14.03.2015 09:00 nach dem Roman von Franz Kafka

Theater in Dresden: Amerika - Bildungsroman der besonderen Art

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Erzählt vom amerikanischen Traum, seinen Schattenseiten und dem Kampf eines jungen Mannes gegen die Einsamkeit; (c) David Baltzer

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Von: GFDK - Staatsschauspiel Dresden

„Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickt er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht“ – so beginnt Franz Kafkas „Der Verschollene“, besser bekannt unter dem Titel, den Max Brod seiner Edition des Romanfragments aus Kafkas Nachlass gab: „Amerika“.

Theater in Dresden

Karl Roßmann „goes west“, und Karl Roßmann ist „on the road“. Aus diesen beiden Standardmythen amerikanischer Lebensläufe entwickelt Franz Kafka einen Bildungsroman der besonderen Art. Erzählt wird die Geschichte eines europäischen Emigranten, der sich im gelobten Land Amerika auf die Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft macht. Karl wird dabei allerdings nicht „vom Tellerwäscher zum Millionär“, sondern erst vom Neffen eines reichen Onkels zum Liftboy, dann zum zum Privatsklaven einer ausrangierten Opernsängerin.

Als ihn am Ende das „Naturtheater von Oklahoma“ als Techniker anstellt, bleibt offen, ob er hier das ersehnte Gegenmodell zur kapitalistischen „Wolfsgesellschaft“ findet oder in die Fänge heimtückischer Ideologen gerät. Karls Reise durch die amerikanische Fremde, die Züge eines Stationendramas aufweist, ist eine Reise durch die Hügellandschaft der Moderne mit all ihren aberwitzigen Höhenkämmen und traurig-düsteren Talsohlen. Kafkas Roman, dessen Hauptfigur immer wieder durchaus chaplineske Züge trägt, erzählt vom amerikanischen Traum, seinen Schattenseiten und dem Kampf eines jungen Mannes gegen die Einsamkeit.

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Regie führt Wolfgang Engel, der von 1980 bis 1990 als Hausregisseur am Staatsschauspiel maßgebliche Inszenierungen schuf. Zuletzt brachte er hier die Uraufführung von Tellkamps „Der Turm“, Bulgakows „Der Meister und Margarita“, „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz und Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“ heraus. 2011 erhielt er den Theaterpreis „Der Faust“ für sein Lebenswerk.

martina.aschmies@staatsschauspiel-dresden.de