06.08.2014 08:00 Ganz Russland ist unser Garten

Theater in Berlin: Der Kirschgarten - ist kein Drama geworden, sondern eine Komödie

theater berlin

Wie Clowns stolpern dieFiguren in einem absurd-komischen Endspiel; Foto: Thomas Aurin

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Von: GFDK - Maxim Gorki Theater

"Ganz Russland ist unser Garten. Die Welt ist groß und schön und reich an herrlichen Orten.

Überlegen Sie, Anja, Ihr Großvater, Ihr Urgroßvater und all Ihre Vorfahren hatten Leibeigene, es waren lebende Seelen, die ihnen gehörten, und sehen Sie denn nicht die menschlichen Wesen, die von jedem Baum im Garten herunterschauen, von jedem Blatt, von jedem Stamm, hören Sie denn nicht die Stimmen … Der Besitz dieser lebenden Seelen hat Euch alle geprägt, die, die früher hier lebten und die, die jetzt hier sind, Ihre Mutter und Ihr Onkel, und es gibt kein Bewusstsein davon, dass Ihr mit Schulden lebt, auf fremde Kosten, auf Kosten derjenigen, die Ihr nicht weiter als bis ins Vorzimmer lasst …"

Theater in Berlin

Es ist beschlossen: Der alte Kirschgarten soll verkauft werden. Mit vollen Händen hat die Gutsbesitzerin Ranjewskaja jahrelang ihr Geld aus dem Fenster geworfen und ganze Schuldenberge angehäuft. Das ländliche Kleinod, seit Generationen im Besitz ihrer Familie, droht an Gläubiger überzugehen, wenn nicht rasch eine Lösung für die wirtschaftliche Misere gefunden wird. Der aufstrebende Unternehmer Lopachin unterbreitet Ranjewskaja daher zur Tilgung der Hypotheken ein Sanierungskonzept, das vorsieht, den Kirschgarten zu opfern und auf dessen Grund profitable Ferienwohnungen für Sommertouristen zu errichten. Doch die Schuldner wollen davon nichts wissen.

Schauspiel in Berlin

Wenn der Kirschgarten auch längst keinen Gewinn mehr abwirft und nutzlos geworden ist, so ist seine anmutige Schönheit den Familienmitgliedern doch lebendige Erinnerung an bessere Zeiten. Tatenlos verharren sie in einer Welt der rückwärtsgewandten Sehnsüchte bis der Tag der Zwangsversteigerung unmittelbar bevor steht und die alte Heimat in Gefahr gerät, für immer verloren zu gehen.

„Es ist kein Drama geworden, sondern eine Komödie, stellenweise sogar eine Farce“. So verteidigte Anton Tschechow seinen Kirschgarten stets gegenüber all jenen, die darin einen wehmütigen Abgesang auf die alte Tradition sahen. Tatsächlich beschreibt er voll heiterer Ironie eine Gesellschaft im Übergang, in der das Altvertraute sich verflüssigt und die Umrisse einer neuen Welt sichtbar werden. Wie Clowns stolpern seine Figuren in einem absurd-komischen Endspiel zwischen Sehnsucht, Einsamkeit, sanfter Vorfreude und ihren Verlustängsten umher, ohne festen Grund unter den Füßen zu spüren.

Freunde der Kunst

Nurkan Erpulat inszeniert Tschechows Komödie als letzten Heimatabend einer verunsicherten Gesellschaft vor ihrem Ausverkauf.

sircar@gorki.de