04.02.2015 09:00 nach Homer

Theater in Essen: Die Odyssee - erzählt die Urgeschichte der europäischen Zivilisation

Die Odyssee theater

Auf seiner Irrfahrt verlässt Odysseus die Grenzen der bekannten Welt und betritt eine Gegend des Nicht-Menschlichen; (c) Thilo Beu

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Von: GFDK - Schauspiel Essen

Nach dem Sieg der Griechen über Troja bricht Odysseus zusammen mit Agamemnon per Schiff nach Hause auf, doch die Götter entscheiden anders: Winde, Gewitter und Stürme treiben die Flotte auseinander. Odysseus ist jetzt mit seinen Gefährten allein auf hoher See unterwegs Richtung Heimat…

Theater in Essen

Homers “Odyssee” erzählt die Urgeschichte der europäischen Zivilisation: Auf seiner Irrfahrt verlässt Odysseus die Grenzen der bekannten Welt und betritt eine Gegend des Nicht-Menschlichen, eine Welt des Anderswo, die er buchstäblich “erfahren” und danach endgültig hinter sich lassen muss, um am Ende seiner Reise zum “homo oeconomicus”, zum bürgerlichen Menschen zu werden.

Seine ebenso gefährlichen wie aufregenden und wunderschönen Abenteuer sind die Risiken, die er im Zuge der Rückkehr zu Heimat und festem Besitz, auf dem gefahrvollen Weg zum Erfolg, meistern muss – durch List, zweckrationales Denken, Arbeit, Gehorsam, Entsagung, Opfer, Glücks- und Triebverzicht. Homers Epos handelt von unserer Vorgeschichte: Wir sind Odysseus. “Zigeuner” dagegen sind unser inneres Ausland. Der Hass auf sie richtet sich im Grunde gegen die Kosten unseres zivilisatorischen Fortschritts und ist zugleich die radikale Reinigung unseres Selbstbildes von dem, was es vermeintlich bedroht: das Unerlaubte, das Lustprinzip, das unserem Fortschrittsdenken diametral entgegensteht.

Freunde der Kunst

Auf Grund ihrer gleichermaßen geächteten wie romantisch verklärten Lebensweise finden Roma und Sinti sich immer wieder in der Rolle der unheimlichen Doppelgänger, die Gewünschtes und Verwünschtes, Ersehntes und Verbotenes leben, lebendig halten, und damit dokumentieren, dass ein anderes Leben jenseits der etablierten sozialen Welt möglich wäre. In Gesprächen mit Essener Roma und dem hiesigen Theaterpublikum über Akzeptanz und Ablehnung, Vorurteile und Ängste, Klischees und Rollenzuweisungen, über Gastfreundschaft und Ausgrenzung entsteht ein aktueller Kommentar zu Homers Heldenepos, jenem Grundtext europäischer Zivilisation, der wie kein anderer von den “Irrfahrten” des modernen Menschen erzählt.

martin.siebold@remove-this.schauspiel-essen.de