29.10.2013 08:00 von Anthony Burgess

Theater in Essen: Clockwork Orange - beschäftigt sich mit Entwicklungen der Gehirnforschung

Clockwork Orange von Anthony Burgess am schauspiel essem

Darf man das Gehirn stimulieren bzw. manipulieren, wenn man damit Gewalttaten verhindern kann? ; (c) Martin Kaufhold

Clockwork Orange premiere schaispiel essen

Von: GFDK - Schauspiel Essen

Das Buch machte seinen Autor 1961 schlagartig berühmt, Stanley Kubricks Verfilmung zehn Jahres später wurde Kult: Alex und seine Gang ziehen Nacht für Nacht durch die Stadt und stürzen sich auf wehrlose Opfer – zynisch, grausam und gewissenlos. Eine solche grundlose Lust an Gewalt und Zerstörung verstört auch heute noch.

Unsere Gesellschaft steht den Verbrechen ohnmächtig gegenüber und sucht nach Erklärungsmustern: wohlstandsverwahrlost, Migrationshintergrund, ADHS, Traumata in der Kindheit, strenge Eltern, schwache Eltern, Prekariatsumfeld, mangelnde Bildung, religiöser Eifer, Orientierungslosigkeit in einer globalisierten Welt, Überforderung durch ein Zuviel an Möglichkeiten, Ausweglosigkeit mangels Perspektiven … Die “Lösung” in Anthony Burgess’ Roman ist effektiv: Gehirnwäsche! Fortan entwickelt Alex schon beim Gedanken an Gewalt körperliche Schmerzen und wird so konditioniert als “geheilt” entlassen. Doch ist er jetzt noch ein Mensch? Oder bloß ein mechanisch funktionierendes Uhrwerk?

Theater in Essen

Ausgehend von “Clockwork Orange” beschäftigt sich Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer (“Ulrike Maria Stuart”) in seiner Bühnenfassung mit aktuellen Entwicklungen der Gehirnforschung und Neurobiologie. Darf man das Gehirn stimulieren bzw. manipulieren, wenn man damit Gewalttaten verhindern kann? Ist “Neuro-Enhancement” die Lösung allen Übels – oder eher ein Quell des Bösen? Ist es Optimierung oder Doping, Verbesserung oder Entmenschlichung? Kann man das Böse überhaupt auslöschen? Ist der Preis dafür der Verzicht auf Individualität und Selbstbestimmung? Tritt dann eine künstlich implantierte Moral an die Stelle persönlichen Empfindens?

Hermann Schmidt-Rahmer hat sich bereits in einem Theaterprojekt am HAU (Hebbel am Ufer, Berlin) mit künstlicher Intelligenz und Gehirnforschung befasst und setzt die Beschäftigung mit diesem Themenfeld zwischen Wissenschaft und Wahn, visionärem Einsatz und Hybris, Manipulation und Fortschrittsdenken nun mit “Clockwork Orange” fort.

Freunde der Kunst

Hermann Schmidt-Rahmer wurde 1960 in Düsseldorf geboren. Er studierte Musikwissenschaft und Philosophie in München und absolvierte ein Schauspielstudium an der Universität der Künste Berlin. Nach Engagements an der Freien Volksbühne Berlin, am Schauspielhaus Köln, dem Hamburger Schauspielhaus und dem Wiener Burgtheater arbeitet er seit 1990 als freier Regisseur, u.a. in Köln, Berlin, Basel, am Theater Dortmund, am Düsseldorfer Schauspielhaus sowie am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Er arbeitet zudem als Autor und Übersetzer und ist Professor für Szene an der Universität der Künste in Berlin. Hermann Schmidt-Rahmer hat am Schauspiel Essen in der letzten Spielzeit Elfriede Jelineks “Ulrike Maria Stuart” inszeniert. Diese Inszenierung wurde beim NRW-Theatertreffen 2012 mit dem Preis für die beste Inszenierung und für die beste Schauspielerin (Bettina Schmidt) ausgezeichnet. In der Kritikerumfrage der “Welt am Sonntag” wurde sie zweimal als beste Inszenierung genannt.

martin.siebold@tup-online.de