18.09.2012 17:23 Zu Gast am Theater Winterthur/Schweiz

Blaubarts Geheimnis - Berühmtheit durch den Mord an diversen Ehefrauenn

Fotos: GFDK/Martin Kaufhold/Lena Obst

Von: GFDK - Lucia Zimmermann - 15 Bilder

Er zählt nicht gerade zu den beliebtesten Märchenfiguren, der Ritter Blaubart, der seine traurige Berühmtheit durch den Mord an diversen Ehefrauen erlangt hat. Und doch hat die Gestalt, die 1697 vom französischen Autor Charles Perrault erdacht wurde, immer wieder zu faszinieren gewusst und im Laufe der Jahrhunderte Schriftsteller, Komponisten, Maler und Choreografen zu Neufassungen und Bearbeitungen angeregt.

In seinem neuen Orchester-Ballettabend zu Musik von Henryk Górecki und Philip Glass widmet sich Stephan Thoss dieser rätselhaften Figur. Er spürt den unterschiedlichen Motiven des Märchens nach und deckt dabei verborgene Geheimnisse des Menschen Blaubart auf.

Denn Thoss sieht seinen Protagonisten nicht als berüchtigten Bösewicht mit blutigen Händen, der die Leichen der ermordeten Gattinnen sorgsam in einem Zimmer seiner Burg verbirgt. Vielmehr begreift er ihn als einen Menschen voller Sehnsüchte, der auf der Suche nach Liebe ist – eine psychologische Annährung an den Stoff, wie sie z.B. auch Béla Bartók für seine 1918 uraufgeführte Oper ‚Herzog Blaubarts Burg‘ gewählt hat.

Thoss stellt in seinem Ballett die Dynamik der Beziehung zwischen einem erfahrenen Mann und einer jungen Frau in den Mittelpunkt. Blaubart und Judith sind bei ihm ein Paar, das einen Weg zueinander sucht. Ihre Voraussetzungen dafür sind schwierig, denn die Ausgangspunkte könnten nicht unterschiedlicher sein. Während Blaubart schon auf eine Reihe von Beziehungen zurückblicken kann, ist Judiths romantisches Bild von der Liebe noch nicht durch negative Erfahrungen geprägt.

Sie muss sich damit auseinandersetzen, dass ihr Mann in die Ehe seine ‚versteckten Leichen im Keller‘ mitbringt, das heißt Erinnerungen an die Frauen, die sein Leben bis dahin geteilt haben. Wird es Judith gelingen, die Vergangenheit Blaubarts zu akzeptieren? Schafft er es andererseits, die Spuren und Verletzungen zu überwinden, die das Scheitern der Beziehungen in seiner Seele hinterlassen hat?

Nach der Hochzeit bringt Blaubart seine junge Frau auf sein Schloss, ein rätselhafter Ort voller düsterer Ahnungen, in dem seine Mutter eine eigentümliche Präsenz besitzt. Er führt Judith durch die unwirkliche Atmosphäre der verschiedenen Zimmer und nimmt sie so mit auf den Weg durch das Labyrinth seiner Seele. Dabei ist er bereit, für die gemeinsame Zukunft seine dunklen Rätsel mit ihr zu teilen, immer hoffend, dass ihre Liebe zu ihm dafür stark genug ist – aber vor dem letzten Geheimnis schreckt auch er zurück.

Der Geschichte Judiths und Blaubarts, die er u.a. zu den Kompositionen ‚The Secret Agent‘ und ‚Tirol Concerto‘ von Philip Glass choreographiert, stellt Thoss im ersten Teil des Abends Szenen voran, die unterschiedliche Spielarten im Verhältnis zwischen Männern und Frauen schildern. In einem labyrinthisch anmutenden Bühnenbild, das von Thoss selbst entworfen wurde und an die verblüffenden Perspektivverschiebungen des Grafikers M.C. Escher anspielt, werden die immerwährenden Rituale der Annäherung und der Konflikte thematisiert. Aus der Reihe der Protagonisten kristallisieren sich am Ende die Figuren Blaubarts und Judiths heraus. Die musikalische Grundlage hierfür bilden die Werke ‚Kleines Requiem für eine Polka‘, ‚Drei Stücke im alten Stil‘ und das Klavierkonzert op. 40 von Henryk Górecki.

Damit vereint Thoss in seinem neuen Ballettabend Werke von zwei der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten. Der Amerikaner Philip Glass gilt als der exponierteste Vertreter der minimal music, jener Musikgattung, die durch Wiederholung und minimale Verschiebung melodischer Fragmente sowie harmonischer und rhythmischer Strukturen ihre faszinierende Sogwirkung entwickelt. Zu Glass’ bekanntesten Werken gehören u.a. die Opern ‚Echnaton‘ und ‚Satyagraha‘ sowie die Filmmusik zu ‚The Hours‘. Der im November 2010 verstorbene polnische Komponist Henryk Górecki wird zur Schule des religiös geprägten Minimalismus gerechnet. Zu seinen Hauptwerken zählen u.a. seine Dritte Sinfonie und das Vokalwerk ‚Beatus Vir‘.

Ganz anders die emotional-verflochtene Version, die Stephan Thoss mit seinem Ballett ‚Blaubarts Geheimnis‘ am Staatstheater Wiesbaden erschaffen hat. Thoss ist jemand, der thematische Stoffe gern als Ausgangsbasis nutzt, um sich dann in seiner choreografischen Arbeit ganz und gar dem Tiefenrausch der Musik hinzugeben. Erneut ist ihm das in Wiesbaden vortrefflich gelungen. Die Blaubart-Geschichte dient dabei nur zur Metapher, mittels der Thoss feinsinnig von den Irrungen und Wirrungen der Liebe erzählen kann, von Schuld, Vergangenheitsschmerz und der Kraft zweier Menschen, sich dennoch eine neue, gemeinsame Zukunft zu formen.

Nicht nur technisch brilliert Thoss’ Ballettensemble. Auch erfreut es mit einer Ausdrucksstärke voll subtiler Gesten, unkonventionell, erfrischend. Am Ende liegen Judith und Blaubart übereinander, vereint – auf dem Rücken. Nach dieser Art von Tanztheater kann man süchtig werden.

Deutsche Bühne, April 2011

Es war zu erwarten, dass dieser Abend überzeugen würde: Das Märchen vom reichen, aber unheimlichen Blaubart, der einen verdächtig hohen Frauen-Verschleiß hat, ist so dunkel, wie es Wiesbadens Ballettchef Stephan Thoss gern hat. Die Geschichte bietet außerdem Gelegenheit für eine intensive Zweierbeziehung – Blaubart und seine jüngste Frau, wie sie von Thoss fast immer facettenreich choreografiert wird.

Und er kann eine starke Frau in den Mittelpunkt stellen, wenn er nur ein wenig umdeutet. 1697 wurden Frauen mit der Gruselgeschichte noch ermahnt, nicht neugierig zu sein, 2011 darf Judith sich behaupten in dieser Ehe. (...) ‚Blaubarts Geheimnis‘ ist ein konzentrierter Tanzabend, dessen Fülle in fein differenzierter Bewegungssprache liegt, in tausend Details, die es zu entdecken gibt. So soll es sein.

Frankfurter Rundschau, 15.02.2011

Thoss‘ Choreographie erzählt natürlich nicht das alte Märchen von Charles Perrault nach. Blaubart ist hier kein Ungeheuer, das Frauen zuhauf meuchelt. Wir sehen einen Mann, der eine junge Frau liebt und sie ehrlich über sein Vorleben ins Bild setzt. Wunderbar ertanzen Giuseppe Spota und Valeria Lampadova die Ambivalenzen ihrer Figuren und deren Beziehung zueinander. Blaubart fällt die Offenbarung seiner Lüstlichkeiten nicht leicht. Er hat Angst, Judith könne sich entsetzt abwenden. Tut sie aber nicht.

Im Gegenteil ist bald sie es, die ihn zur nächsten Tür drängt. Auch zur letzten, die Blaubart ihr erst partout nicht öffnen will. Denn dahinter verbirgt sich sein eigentliches dunkles Geheimnis. Die Choreographie lässt hier de facto etliche Interpretationen zu, ist aber psychologisch eindeutig: Was immer da geschehen sein mag – und sich nun albtraumhaft multipliziert:

Ohne die Hilfe Judiths würde Blaubart daran zugrunde gehen. Und Judith hilft; sie ist zum starken Pol des Paares geworden. Ein bemerkenswerter Ballettabend. Dessen aufwühlende Kraft rührt vor allem im zweiten Teil auch von der Musik: Das Orchester des Staatstheaters beweist unter Wolfgang Ott sehr gutes Gespür für die schier hypnotischen Potenziale der gewählten Kompositionen von Philip Glass.

Rhein-Zeitung, 14.02.2011

Im 1. Teil, den Präludien ist der Duktus der Tänzer offen, sinnlich und unkompliziert, dabei emotional und leidenschaftlich, manchmal jäh und schroff, vor allem voller Bewegungslust. Eine Zeit begeisterten Ausprobierens wird sichtbar, Tändelei und Zärtlichkeiten, Werben und Balzen im ewig jungen Spiel von Locken und Wegstoßen bis hin zur Entscheidung füreinander.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2011

Der Wiesbadener Ballettchef Stephan Thoss liebt es, Geschichten zu erzählen und Stoffe dabei neu zu lesen. Nun widmet er sich in seiner Deutung des Märchens von König Blaubart der Frage, warum Männer und Frauen sich (manchmal) nicht verstehen. Herausgekommen ist eine hochemotionale und bewegende Choreografie mit einem berührend und kraftvoll tanzenden, (musikalisch) hochsensiblen und technisch perfekten Ensemble. Die Musik von Philipp Glass passt hervorragend. Macht sie doch hörbar, dass unter der scheinbar gleichförmigen Oberfläche Gefühle lauern, und ist zugleich eine schöne Struktur, in der die im besten Sinne exzentrisch, eckig und explosiv erscheinenden Bewegungen des Thoss-Stils Geborgenheit finden.

Frankfurter Neue Presse, 19.02.2011

Stephan Thoss lüftet ‚Blaubarts Geheimnis‘ in Wiesbaden – Jubelsturm für Ideenreichtum und Energie: Serien-Frauenmörder Blaubart ist ein von extremer Mutterbindung geprägter Suchender nach Liebe. Für diese packende Lesart des Blaubart, ursprünglich Hauptfigur eines Horrormärchens und seit Béla Bartóks Oper ‚Herzog Blaubarts Burg‘ regelmäßig auf der Bühne gibt es heftigen Jubel. In erdfarbenen Tanzkleidern, braun, orange, beige und schwarz, wird energetischer, geschmeidiger und atemberaubender Tanz auf ganzer Sohle gezeigt. Thoss lässt dazu seine exzellente Garde sich leichtfüßig dehnen, raffen und wieder lösen, wobei sie sich in spektakulären tänzerischen Details und in virtuosen Verflechtungen und Bildern verausgaben.

Musikalische LeitungWolfgang Ott
Choreografie, Bühne und KostümeStephan Thoss
Dramaturgie Anja von Witzler
Mit:
BlaubartGiuseppe Spota
JudithValeria Lampadova
MutterRomy Liebig
Pianisten Julia Okruashvili
 Waldemar Martynel
 
  Ballettensemble des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
  Es spielt das Orchester des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Darmstädter Echo, 17.02.2011

Uraufführung

Musik von Henryk Górecki und Philip Glass

Dienstag, den 18.09.2012

Winterthur/Schweiz

Mittwoch, den 19.09.2012
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Dienstag, den 02.10.2012