01.10.2014 08:00 wurde unter Stalin verboten

Theater in Dresden: Der Selbstmörder - Komödie von Nikolai Erdman

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Ein Priester fordert, Semjon möge sich für die Freiheit der Religion erschießen; Foto: David Baltzer

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Von: GFDK - Schauspiel Dresden

Der arbeitslose Semjon Podsekalnikow wird nachts wach, weil er Hunger auf Leberwurst hat. Der anschließende Ehestreit mit seiner Frau Mascha treibt Semjon aus dem Schlafzimmer.

Theater in Dresden

Mascha, von der Angst gepackt, Semjon könnte sich gedemütigt fühlen und sich etwas antun, holt die Nachbarn zu Hilfe. Semjons Traum, Bass-Tuba zu lernen und sich als Orchestermusiker eine bürgerliche Existenz zu ermöglichen, zerplatzt an der Notwendigkeit, zum Tonleiternüben ein Klavier zu besitzen.

Er tauscht sein Rasiermesser gegen eine Pistole – und ist plötzlich umgeben von Menschen, die ihre Hoffnungen in seinen Selbstmord setzen: Ein Priester fordert, Semjon möge sich für die Freiheit der Religion erschießen, der Schlachter wünscht sich Semjons Selbstmord als Protest gegen die Einschränkungen im Lebensmittelhandel, eine romantisch veranlagte Dame schlägt Semjon vor, er könne sich doch aus Liebe zu ihr umbringen – vor allem um ihre Chancen bei einem gewissen Oleg zu erhöhen –, und der Intellektuelle will Semjons Selbstmord als Mahnmal für die Meinungsfreiheit. Die neu gewonnenen Freunde zelebrieren Semjons bevorstehenden Selbstmord mit einem großen Abschiedsbankett, bezahlen das Begräbnis, sehen in Semjons Ehefrau Mascha die ideale Witwe – aber Semjon schafft es nicht, abzudrücken, selbst als er schon im Sarg liegt.

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Nikolai Robertowitsch Erdman wurde 1900 in Moskau geboren. Sein erstes Stück, „Das Mandat“, wurde, wie auch sein zweites Stück, „Der Selbstmörder“, unter Stalin verboten, Erdmans kurze Laufbahn als Bühnenautor beendet und er selbst für Jahrzehnte verbannt. 1969 wurde „Der Selbstmörder“ in Göteborg uraufgeführt. Erdman kommentierte die Uraufführung mit den Worten: „Das wird mein Leben wohl nicht im Geringsten verändern, aber mein Schicksal als Schriftsteller hat sich offensichtlich schon gewendet.“ Er starb 1970 in Moskau.
 

martina.aschmies@staatsschauspiel-dresden.de