26.03.2012 08:30 Vom 14. bis zum 24. Juni 2012 ist es wieder soweit

Das Hessische Staatstheater Wiesbaden lädt zum fünften Mal zur Theaterbiennale NEUE STÜCKE AUS EUROPA nach Wiesbaden ein

© Kaufhold

Von: Lucia Zimmermann - 3 Bilder

Vom 14. bis zum 24. Juni 2012 ist es wieder soweit: Das Hessische Staatstheater Wiesbaden lädt zum fünften Mal zur Theaterbiennale NEUE STÜCKE AUS EUROPA nach Wiesbaden ein – zum dritten Mal in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Mainz.

 „Eines hat die Finanzkrise bewirkt: ein neues Bewusstsein der Theatermacher, sich mit ihr auseinanderzusetzen“ stellt der Wiesbadener Intendant Manfred   Beilharz beim ersten Pressegespräch vom heutigen Donnerstag, 19. Januar 2012 im Staatstheater Mainz fest.

Auf ihren Recherchereisen quer durch Europa hat die Künstlerische Leitung der Biennale – Manfred Beilharz, Tankred Dorst, Ursula Ehler und Maya Schöffel – unterschiedliche Stimmen von Dramatikern eingefangen, die die neue europäische Befindlichkeit in ihren Stücken reflektieren.

Unterstützt wurden sie dabei von dem einzigartigen Netzwerk der Paten, renommierten Dramatikern aus 41 Ländern Europas. Für das Staatstheater Mainz reiste und kuratierte die Mainzer Chefdramaturgin Marie-Luise Rötzer. Nachdem 2010 die 10. Ausgabe der Theaterbiennale gefeiert werden konnte, steht in diesem Jahr ihr 20. Geburtstag bevor.

Das Jubiläum der von Intendant Manfred Beilharz und Dramatiker Tankred Dorst 1992 in Bonn gegründeten Theaterbiennale wird mit 28 Gastspielen, mit Foren und Workshops feierlich begangen. Eine Auswahl an theatralen Neuentdeckungen präsentiert die Künstlerische Leitung gemeinsam mit dem Mainzer Intendanten Matthias Fontheim auf der ersten Programmpressekonferenz.

Seien es Zeitreisen in die Vergangenheit mit Peter Handkes IMMER NOCH STURM (D/A), theatrale Telefonstadtführungen in A MACHINE TO SEE von Blast Theory (GB) oder SPIELPLATZ TÂRGOVIŞTE von Stefan Peca und Ana Mărgineanu (RO) mit 18 Minidramen – die Theaterbiennale bietet auch dieses Jahr einen kreativen, eigenwilligen Querschnitt durch die europäische Theaterlandschaft: A MACHINE TO SEE WITH von Blast Theory aus Großbritannien macht den Zuschauer zum Akteur und Autor.

Jeder Teilnehmer erhält einen Anruf auf seinem Mobiltelefon: Eine Computerstimme leitet ihn zu einer bestimmten Adresse und führt ihn durch die Stadt. Der Plan scheint wasserdicht – würde man von der Call-Center-Software nicht permanent vor eine neue Wahl gestellt: „Raube ich eine Bank aus – oder nicht.

Verteile ich die Beute später – oder nicht?“   Aus der Türkei steht das Stück SCHÖNE DINGE SIND AUF UNSERER SEITE I GÜZEL ŞEYLER BIZIM TARAFTA von Berkun Oya auf dem Spielplan. Ein modernes Istanbuler Paar kommt nach Hause und findet seine Wohnung verwüstet vor.

Wie in einem Krimi schält sich allmählich die Handlung heraus: Was zunächst nach einem klassischen Einbruch aussieht, entpuppt sich jedoch als das Einbrechen einer anderen Kultur, einer anderen Lebenswirklichkeit aus dem gleichen Land. (Aufgrund einer öffentlichen Lesung erhielt das Stück 2011 den Hauptpreis des Heidelberger Stückemarktes).  

Theatermacher aus Serbien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo haben für das Projekt HYPERMNESIE I HYPERMNESIA von Selma Spahić eigene Kindheitserinnerungen zusammengetragen. Alle geprägt durch extreme politische und soziale Umstände.

Persönlich und einzigartig und doch zigtausendfach erlebt von Kindern in den Jahren des Balkankrieges. Montiert hat die junge Autorin und Regisseurin aus Sarajewo daraus ein Theaterereignis, das virtuos mit Theatersprachen und -mitteln spielt. Eine ermutigende und übernationale Produktion des MESS Festivals Sarajevo.  

Im rumänischen Beitrag SPIELPLATZ TÂRGOVIŞTE I TÂRGOVIŞTE DE JUCĂRIE wird eine Stadt zum Vergnügungspark: Autor Peca Stefan und Regisseurin Ana Mărgineanu haben sich im Auftrag des dortigen Stadttheaters zwei Wochen lang ins Leben von Târgovişte geschmissen, Mythen, Legenden, wahre Geschichten und lebende Originale gesammelt und daraus ein Kaleidoskop gebaut.

Jeder Zuschauer geht auf eine andere Entdeckungsreise: Zu einem intimen Vis-à-Vis mit Dracula, einem inszenierten Probenbesuch des Stücks „Ich habe Nicolae Ceauşescu erschossen“ oder ins Kabinett einer Wahrsagerin – der Eintritt für die Minidramen wird ausgelost.

Aus Deutschland und Österreich ist IMMER NOCH STURM von Peter Handke eingeladen – eine Produktion der Salzburger Festspiele und des Thalia Theaters Hamburg.

Regie führt Dimiter Gotscheff. Das neue Stück von Peter Handke handelt von einer slowenischen Kleinhäuslerfamilie in Kärnten, die in der NS-Zeit, vom Sprachverbot und von der Aussiedlungspolitik bedroht, zum Widerstand findet. Nach Ende des Krieges, nach kurzen Wochen der erkämpften und erlebten Freiheit, fühlt sie sich wieder verdrängt und ausgeschlossen.

THE BLUE BOY heißt das irische Gastspiel des Künstlerduos Brokentalkers. Es  handelt sich um ein Gesamtkunstwerk aus Sprechtheater, Tanz, Lichtdesign, Video-, Ton-, und Performancekunst, das auf den in Irland von der Regierung veröffentlichten Ryan-Bericht zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche antwortet. Herausgekommen ist ein tiefbeeindruckender Theaterabend, der keinen gleichgültig lässt.

Unter dem scheinbar harmlosen Titel UNSERE KLASSE I NASZA KLASA erzählt der preisgekrönte polnische Dramatiker Tadeusz Słobodzianek exemplarische Biografien von zehn ehemaligen Schulkameraden. Im Lauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts verraten sie sich gegenseitig, foltern, vergewaltigen und töten sich.

Sie verlieben, verstecken und beschützen sich aber auch und rächen, verdrängen oder verzeihen diese Taten. Es ist die schwierige Geschichte Polens, hin und her geworfen zwischen Sowjet- und Naziherrschaft, zwischen Katholizismus, Judentum und politischer Ideologie.  

VERDAMMT SEI DER VERRÄTER DER HEIMAT! I Preklet naj bo izdajalec svoje domovine! heißt der slowenische Beitrag von Oliver Frljić und Ensemble. Bereits der Titel ist eine Aussage, eine bewusst gesetzte Klammer, die nicht mehr greifen kann:

Verdammt sei der Verräter seiner Heimat! Mit diesem letzten Vers der ehemaligen jugoslawischen Hymne in der Überschrift zeigt das Stück das Auseinanderbrechen Jugoslawiens anhand von biografischen Erlebnissen des Ensembles.  

Aus Ungarn reist der Dramatiker und Regisseur Béla Pintér mit MISTSTÜCK I Szutyok an. Darin adoptiert ein kinderloses Paar ein jugendliches Waisenmädchen. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin, einer Roma, zieht die junge Frau auf den Biobauernhof des Paares in der ungarischen Provinz.

Béla Pintér lässt sein Ensemble mit viel Spielfreude und Fantasie ethnische Stereotypen durchspielen. Ein modernes Märchen, das als Kommentar auf die rassistischen Angriffe auf ungarische Roma-Familien zu lesen ist, aber auch als Test für jede Gemeinschaft gelten kann.

In der britisch-deutsch-estnischen Produktion DREI KÖNIGREICHE I THREE KINGDOMS von Simon Stephens reist ein britischer Detective Sergeant auf den Spuren eines Verbrechens mit seinem Kollegen nach Deutschland und weiter bis nach Estland.

Immer tiefer gerät er in das Rotlichtmilieu und die Kreise internationalen Menschenhandels. Der englische Autor Simon Stephens hat ein neues Stück geschrieben für Schauspieler aus London, München und Tallinn, das dreisprachig zur Uraufführung kommt. Es inszeniert Sebastian Nübling, deutscher Produzent sind die Münchner Kammerspiele.  

Eine tragende Rolle bei der Biennale spielen auch 2012 die sogenannten Paten – renommierte Dramatiker aus 41 Ländern Europas, die der Künstlerischen Leitung neue Theatertexte und aufregende Inszenierungen vorschlagen und Auskunft geben über aktuelle Theaterereignisse in ihrem Land.

Der Patenblog (www.newplays-blog.de) bietet bereits im Vorfeld Reflexionen über das europäische Theater. Ebenfalls mit von der Partie ist auch dieses Jahr die Nachwuchsplattform KINDER ENTDECKEN EUROPA. Jeden Vormittag werden während des Festivals Workshops zu europäischen Themen für Kinder und Jugendliche angeboten.  

NEUE STÜCKE AUS EUROPA ist neben den Gastspielen auch ein Arbeits- und Werkstattfestival: Das FORUM JUNGER AUTOREN EUROPAS ist eine feste Institution der Theaterbiennale.

Zum dritten Mal finden das FORUM JUNGER THEATERKRITIKER, das FORUM DRAMATURGIE, das FORUM THEATERÜBERSETZUNG (in Zusammenarbeit mit ITI) sowie das FORUM EUROPÄISCHER DRAMATIKER, das Arbeitstreffen der Paten, statt.

  Das komplette Festivalprogramm wird auf einer weiteren Pressekonferenz am Freitag, den 23. März 2012 um 11.00 Uhr im Foyer des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden vorgestellt. Der Kartenvorverkauf startet am 13. April 2012 in beiden Häusern.  

Das Festival wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, finanziert aus Mitteln der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz sowie der Stadt Wiesbaden. Es wird unterstützt von dem Medienpartner Wiesbadener Kurier sowie den Kulturpartnern hr2-Kultur und SWR2.  

Lucia Zimmermann Presse- und Öffentlichkeitsreferat

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