19.04.2013 09:06 zwischen Alltäglichem und Mythischem

Theater in Linz: vergebliche Sinnsuche in "Spuren der Verirrten" von Peter Handke inszeniert von Philip Glass

Theater in Linz: vergebliche Sinnsuche in "Spuren der Verirrten" von Peter Handke inszeniert von Philipp Glass

"Spuren der Verirrten" im neuen Musiktheater am Volksgarten (c) Reinhard Winkler

Von: GFDK - Landestheater Linz - 5 Bilder

„Wo sind wir?“ – Die Frage, mit der die „Passanten“ Peter Handkes 2006 entstandene Spuren der Verirrten beschließen, verweist in unheil­vollem Zirkelschluss auf den Anfang des Textes, wo „Der Zuschauer“ zwei Gestalten sieht, die den Weg mit Brotbrocken markieren.

Das kaum kaschierte Hänsel und Gretel-Zitat (A: „Dort – ein Licht!“, B: „Ein Haus!“, A: „Mitten im Wald.“) etabliert schon zu Beginn die Sehnsucht nach einer Heimat oder einem Zuhause, die in Handkes zwischen Alltäglichem und Mythischem virtuos jonglierender Text-Welt jedoch zunehmend anachronistisch anmutet. Eingerahmt von einem formal gefassten Solisten-Trio – „Der Zuschauer“, „Der Protagonist“ und „Der Dritte“ – pilgert ein wachsendes Meer aus Paaren ziellos über den kaum definierten Bühnenraum, und die Versatzstücke ihrer Sprechtexte enthüllen ein Ausmaß an vergeblicher Sinnsuche, das in seiner provokant ausgestellten Banalität geradezu beklemmend ist: „Liebe, Freude, Weltraum, alles noch da, wie eh und je. Aber ohne Folge. Nichts, nichts hat mehr Folge.“ Dass Handke in der zweiten Stückhälfte mit einem veritablen Ikonen-Kabinett aus Tätern oder Opfern der abendländischen Religions- und Kulturgeschichte aufwartet – Isaak, Medea und Ödipus, Kain, Odysseus und Christus – vergrößert die Not ins Metaphysische, ohne aber in „Erlösung“ zu münden.

Diesen bitter wachen Text vom Beginn des dritten Jahrtausends zu einer Oper umzugestalten, ist eine Aufgabe, für die Philip Glass wie kein Zweiter prädestiniert erscheint. Trotzt doch sein Opernschaffen
als Hommage an große „Lichtgestalten“ der Menschheit – Einstein, Gandhi oder Echnaton – der Geschichte mutig jenen Sinn ab, den ihr Handke nicht mehr zuzutrauen vermag. – Nach Glass’ umjubelter Kepler-Uraufführung am Landestheater Linz im Jahr 2009 und der am Neujahrstag 2012 durch das Bruckner Orchester erfolgten Urauf­führung seiner 9. Symphonie, jeweils unter der Stabführung von Opernchef Dennis Russell Davies, darf Linz mit den Spuren der Verirrten nichts Geringeres erwarten als ein seine Zeit umfassend deutendes Gesamtkunstwerk. Vertreter aller Ensembles und Sparten des Landestheaters werden dafür auf die neue große Bühne des Musiktheaters treten: Sänger, Tänzer, Schauspieler, Choristen.

Oper in drei Akten für Sänger, Schauspieler, Tänzer, Chor und Orchester
Libretto nach dem gleichnamigen Stück von Peter Handke eingerichtet von Rainer Mennicken
In deutscher Sprache mit Übertiteln


Musikalische Leitung
Dennis Russell Davies
Ingo Ingensand

Inszenierung
David Pountney

Bühne
Robert Israel

Kostüme
Anne Marie Legenstein

Choreographie
Amir Hosseinpour

Lichtdesign
Fabrice Kebour

Chorleitung
Georg Leopold

Dramaturgie
Wolfgang Haendeler

Oper

Uraufführung am 12.04.2013, weitere Termine:

www.landestheater-linz.at/8578_DE-Stuecke-Stueckinfo.htm


Spielstätte Großer Saal

Dauer 2 Std. 15 min.

 

Landestheater Linz

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