28.01.2012 07:41 Seine Gewinne sind gigantisch. Die Verluste auch.

Theater: Das war ich nicht - ein Spiel von Abhängigkeit, Gefühl und Geld am Staatstheater Wiesbaden

Das war ich nicht (c)Obst/Kaufhold - Weibliche Hauptrolle, Viola Pobitschka

Von: Sandra Ihrig - 10 Bilder

Die Übersetzerin Meike hat sich gerade aus ihrem allzu vorhersehbaren Leben mit ihrem Freund verabschiedet und ein marodes Bauernhaus an der Nordsee gekauft. Um die Hypotheken aufbringen zu können, hofft sie auf die Übersetzung des neuen Buches von Henry LaMarck.

Von diesem Roman jedoch gibt es noch keine einzige Zeile; der hochgefeierte Autor leidet an einer Schreibblockade und versteckt sich vor der Öffentlichkeit in einem Luxushotel in Chicago.

Ein paar Häuser weiter macht der junge ehrgeizige Banker Jasper gerade einen Karrieresprung vom Backoffice einer renommierten Bank in den Händlersaal. Fortan hat er einen Freifahrtschein für riskante Millionen-Deals. Seine Gewinne sind gigantisch. Die Verluste auch.

Als Meike erfährt, dass Henry LaMarck abgetaucht ist, kratzt sie ihr letztes Geld zusammen und reist nach Chicago. Dort lernt sie zunächst Jasper kennen, der ein auffälliges Interesse an ihr zeigt. Doch auch Henry LaMarck kommt ins Spiel.

Er hat sich in das Foto Jaspers vor einem in die Tiefe stürzenden Aktienkurs verliebt und ist auf der Suche nach ihm. Als er Jasper kennenlernt, überträgt er ihm seine Bankgeschäfte. Jasper, der gerade 10 Millionen verzockt hat, nimmt das Angebot nur zu gern an.

Unversehens sind alle drei Figuren tief miteinander verstrickt: in ein Spiel von Abhängigkeit, Gefühl und Geld. Magnusson trifft mit seinen Figurenporträts einen Nerv der Zeit. Obwohl seinen Charakteren jederzeit der Absturz ins Bodenlose droht, sind sie leicht und humorvoll erzählt.

Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er lebt in Berlin. Seine Komödie ‚Männerhort‘ läuft seit 2007 äußerst erfolgreich im Repertoire der Wartburg. Der Roman ‚Das war ich nicht‘, den wir in einer Theaterfassung zeigen, erschien 2010.

Jasper, Meike, Henry, ziehen die Weihnachtswattebärte ab, wenn sie ihre Lebensgeschichten erzählen. Inszenatorische Gelegenheit, zwischen Dialog und Monolog und den Tempi zu wechseln. Je rasanter das Tempo auf der Bühne allerdings wird, desto mehr reißt es auch die unterschiedlichen Stilmittel mit sich fort. Darstellerisch wird das ganz hervorragend durchgehalten mit großem, allmählich auch aufs Publikum überspringenden, Spaß an Klamauk, Gag, organisiertem Chaos. Es spielen: Rainer Kühn als großer, aber verwirrter alter Autor, seiner Schaffenskraft entblößt, also auf nackten Beinen im Pelzfutterimitat und Vollblut-Parodist beim Rollenwechsel (Szenenapplaus). Viola Pobitschka ist als arbeitssuchende Meike praktisch wie rosaplüschig begabt, mit Brille zudem pseudointellektuell, also wunderbar nervtötend; Martin Müller gibt den Banker sympathisch ehrgeizig und brillant fahrig im Zickzack von Gewinn und Verlust mit Zollstock. Die Krawatte wird er lösen, wie alle sich aus ihren Rollenmustern. Die Bühne (Lisa Rohde) gibt mit ihren Holzsparren von Anfang an ja auch nur die Idee eines Hauses vor, in dem rückgeblickt wird auf das, was bis zum Weihnachtsmann- und frauenwunder geschah. Nachlaufen – der Arbeit, dem Erfolg (Anfang 30), oder auch: Aufgabe derselben (mit 60). Als die beiden Jungen und der Alte aufeinanderprallen, gibt es neben selbst produziertem Schnee (aha: Kälte) auch Palmenwuchs (Wärme) in der aufgeklappten Kulisse. Wo immer auch die Liebe hinfällt (vor Jaspers Füße zweimal), der Pleitegeier krallt die Drei am Ende ihrer Rutschbahn in eine Gefühls-Gemeinschaft. Der Roman ist in seiner Ironie subtiler, hat aber auch 300 Seiten Zeit. Auf der Bühne sind es 90 Minuten. Die sind turbulentes Schauspielervergnügen. Weihnachtsgeschenk.

Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 08.11.2011

‚Das war nicht ich‘, ursprünglich ein Roman, dessen Bühnenfassung von Ronny Jakubaschk stammt, der Anfang des Jahres in Basel die Theater-Uraufführung inszenierte, hat, so unterhaltsam das ist, einen nur allzu wahren Kern. Für den hat Magnusson auch in der Frankfurter Bankenwelt Feldforschung betrieben – weit bevor aus einzelnen Brandherden die Weltfinanzkrise wurde. Klug verwurzelt er die in persönlichen Krisen, mit Literatur kennt Magnusson sich ohnehin aus, und so trieft seine Charakterisierung des eitlen und von Versagensangst geplagten Henry vor Ironie. Kallmeyer nimmt diese Fäden auf, und er hat die passende Besetzung dafür: Rainer Kühn spielt Henry mit geradezu kulinarischem Genuss, Viola Pobitschka als Meike ist ein rosig-jugendfrisches Exemplar deutscher Pedanterie – nicht verdreht und krampfig, eher ein zartes, munteres Gegengewicht. Jasper gibt Martin Müller ein hochkomisches und doch glaubwürdiges Gesicht, mit seinen kaninchenängstlich aufgerissenen Augen, seiner kindlichen Zockermasche und dem Zollstock, der sowohl als Aktienkurve wie als Smartphone dient. An derlei originellen Einfällen und allerhand Nebenrollen, in welche die drei zur passenden Musik schlüpfen, mangelt es beileibe nicht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2011

Drei Weihnachtsmänner erbetteln Almosen vom Publikum. Dann quetschen sie sich auf eine Parkbank, verschanzen sich hinter ‚verarmt‘-Schildern und seufzen erbarmungswürdig. Warum die Biografien dieser drei unterschiedlichen Menschen abstürzten, woher sie sich kennen, wie sie sich liebten und warum sie einander hassten, davon erzählt der spritzige Theaterabend in der Wiesbadener Wartburg. Nach dem Wartburg-Dauerrenner ‚Männerhort‘ hat auch Magnussons ‚Das war ich nicht‘ das Zeug zum Hit. Voller Drive im Tempo, angereichert mit skurrilem Börsendomino und einem grandios agierenden Schauspielertrio steigert sich der Abend von Minute zu Minute.

Gießener Allgemeine Zeitung, 08.11.2011

Das Theater Wiesbaden bringt mit der Erstaufführung der Bühnenfassung nun das Stück zur Occupy-Bewegung heraus: die pointiert zugespitzte Satire auf ein Finanzsystem, das man nur mit den Mitteln des aberwitzigen Humors beschreiben kann. Die Textfassung von Ronny Jakubaschk fädelt die Geschichte als rückblickende Erzählung der drei Gescheiterten auf, Henner Kallmeyers Regie formt daraus einen flüssigen und sehr unterhaltsamen Theaterabend, der den Aberwitz der rasanten Handlung in einem flotten Wechsel der Darstellungsebenen bändigt. Drei Figuren reden abwechselnd mit- und übereinander, wenn sie nicht gerade monologisierend mit sich selbst beschäftigt sind. Das Wiesbadener Darstellertrio macht das im witzigen Boulevardton und erreicht doch sehr differenzierte Porträts.

Deutsche Erstaufführung

Von Kristof Magnusson

Premiere am 06. November. 2011

Wartburg

Samstag, den 28.01.2012, 20.00 Uhr

Dienstag, den 07.02.2012, 20.00 Uhr

Donnerstag, den 16.02.2012, 20.00 Uhr

Aufführungsdauer: 1 Stunde 35 Minuten. Keine Pause.

InszenierungHenner Kallmeyer
Bühne und KostümeLisa Rohde
DramaturgieBarbara Wendland
Mit:
JasperMartin Müller
HenryRainer Kühn
MeikeViola Pobitschka

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