also spielt das Stück im Krieg. Bei Feuchtwanger ist die Rede von saufenden, singenden Rittern, die mit Lust in die Schlacht ziehen, also werden die Kriegsvorbereitungen wie die beste Party aller Zeiten inszeniert. Wenn sich dann der Zuschauer dabei ertappt, dass er der verführerischen Anziehung des Kriegerischen erliegt, ist das Ziel erreicht,
das Bild des edlen Ritters, der für Gott und Vaterland in einen gerechten Krieg
zieht, endgültig ins Reich der Märchen und Sagen zu verbannen.


Das ist nur ein verkürztes Beispiel. Auf den ganzen Abend gesehen wird sich
das selbstverständlich differenzierter darstellen. Auf jeden Fall ist die Landesbühne stolz auf dieses Projekt: Die Uraufführung eines bekannten Dramatikers nach dem Roman eines bedeutenden Schriftstellers in den Händen eines aufregenden Regisseurs.


Peter Hilton Fliegel

 

Spieltermine im Stadttheater Wilhelmshaven:
Mi., 09.05.2012 / 20.00 Uhr
Mi., 16.05.2012 / 20.00 Uhr
Fr., 01.06.2012 / 20.00 Uhr
Sa., 09.06.2012 / 20.00 Uhr


Spieltermine im Spielgebiet
Fr., 11.05.2012 / 20.00 Uhr / Neues Theater Emden
Sa., 12.05.2012 / 19.30 Uhr / Karl-Bruns-Realschule Weener
Di., 15.05.2012 / 19.30 Uhr / Theodor-Thomas-Halle Esens
Mi., 23.05.2012 / 19.30 Uhr / Stadthalle Aurich
Do., 24.05.2012 / 20.00 Uhr / Aula Brandenburger Str. Wittmund
Fr., 25.05.2012 / 20.00 Uhr / Theater am Dannhalm Jever
Mi., 30.05.2012 / 19.30 Uhr / Theater an der Blinke Leer
Di., 05.06.2012 / 19.30 Uhr / Kurtheater Norderney
Do., 14.06.2012 / 20.00 Uhr / Theatersaal Norden

 

 

Regie: Alexander Schilling

Bühne & Kostüme: Diana Pähler

Fotos: Volker Beinhorn

 

Ansprechpartner
Peter Hilton Fliegel, Dramaturg
Telefon 04421.9401-17
E-Mail peter.fliegel@landesbuehne-nord.de


Torben Schumacher, Pressesprecher
Telefon 04421.9401-12
E-Mail torben.schumacher@landesbuehne-nord.de

Weiterführende Links:
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