02.06.2015 08:00 von Elfriede Jelinek

Theater in Essen: Wolken.Heim. - Identitäts- und Heimatmonolog

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Elfriede Jelineks 1988 verfasster Identitäts- und Heimatmonolog kennt keine Akteure oder Rollen; (c) Martin Kaufhold

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Von: GFDK - Schauspiel Essen

Es ruht im Boden, es wächst in den Wäldern, es bricht aus den Felsen. Es erwacht, erhebt sich, blickt aus vielen Augenpaaren.

Theater in Essen

Sein Denken und Fühlen ist eins mit dem Grund, auf dem es steht. Es ist bei sich zu Hause. Es öffnet den Mund und gibt sich einen Namen: “Wir!” Doch kaum ist das “Wir” gesprochen, da ist es auch schon bedroht. Das “Wir” ist eine Demarkationslinie, eine Grenze, und jenseits dieser Grenze steht unweigerlich das Andere, das Fremde, das Unstete, Unnatürliche und unbedingt Auszuschließende. Aus dem Denken wird Wille, aus dem Willen Tat. Und aus dem “Wir” wird ein Volk, werden Deutsche, Deutsche, Deutsche.

Elfriede Jelineks 1988 verfasster Identitäts- und Heimatmonolog kennt keine Akteure oder Rollen. In hochartifizieller Versprosa artikuliert sich stattdessen ein Kollektiv in einer kaskadenhaften Collage von Zitaten aus Dichtung, idealistischer Philosophie und Propaganda, die sich unter anderem aus Texten von Fichte, Hölderlin, Kleist, Heidegger und Schriften der RAF speist. Im Verschneiden des heterogenen Materials offenbart Jelineks Theater der Dekonstruktion die gedanklichen Grundmuster eines Diskurses, der in den deutschen Nationalismus und Faschismus münden sollte.

Freunde der Kunst

Jeder Buchstabe trägt die Saat der Katastrophe schon in sich. Wie sich der postdramatische Text den klassischen Theaterkonventionen verweigert, so öffnet er sich in Jelineks Bearbeitung und Deformation der literarischen Quellen hin zur musikalischen, klanglichen Formung.

martin.siebold@remove-this.schauspiel-essen.de