23.01.2014 08:45 Electro-Popsong „Rumour"

Musik/Konzert: Die charismatische Newcomerin Chlöe Howl ist Tour-Support von Ellie Goulding in Köln und München

Chloe Howl ist eine Newcomerin im Musikgeschaeft

Beherzte Popsongs mit Skalpell-scharfem Wortwitz wie diese hatte man in der Musiklandschaft unserer Tage sehr lange vermisst, Bild 1-3 © Sony Music

Chloe Howl ist Tour-Support bei Konzerten von Ellie Goulding

Chloe Howl veroeffentlicht im Sommer ihr Debuetalbum

Single Rumour ist von Chloe Howl

Bild 4: Single "Rumour" © Sony Music

Von: GFDK - Peter Goebel - 4 Bilder

Kann man den Zustand totaler Verwirrung, mit dem man als Teenager nahezu täglich konfrontiert ist, treffender beschreiben als mit der Songzeile „I‘m just trying to work out how to be like myself?". Wohl kaum.

Der Satz ist das Herzstück von Chlöe Howls Daily-Soap-eskem Electro-Popsong „Rumour“ – und nur ein Beispiel ihres Talents, einen faszinierend authentischen Einblick in die Welt der Teenagerparties zu geben, in der fehlgeleitete Hände einen ganzen Abend verderben können, in der die stetig brodelnde Gerüchteküche vom fieberhaften iMessage-Rambazamba zum Überkochen gebracht wird und in der die emotionalen Achterbahnfahrten der Auslöser für alles sind. „Rumour“ und der drastische Schlussmach-Song „No Strings“ erhielten vom Guardian, von Pitchfork und dem NME höchstes Lob. Beherzte Popsongs mit Skalpell-scharfem Wortwitz wie diese hatte man in der Musiklandschaft unserer Tage sehr lange vermisst.   

Chlöe Howl (der Umlaut ist ein glorreicher linguistischer Fehler, den sie seit Geburt mit sich herum schleppt) wurde im offiziellen Zentrum der Langeweile geboren: im etwa vierzig Kilometer westlich von London gelegenen Städtchen Maidenhead. Sie wuchs in einem unkonventionellen Haushalt mit einer Vielzahl von Menschen und Haustieren auf. Ihren fünf Schwestern und dem Familien-eigene Mini-Zoo (drei Hunde, vier Katzen, eine Schlange, zwei Meerschweinchen, eine Hase und zwei Igel) versuchte sie zu entkommen, indem sie mit ihren Freundinnen auf die umliegenden, äh, Felder (!) flüchtete. „Es gibt dort einfach nichts und es passiert nie etwas. Meine Freunde und ich gehen nie irgendwo hin. Okay, jetzt, wo wir alle achtzehn geworden sind, können wir nach Reading fahren, das ist eine halbe Stunde entfernt. Wir hatten nichts außer ziemlich vielen Feldern. Und deshalb hingen wir eben dort herum.“

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Der Soundtrack ihrer Kindheit und Jugend war geprägt vom HipHop, der aus den Zimmern ihrer älteren Schwestern dröhnte und den New Order- und Smiths-Alben, die ihr Vater im Auto hörte. Bereits im Alter von zehn Jahren war ihr klar, dass sie selbst Musik machen möchte. Und während ihre Freunde damit beschäftigt waren, die Texte ihre Lieblingssongs von S Club 7 herauszuhören, wollte Chlöe unbedingt wissen, was sie bedeuteten. „Ich wollte sie unbedingt verstehen, sogar die Lieder der Spice Girls“, erinnert sie sich. Ihre Leidenschaft für Popmusik führte schließlich dazu, dass sie im Alter von nur sechzehn Jahren einen Plattenvertrag ergatterte und beschloss, die Schule komplett hinzuschmeißen. „Ich hatte mir immer gesagt, ich bleibe so lange in der Schule, bis etwas passiert. Die Schulzeit war für mich also nicht viel mehr als eine Art geselliges Beisammensein“, schmunzelt sie. „Mathe-Stunden waren für mich eigentlich nur eine willkommene Gelegenheit, mit meinen Freunden zu tratschen. Als ich den Plattenvertrag in der Tasche hatte, sagte ich also: ‚Scheiß drauf, ich hau ab‘. Ich hätte meine Abschlussprüfungen sowieso nicht bestanden, denn ich habe in der Schule nie etwas gemacht. Ich hasste sie einfach nur.“

Konzerte in Deutschland

Gelangweilt davon, immer gesagt zu bekommen, was und wie sie es zu tun habe, erinnerte sie sich an ihr vages Interesse für englischer Literatur („das einzige Fach, in dem ich von Natur aus gut war“) und nutzte ihr angeborenes Talent für Songs, in denen andere wiederum nach Bedeutung suchen können. „Jeder meiner Songs ist eine kleine Fabel, die eine Lektion enthält, die ich selbst irgendwann gelernt habe“, erklärt sie. „Sie sind nicht zu einhundert Prozent autobiographisch, sondern meine Reaktion auf Dinge, die ich gelernt habe -  eine Art ‚Chlöe Howl Betriebsanleitung‘. ‚Rumour‘ ist z.B. so entstanden. Im Text kommen nur Gerüchte vor,  die tatsächlich die Runde machten. Ich höre sie gerne und versuche mir vorzustellen, warum sie entstanden sind und was in den Köpfen der Menschen vorgeht, die daran beteiligt sind.“

Erstaunlicherweise fand sich Chlöe selbst erstmals richtig im Gossip-Labyrinth verstrickt, als sie das Gerüchte-Epizentrum der Schul-Aufenthaltsräume längst hinter sich gelassen hatte. „Als ich noch auf der Schule war, hatte ich mit irgendjemandem Probleme“, sagt sie mit einem schelmischen Grinsen, „ich absolvierte meine elf Schuljahre ohne einen größeren Streit oder mit irgendjemandem zu brechen. Dann verließ ich die Schule und plötzlich herrschte das größte Chaos. Ich hatte so viele Diskussionen und war in so viele Auseinandersetzungen verwickelt. Ich habe mich allerdings ziemlich dämlich verhalten und Sachen gesagt, die ich nicht hätte sagen sollen. Ich habe dabei acht Freunde auf einen Strich verloren.“

Konzerte in Köln und München

Ihr angeborenes Talent für Provokation und die Neigung, stets offenherzig ihre Meinung zu sagen, bescherten der jungen Sängerin natürlich ruckzuck Vergleiche mit Lily Allen. Diese sollte man ihr gegenüber allerdings nicht ZU oft erwähnen. „Oje, sie wieder“, seufzt sie, als sie den Namen hört. „Mir ist es egal, denn ich war ja erst zehn, als sie ihre ersten Platten veröffentlichte. Sie ist wichtig für mich, obwohl ich ihre Musik nicht selbst gehört habe – aber all die Künstler, die durch sie bekannt wurden oder von ihrem Durchbruch inspiriert wurden, haben mich beeinflusst. Ich könnte es nicht verstehen, wenn wir nicht in einem englischen Dialekt singen würden, aber ich verstehe, dass wir freizügig über Dinge sprechen – und das in einer Art und Weise, wie sie manche Menschen von jungen Frauen nicht erwarten würden“, zuckt sie mit den Achseln. Tatsächlich war es die ungekünstelte Herz-auf-der-Zunge-Attitüde von Amy Winehouse, die einen wesentlich größeren Eindruck auf sie machte. „Vor meinen Songwriting-Sessions las ich mir ihre Texte durch, sie hatte also textlich definitiv einen Einfluss. Ganz besonders ‚Me An Mr Jones‘. Als mir klar wurde, dass dies die Art von Einstellung ist, die ich in meinen Songs rüberbringen will, hörte ich mir das Lied an und dachte nur: ‘Boom! Auf diese Art bekommt man Eier’.”

Es sind diese metaphorischen „Eier“, die „Rumour“ ausmachen, oder auch das ebenso rotzige wie unfassbar catchy „No Strings“, das in Zusammenarbeit mit Eg White (Adele, P!NK, Florence And The Machine etc.) entstand. Chlöe schrieb den Song im Anschluss an eine recht deprimierende House-Party, die ein böses Ende nahm. „Ich sah, wie schmierig diese Party war und alle machten in den Ecken miteinander rum. Und ich dachte mir: ‚welcher Grundgedanke steckt eigentlich dahinter? Warum wird der Erlebniswert eines Abends daran gemessen, wie viele Leute man klar gemacht hat?‘ In allen Szenarien, die ich beobachten konnte, war es immer der Typ, der die Kontrolle hatte und das Mädchen ließ es mit sich machen. Ich wollte mich über diesen Lifestyle lustig machen.“

Diese Schärfe macht auch die schwelende Anmut von „I Wish I Could Tell You“ aus, die das Durcheinander und das Chaos einer Beziehung portraitiert, die am Auseinanderfallen ist. Der Song „Takes Me A Long Times“ zerpflückt die Trümmer, die zurück bleiben, wenn Vertrauen zerstört wurde. Ihr poppigster Moment ist jedoch die aufmüpfige Electro-Hymne „Paper Heart“. Das Thema: Jungs = Idioten. „Ich ging nach Manchester, um mit Joe Cross zu schreiben und ich hatte die schlechteste Laune, die ich jemals hatte“, erklärt sie. „Ich fühle mich so schlecht, wenn ich jetzt darüber nachdenke. Ich war in unfassbar übler Stimmung und dann kam dieser krasse Electronic-Song dabei heraus.”

Ihren Sound, der u.a. in Zusammenarbeit mit Joel Pott (unter dessen Regie sie das Gitarren-Stück „Bad Dream“ aufnahm),  Samuel Preston und Eg White entstand (dazu einige Sessions mit Justin Parker und Richard X), nennt Chlöe „Steak and Kidney Pop“. „Sozusagen als Gegenentwurf zu ‚Bubblegum Pop‘ – er macht dich satt!“, erklärt sie.

Nach Auftritten bei Festivals wie Latitude, Somerset House und Wakestock, sowie ihrer eigenen Headliner-Show im Londoner Electrowerkz, geht nun alles ratzfatz. An eine etwaige Zukunftsplanung verschwendet Chlöe allerdings noch keine Gedanken: „Ich denke nicht darüber nach, wo ich in fünf Jahren sein werde. Ich denke eigentlich nie wirklich über die Zukunft nach. Denn in dem Moment, in dem du ernsthaft über deine Zukunft nachdenkst, wirst du zur Diva“. Und das hat Zeit bis Album Nummer zwei.

Weiterführende Links:
http://www.chloehowl.com/