15.05.2013 07:00 Ballett

Staatsoper Hannover: Jörg Mannes begibt sich mit »Inferno« an den Ort des Unheils

inferno staatsoper hannover

Jörg Mannes begibt sich mit »Inferno« an den Ort des Unheils; (c) Jörg Mannes

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Von: GFDK - Staatsoper Hannover - 2 Bilder

Der Vatikan als Schauplatz von »Sex and Crime« – das war im 15. Jahrhundert Realität. Jörg Mannes begibt sich mit »Inferno« an den Ort des Unheils und nimmt Zustände ins Visier, die auch heute zu den Gepflogenheiten der Mächtigen gehören.

Die Familie der Borgia verkörpert wie keine andere Machtgier und moralische Verkommenheit der Renaissance. Den Borja – wie sie ursprünglich hießen – gelingt aus der spanischen Provinz der Aufstieg zu einer der mächtigsten Familien Europas. Die Grundlage dazu schafft Alonso de Borja, der als Jurist in Staats- und Kirchendiensten vom gefragten Berater zum Bischof von Valencia und zum Minister König Alfonsos von Aragón avanciert. Auch in Rom kommt er zu Ansehen, wird zum Kardinal erhoben, und 1455 wird aus dem 76-jährigen Alonso Papst Kalixt III.

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Die drei Jahre seines Pontifikats nützt Kalixt III. in erster Linie im Hinblick auf die Versorgung seiner Familie. Er verhilft Verwandten, Freunden und Gefolgsleuten zu einträglichen Gütern und Ämtern. Vor allem sein Lieblingsneffe Rodrigo Borgia profitiert von der Zuneigung des Onkels, der den 25-Jährigen zum Kardinal ernennt und ihm wenig später sogar das Amt des Vizekanzlers überträgt. Damit wird Rodrigo zum zweitwichtigsten Mann der Kirche.

Er kommt zu Reichtum, pflegt die Kontakte zu den europäischen Fürstenhäusern und weiß durch seine imponierende Erscheinung und durch prunkvolles Auftreten zu beeindrucken. Er verfügt über großes politisches Geschick und die Skrupellosigkeit, sein Wissen stets zu seinem Vorteil einzusetzen. Nach dem Tod Kalixts III. droht Rodrigo den erlangten Einfluss zu verlieren, doch mit Ausdauer und Kalkül erobert er sich seine Machtstellung zurück.

»Du bist, was du hast« gilt zu dieser Zeit als Wahlspruch der Mehrzahl der Kardinäle – das macht viele käuflich, und Rodrigo Borgia weiß dies zu nutzen: 1492 wird er zum Papst gewählt. Als Alexander VI. gelangt er mit 61 Jahren auf den Heiligen Stuhl. Er betrachtet sich und seine Familie als auserwählt und setzt von nun an alles daran, ihre unangefochtene Herrschaft in Italien zu sichern.

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Dass Kardinäle Kinder zeugen, ist damals nicht neu, aber Alexander VI. ist der erste, der sich zu ihnen bekennt und sie legalisiert. Cesare, Giovanni, Lucrezia und Jofré – seine Nachkommen aus der Beziehung zu Vannozza de'Cattanei sind seine Lieblinge und werden Instrumente und zugleich Nutznießer seiner Politik beim Aufbau seines Familienimperiums. Aber auch seine Mätressen wissen ihre Lage auszunutzen: Legendär ist die Geschichte der Giulia Farnese, die Jahre lang, von ihrem Bett aus, die entscheidenden Fäden zu ziehen vermag – sehr zum Vorteil ihres Bruders, den Alexander VI. zum Kardinal ernennt.

Freunde der Kunst

Der Borgia-Papst übertrifft mit seiner Prunksucht und rauschenden Festen alles bisher Gekannte im Vatikan. Er brüstet sich – ebenso wie seine Söhne – mit ausgeprägter sexueller Leistungsfähigkeit und entspricht damit dem herrschenden Männlichkeitsideal.

Rodrigo Borgias Maßlosigkeit und Unersättlichkeit schrecken selbst vor Mord nicht zurück. Doch er bleibt kein historischer Einzelfall, sondern scheint sich den Machtgierigen in aller Welt zur Nachahmung zu empfehlen.

Andrea Bartsch, Leitung

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