10.04.2012 07:09 Jugendliche mit Migrationshintergrund

Am Landestheater Linz - VERRÜCKTES BLUT - Sie sind frauenfeindlich, gewaltbereit, bildungsfern, haben keine guten Deutschkenntnisse

Verrücktes Blut" im Linzer Eisenhand - Credit: Christian Brachwitz

Von: Inez Ardelt

Das Stück entstand als Koproduktion des Ballhaus Naunynstraße, dem ersten postmigrantischen Theater beheimatet in Berlin Kreuzberg und der Ruhrtriennale 2010.

Regisseur Nurkan Erpulat und Dramaturg Jens Hillje bearbeiteten den französischen Film Heute trag' ich Rock von Jean Paul Lilienfeld. Improvisationen der SchauspielerInnen (Profis und gecastete Laien, allesamt mit Migrationshintergrund) und Texte von Friedrich Schiller bildeten schließlich die Vorlage für Verrücktes Blut.

Als großer Erfolg wurde das Stück 2010 im Rahmen der Ruhrtriennale uraufgeführt, zum Berliner Theatertreffen eingeladen und  im selben Jahr von Theaterheute zum Stück des Jahres gewählt.

Erzählt wird die Geschichte einer Lehrerin, die verzweifelt versucht, ihren SchülerInnen im Rahmen eines Projekttages zu Friedrich Schiller die Grundsätze der Aufklärung nahezubringen. Im Theaterspiel sollen wichtige Werte verinnerlicht und schöner Ausdruck erprobt werden.

Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund entsprechen allen Klischees: Sie sind frauenfeindlich, gewaltbereit, bildungsfern, haben keine guten Deutschkenntnisse, sind größtenteils muslimisch und allesamt vollkommen desinteressiert an dem, was die Lehrerin, Sonia Kelich, ihnen nahebringen will.

Als schließlich einer Schülerin eine Pistole aus der Tasche fällt, ergreift Sonia Kelich ihre Chance. Sie richtet die Waffe auf ihre Klasse und unterrichtet sie in den Grundfesten „abendländischer Werte“. Ein legitimes Mittel zum Zweck?

 Was vermeintlich als Sozialdrama daherkommt, ist eine politisch brisante Parabel. Vorurteile spiegelnd, Klischees überzeichnend und Wahrheiten dekonstruierend, stellt das Stück wichtige Fragen unserer Zeit.

„Wir kritisieren den Blick auf diese Jugendlichen. Und der ist kein Klischee, der ist die Wahrheit. Ich erzähle in dem Stück nur: So werden die Jugendlichen gesehen! […]
Ob die Figuren tatsächlich so sind, ist eine ganz andere Frage.“Nurkan Erpulat im Tagesspiegel  

FREISPIEL


FREISPIEL ist das alljährlich vom u\hof: am Landestheater Linz produzierte Stück, welches gecastete Laien unter professioneller Leitung auf die Bühne bringt. Es werden Geschichten im regulären Spielplan erzählt, die dem Publikum eine besondere Form der Authentizität und damit eine eigene ästhetische Erfahrung eröffnen.


In der vergangenen Spielzeit war an dieser Stelle das Musical Linie 1 in den Kammerspielen zu sehen, heuer ist es Verrücktes Blut im Eisenhand.
9 Mädchen und 4 Burschen zwischen 14 und 18 Jahren aus Linz und Umgebung mit und ohne Migrationshintergrund beschäftigen sich seit Oktober 2011 mit Klischees und Stereotypen, improvisieren und erarbeiten mit der Profischauspielerin Zeynep Buyrac in der Rolle der Lehrerin unter der Leitung von Regisseurin Asli Kislal ihr Verrücktes Blut.

Ausgehend vom Stücktext werden Rollen aufgeteilt, neue entwickelt und eingeflochten. Durch die Besetzung ergab sich eine Verschiebung auf mehrere weibliche Positionen. Während es im Original 5 männliche und 2 weibliche SchülerInnen gibt, besteht die Linzer Schulklasse aus 9 weiblichen und 4 männlichen Rollen.

Weiters wurde das Stück dem deutschen Kontext enthoben und in Österreich angesiedelt. Anstelle des Berliner deutsch-türkischen Slangs, sprechen die DarstellerInnen ihren eigenen, die Sprache Linzer Jugendlicher.

Ähnlich wie im Spiel und der Zuspitzung ihrer Geschichten, ist jedoch auch die Sprache, wie im Originalstück, eine Überhöhung, die dem Publikum, den gängigen Blick auf die migrantischen Jugendlichen, spiegelt.


Im Rahmen der Theateruni im Februar 2012 haben 4 Schülerinnen, der HBLA für künstlerische Gestaltung in Linz, gemeinsam mit den Videoexpertinnen Anna de Mink und Anna Wagner, Menschen in Linz zu den Themen Heimat und Integration interviewt. Ausschnitte dieser Arbeit sind ein weiterer Teil der Inszenierung Verrücktes Blut.

BIOGRAFIEN

Asli Kislal (Regie)

Geboren 1970 in Ankara, lebt Asli Kislal seit 1990 in Wien. Dort studierte sie Soziologie an der Universität in Wien und Schauspiel am Schubert Konservatorium, das sie 1995 abschloss. Im selben Jahr erhielt sie für ihre Echo-Theatergruppe bereits den Preis für die „Beste Jugendtheatergruppe Österreichs“.

Seit 1991 führten sie Engagements u.a. an das Theater der Jugend, das Stadttheater Klagenfurt, das Kosmos Theater. Nach ihrer Schauspielausbildung, war Asli Kislal langjähriges Ensemblemitglied des Theaterhauses Stuttgart mit mehreren Hauptrollen. Sie übernahm dort außerdem Regieassistenzen und Ensembletraining.


Asli Kislal arbeitete mit internationalen Regisseuren wie George Isherwood, Alexander Kubelka, Stephan Bruckmeier, Rafael Spregelburd, Werner Schretzmeier, Andrei Kritenko, Arne Nannestad.

Sie war Vertreterin Österreichs beim “Youth dance & youth theatre” Workshop in Wales und leitete verschiedene Theaterworkshops in Finnland, Düsseldorf, Stuttgart, Wien, Rom, etc. 2004 gründete sie den Kunst- und Kulturverein daskunst in Wien, dessen  künstlerische Leiterin sie seither ist und mit dem sie 2007 Gewinner des Theaterfestivals Spectrum „best of(f) Austria“ wurde. 2008  war Asli Kislal Mitinitiatorin von „Kunst am Grund“, 2009-2010 Künstlerische Leiterin des Theaters des Augenblicks.


2011-2012 zeichnete sie als Initiatorin und Kuratorin der Wiener Projektreihe Postmigrantische Positionen PIMP MY INTEGRATION verantwortlich.

Magdalena Wiesauer (Bühneneinrichtung und Kostüme)

Magdalena Wiesauer wurde in Bad Ischl, Oberösterreich, geboren. Sie besuchte die 5-jährige HBLA für künstlerische Gestaltung in Linz und maturierte 2005 mit dem Abschlussprojekt Körperdekorationen.

Im Herbst 2005 absolvierte sie ein Praktikum an den Vereinigten Bühnen Graz in den Dekorationswerkstätten und in den Kostümabteilungen (Schneiderei, Fundus und Färberei).


Von 2006 bis 2008 besuchte sie ein Kolleg für Kunsthandwerk und Objektdesign an der Glasfachschule Kramsach/Tirol und diplomierte mit ihrem Projekt Boarderlines in dessen Rahmen sie ein Kostüm für Salomes Tanz der sieben Schleier kreierte.


Von Sommer 2006 bis Sommer 2009 arbeitete Magdalena Wiesauer beim Lehárfestival Bad Ischl in der Schneiderei und als Garderobiere.
In der Saison 2008/09 führten sie diverse Hospitanzen u. a. an das Grazer Schauspielhaus (Produktion König Lear mit Peter Konwitschny, Kostümhospitantin bei Michaela Mayer Michnay).

Nach einer Ausstattungshospitanz bei Monika Biegler (Produktion Schöne Blaue Donau im Eisenhand, Landestheater Linz) ist sie seit 2009 Ausstattungsassistentin für Bühne und Kostüm am Landestheater Linz. In der vergangenen Spielzeit 2010/2011 zeichnete sie für die Austattung in Werther verantwortlich.

Anna de Mink (Video)

Anna de Mink wurde 1989 in Freistadt geboren und maturierte 2007 am Gymnasium in Freistadt. Im selben Jahr begann sie das Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Praktische Erfahrungen im Film- und Medienbereich sammelte sie schon während ihrer Schulzeit.

Seit dem Studium wirkte sie bei diversen Studentenkurzfilmprojekten mit und nahm an Filmworkshops in Cannes und in Trencin (Slowakei) teil. Seit 2009 sammelte sie Theatererfahrungen als Regieassistentin beim Musikfestival in Steyr (2010, 2011), als Ausstattungs- und Regiehospitantin am Landestheater Linz (2009) sowie als Ausstatterin bei einem Studententheaterprojekt in Wien (2009).

Im theaterpädagogischen Bereich ist de Mink ebenfalls seit 2009 tätig. So wirkte sie in Freistadt an mehreren theaterpädagogischen Projekten mit Jugendlichen mit. Weiters war sie auch an der Gründung eines Jugendtheatervereins in Freistadt beteiligt.

Anna de Mink war bereits 2009 bei der ersten Theateruni dabei. Seit 2010 leitet sie gemeinsam mit Anna Wagner im Rahmen der Theateruni eigene Workshops zum Thema Film- und Videoproduktion.

Anna Wagner (Video)

Anna Wagner wurde 1989 in Linz geboren und wuchs in Neumarkt im Mühlkreis auf. Nachdem sie das Gymnasium in Freistadt beendet hatte, begann sie in Wien das Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft.

Beim Musikfestival Steyr arbeitete sie bei drei Produktionen im Bereich Regieassistenz, sowie Requisite. Weitere theaterpraktische Erfahrung konnte sie bei Theaterworkshops in Wien, sowie beim Studententheater „STUTHE“ im Bereich Ausstattung sammeln.

Aber auch im Bereich Film bzw. Kamera entwickelte sie ihre Kompetenzen bei mehreren Projekten. 2009 war sie bereits bei der Theateruni als Teilnehmerin dabei, ab 2010 als Leiterin des Workshops Video.

Zeynep Buyrac (Schauspiel)

Zeynep Buyrac wurde 1982 in Istanbul geboren und wuchs dort auf. Sie absolvierte eine Tanzausbildung am Pera Konservatorium und machte Abitur an der Deutschen Schule in Istanbul. Am Konservatorium der Stadt Wien machte sie eine Schauspielausbildung.

Seit 2009 führten sie Engagements u.a. an das Stadttheater Klagenfurt, Theater der Jugend, Stadttheater Mödling, Scala Wien, Dreiraumtheater, Sommerfestspiele Parndorf, Garaj Istanbul. In den letzten Jahren war sie u.a. zu sehen als Katharina in  Der Widerspenstigen Zähmung, Eliza Doolittle in Pygmalion, Alice in Hautnah, Marina in Perikles, Füchsin in Pinocchio... Seit kurzem ist Zeynep Buyrac stolze Autorin des Buches Das Türkische Improvisationstheater im Osmanischen Reich.

Für alle ab 15 Jahren

FREISPIEL – Theater mit Jugendlichen und Erwachsenen

Premiere am Samstag, 7. April 2012, 20.00 Uhr im Eisenhand

Weitere Termine 9., 10., 23. und 24. April um 20.00 Uhr und 27. April um 11.00 Uhr.

Leitungsteam

Inszenierung                                               Asli Kislal

Bühneneinrichtung und Kostüme          Magdalena Wiesauer

Video                                                Anna de Mink und Anna Wagner

Dramaturgie                                                 Katrin Maiwald

Theaterpädagogik                           Anke Held

Besetzung

Sonia Kelich, Lehrerin                  Zeynep Buyrac
Mariam, Schülerin                          Sarah Abdelnour
Laura, Schülerin                            Angela Barnreiter / Ivana Nikolic
Ayana, Schülerin                           Lisa Iradukunda
Balkan, Schülerin                          Isabel Schölmbauer
Bastian, Schüler                            Maximilian Stein
Hakim, Schüler                               Clemens Öllinger-Guptara
Ago, Schülerin                                Elisabeth Glavitsch
Hasan, Schüler                               Mirkan Öncel
Alena, Schülerin                             Antonia Schneckenleitner
Radu, Schüler                                 Daniel Cretiu
Conny, Schülerin                           Joy Mader
Asya, Schülerin                              Anna Eroglu
Nurana, Schülerin                         Anastasia Kim

Kartenbestellung unter 0800 218 000,

für Gruppen unter 0800 218 000-8 oder +43 (0)732/76 11-121

Weitere Informationen unter www.uhof.at

Medieninhaber und Herausgeber: OÖ. Theater und Orchester GmbH

Landestheater Linz | Promenade 39 | 4020 Linz | Telefon +43 (0)732/76 11-0

Mag. Inez Ardelt
Presse- und Medienarbeit

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