17.11.2014 08:00 Oper von Wolfgang Amadeus Mozart

Theater in Hannover: Don Giovanni - ist Donna Anna das Opfer eines Gewaltverbrechens

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Donna Elvira schwankt zwischen Rachegelüsten und ihrer unerschütterten Liebe; © Thomas M. Jauk

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Von: GFDK - Staatsoper Hannover

Donna Annas Schrei, mit dem sie bei ihrem nächtlichen Treffen mit Don Giovanni ihren Vater auf den Plan ruft und damit eine Tragödie auslöst, ist in seiner Widersprüchlichkeit bezeichnend für die ganze Oper: Ist Donna Anna das Opfer eines Gewaltverbrechens? Oder will sie ihren nächtlichen Besucher nicht loslassen?

Theater in Hannover

Ist der Grund ihrer Empörung Don Giovannis Erscheinen oder seine plötzliche Flucht? Und ist Don Giovanni der skrupellose Jäger nach dem weiblichen Geschlecht oder selbst der Gejagte? So wie die Figuren des Stücks in ihrer Gegensätzlichkeit scheinbar immer wieder zufällig aufeinanderprallen und doch diese Begegnungen suchen, so sind sie auch selbst von Gegensätzen, vom Widerstreit zwischen Nähe und Flucht zerrissen.

Donna Elvira schwankt zwischen Rachegelüsten und ihrer unerschütterten Liebe, Don Ottavio gibt den ritterlichen Liebhaber und verzweifelt doch an seiner Schwäche, Zerlina ist selbst an ihrem Hochzeitstag zu einem Seitensprung bereit, und Masettos Rebellion ist durchdrungen von der Angst vor dem Stärkeren. Am prägnantesten offenbaren sich die Widersprüche in der Figur des Leporello, der die Unternehmungen seines Herrn mit einer Mischung aus genüsslichem Sadismus und ehrlicher Abscheu unterstützt. Nur Don Giovanni kann die drohende Dissoziation der Figuren verhindern.

Er verkörpert die ungehemmte Sehnsucht nach intensivstem Lebensgenuss und  ist paradox charakterisiert durch das faustische Verweilen im Augenblick, der Aufhebung von Zeit im Genuss, und andererseits durch das ständige Voraneilen eines, der keine Endgültigkeit anerkennt. Er zieht die anderen Figuren des Stücks vollständig in seinen Bann, ja durch seine Gegenwart gewinnen sie im Spannungsfeld von Anziehungskraft und Angst überhaupt erst ihre Umrisse. Ihre Intrige gegen den jenseits aller Moral Stehenden bleibt jedoch hilflos, weil sie sich im Grunde nur aus dem Wunsch nährt, im Kraftfeld des Verfolgten zu bleiben.

Und so ist letztlich der ermordete Komtur der einzig ernst zu nehmende Gegenspieler Giovannis, der dem hypertrophen Streben nach unbegrenzter Sinnlichkeit die Endgültigkeit des Todes entgegenstellt. In der Begegnung mit dem toten Komtur erfüllt sich Giovannis Grenzenlosigkeit durch den Absturz  ins Bodenlose. Und wieder ist er den  Verfolgern entkommen, die rat- und orientierungslos zurückbleiben. Mozarts Don Giovanni mit dem genialen Libretto von Lorenzo da Ponte ist vielleicht wirklich die »Oper aller Opern«, als welche sie E.T.A. Hoffmann bezeichnete. In seiner Musik gelingt Mozart eine außerordentlich differenzierte Charakterisierung aller Figuren, vom aristokratischen Pathos der Donna Elvira bis zum volkstümlichen Tonfall des bäuerlichen Paares Zerlina / Masetto.

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Und doch unterstreicht auch die Musik die ständige Fixierung auf die Hauptfigur in ihrer Unrast und Dämonie, selbst in den heitersten Momenten der Partitur. Dabei ist Don Giovanni zumeist nur unterschwellig musikalisch präsent. Bezeichnenderweise hat er – abgesehen von der vorüber rauschenden kurzen Champagner-Arie und seiner kleinen Canzonetta – sonst keine wirklich große Solonummer im Stück. So wird auch musikalisch klar, dass Don Giovanni der perspektivische Fluchtpunkt des Geschehens ist, der im Unendlichen immer ungreifbar bleibt.

malte.erhardt@remove-this.staatstheater-hannover.de