20.02.2013 08:42 Verschmelzung von Mensch & Maschine

Musik: Der umtriebige Electro- und Future-Soul-Wizard Jamie Lidell meldet sich Anfang 2013 mit seinem neuen Album JAMIE LIDELL zurück

Musik: Der umtriebige Electro- und Future-Soul-Wizard Jamie Lidell meldet sich Anfang 2013 mit seinem neuen Album JAMIE LIDELL zurück

Bild 1-3: Jamie Lidell © Linsey Rome 2012

Bild 4: Album "Jamie Lidell" © Warp Records

Von: GFDK - Beats International - 4 Bilder

Auf seinem gleichnamigen neuen Album destilliert Lidell gewissermaßen die Essenz seines musikalischen Schaffens heraus und lässt dabei mal wieder nichts anbrennen: War der Vorgänger Compass eher das Resultat etlicher Kollaborationen, macht er dieses Mal vieles im Alleingang und kreiert so einen Sound, der einfach nur den unverkennbaren Lidell-Stempel trägt.


Insgesamt präsentiert er 11 neue Tracks, mit denen es ihm gelingt, immer wieder die Erwartungen auf den Kopf zu stellen – und zugleich neue Wege aufzuzeigen, wie Mensch und Maschine gemeinsam Musik produzieren können. Von ihm zudem ganz allein produziert, fanden die Aufnahmen und das Abmischen in seinem neuen Studio statt, das Lidell sich kürzlich erst in seiner neuen Wahlheimat Nashville in den eigenen vier Wänden eingerichtet hat. Die Country-Metropole ist somit der neueste Halt auf einer musikalischen Odyssee, in deren Rahmen es den gebürtigen Engländer auch schon für längere Abschnitte nach Berlin und New York verschlagen hatte.


Seit der Veröffentlichung von Compass – ein Album, das von der britischen und internationalen Presse als „brillant“ (The Times) gefeiert und durch die Bank mit Höchstwertungen bedacht wurde – war Jamie Lidell in aller Welt unterwegs, um seinen Ruf als einer der spannendsten und innovativsten Live-Musiker abermals zu zementieren. Als er dann schließlich in sein neues Südstaaten-Zuhause zurückgekehrt war, konnte die Arbeit an seinem neuen Album beginnen.


Neben seinen Soloalben, die unter anderem Singles wie „Multiply“, „Another Day“ und „Little Bit of Feelgood“ hervorgebracht haben, hat Jamie Lidell auch gemeinsam mit Cristian Vogel unter dem Namen Super_Collider veröffentlicht und war bereits mit etlichen renommierten Künstlern im Studio – unter anderem mit Simian Mobile Disco, Beck (sowohl auf dessen Alben als auch für Nigel Godrichs „From The Basement“-Serie), Feist und Chris Taylor von Grizzly Bear.

 

REZENSIONEN:


http://www.spiegel.de/kultur/musik/neue-alben-nick-cave-palma-violets-christopher-owens-jamie-lidell-a-884279.html

http://blog.zeit.de/tontraeger/2013/02/15/jamie-lidell_15126

http://www.musikexpress.de/reviews/alben/article370359/jamie-lidell-jamie-lidell.html



JAMIE LIDELL – INTERVIEW – NOVEMBER 2012


Jamie, du bist vor kurzem nach Nashville gezogen. Was verschlägt einen wie dich in die offizielle Country-Metropole der Welt?


Nun, unser Haus hier verfügt genau genommen gar nicht über diese klassische Veranda mit Schaukel und Schaukelstuhl... aber der Style geht schon in die Richtung! Natürlich ist das ein Klischee, aber hier in der Stadt weiß man einfach um das musikalische Erbe, um diese Tradition und pflegt sie auch. Das kann manchmal schon etwas kitschig wirken – bei allem, was für Touristen gemacht ist –, aber man findet eben auch diverse Originale: Der Typ zum Beispiel, der mein neues Studio gebaut hat, hat verdammt noch mal einen Grammy im Schrank stehen für seine Arbeiten als Toningenieur – nur heute arbeitet er eben wieder als Tischler. Also wenn das nicht die klassische Nashville-Story ist... wobei es einem in Nashville auch passieren kann, dass man live auftritt und richtig hart dafür kämpfen muss, um das Publikum für sich zu gewinnen. Die wildesten Party-Macher sind das nämlich nicht gerade, und für einen wie mich, der lange in Berlin gelebt hat – wo jeder durchgeknallt ist und Party macht – ist Nashville schon ein ungewöhnliches Pflaster. Nur ist es eben auch ein perfekter kreativer Rückzugsort, der sich zugleich ein bisschen wie ein anderer Stern anfühlt.


Beschreib doch mal dein neues Studio...


Also nach dieser absoluten Frechheit von Miniaturstudio, mit der ich in meiner Wohnung in Chelsea während der Zeit in New York zurechtkommen musste, fühlt sich das hier in Nashville schon fast wie ein Palast an. Ich konnte endlich all mein Equipment ausbreiten, was ich früher hochkant lagern musste, und konnte dazu noch eine ganze Reihe von uralten analogen Synthesizern einbauen. Außerdem hab ich hier sogar genügend Platz für eine SSL-Console mit 56 Kanälen: Und zwar genau die, auf der auch die Single „Opposites Attract“ von Paula Abdul abgemischt wurde – so muss das sein! Fällt schon eher in die Kategorie Klassiker also!

Überhaupt haben wir nach und nach das ganze Haus in mein neues Studio verwandelt – meine Frau ist da ja durchaus für zu haben, zum Glück –, und unser Keller entpuppte sich als der perfekte Ort für Schlagzeugaufnahmen: Wände aus Stein, dazu ganz niedrige Decken! Klingt so richtig schön satt und sumpfig da unten. Und so haben wir dann das komplette Album bei uns daheim aufgenommen und dann auch noch gleich daheim abgemischt. Worauf ich auch ein wenig stolz bin. Eine ganz neue Art von HOUSE-Musik ist das!

Dabei sind die elektronischen Einflüsse dieses Mal ja deutlicher präsent als der R&B-Sound von Stax und Motown, der ja auch oft mit Nashville in Verbindung gebracht wird.

Mal ganz ehrlich: Als Teenager hatte ich nur einen einzigen Helden, und das war Prince. Wenn du also einen suchst, der damals schon all diese Styles unter einen Hut gebracht hat – da hast du ihn. Prince ist die Blaupause für alles Spätere: Er hat Sly Stone und George Clinton und all die anderen krassen Typen und ihre Styles zusammengedacht und hat einem damit gezeigt, wie grandios das klingen kann. Und wenn man damit also aufwächst, dann denkt man nicht, „Oh, Motown und House, da muss es doch eine klare Grenze geben dazwischen!“ Überhaupt gibt es diese krassen Grenzen dann nicht, sie sind hinfällig. Im Gegenteil: Alles, worauf man steht, darf rein in den Pott und aufgehen in diesem Gebräu, das man gemeinhin als Funk bezeichnet.

George Clinton ist dabei der Typ, der elektronische Elemente und Soul am wildesten kombiniert hat – wilder noch als Prince. „Atomic Dog“ zum Beispiel gehört zu meinen absoluten Lieblings-Tracks aller Zeiten! Der Sound ist einfach so vielschichtig, da ist so viel drin: diese Ausgelassenheit vom Soul, diese Kraft von Gospel-Songs, dann das Verspielte, was in Clintons Texten mitschwingt, und dann auch noch die krassen Synthie-Sounds von Bernie Worrell – der Track hat einfach alles! Wenn ich mich diesem Track auch nur ansatzweise musikalisch annähern könnte... na ja, sagen wir so: die Jagd nach diesem „Dog“ bringt die Arbeit am neuen Album schon ziemlich gut auf den Punkt.


Ansonsten waren während der Arbeit noch ein paar andere Sachen wichtig: Mtume zum Beispiel, die Sachen von Jam & Lewis für Janet Jackson, aber auch Cameo, The Time und ein paar New-Jack-Swing-Sachen. Alles von Lisa Lisa über Bobby Brown bis hin zu Ready For The World – wird so oder so Zeit für ein Revival in Sachen New Jack Swing! Wie krass die Mischung aus elektronischen Beats und Soul schon damals klang!


Und es ist ja auch kein Zufall, dass House und Techno zu exakt derselben Zeit entstanden sind.


Da ich in Großbritannien aufgewachsen bin, landete ich von Prince direkt bei Rave und Hardcore – ich stürzte mich also auf Detroit Techno und Chicago House. Die ganzen Pioniere aus der Ecke haben mich natürlich sehr stark beeinflusst. Gerade im House schwingt anfangs noch so eine Art Punk-Attitüde mit – das hat mich ganz schön inspiriert, denn diese Platten haben einem einfach mal gezeigt, was für unfassbare Musik man auch alleine im eigenen Schlafzimmer produzieren kann. Damals waren das ja nur ein Sampler, ein Atari ST und ein Mikrofon, aber auch damit kann man schon jede Menge anstellen. Heute sind die Computer natürlich nicht mehr vergleichbar damit...


Genau, heute kann jeder einen Acid-House-Track produzieren, und zwar während er auf den Bus wartet. Gibt schließlich eine App dafür.


Ich weiß noch genau, als ReBirth, die Software für den Computer, auf den Markt kam. Plötzlich konnte jeder den Sound von einer 303, einer 808 oder 909 Drummachine imitieren. Einerseits war dadurch alles entmystifiziert, denn mit einem Mal war klar, wie sehr diese kleinen Geräte die gesamte musikalische Landschaft verändert hatten. Doch andererseits muss man auch sagen, dass nur ganz wenige damit so umgehen konnten, dass dabei etwas wirklich Großes entstanden wäre. Es gab so viel Neues, so viele Erfindungen – und genau daran erkennt man die eigentlichen Genies.


Du trittst sowohl solo als auch mit Band auf – welche Variante bevorzugst du eigentlich?


Mit einer Band zu spielen fühlt sich ungefähr wie ein Roadtrip im Konvoi an: Das macht richtig Spaß, man winkt sich zu, mal macht der eine ein Zeichen und alle halten am Rastplatz an, essen einen Snack zusammen – und ganz am Schluss kommen alle gemeinsam am Ziel an. Es macht Spaß und fühlt sich irgendwie auch kraftvoll an, wenn so eine Gruppe zusammenspielt. Wenn zum Beispiel Banditen auflauern, dann ist das für den Konvoi kein Problem, sie fertigzumachen – aber wenn du auf dich allein gestellt bist, kann es schnell mal sein, dass du dabei draufgehst. Andererseits musst du viel kommunizieren, bis du mit den anderen bei einem Ergebnis ankommst. Dieses Ergebnis kann grandios sein, aber weil eben so viele daran beteiligt sind, kannst du nicht so schnell reagieren, wie es einem vielleicht manchmal lieb ist.


Was mich angeht, ist mein Kopf immer auf Improvisation eingestellt. Soloauftritte sind daher super, weil du von einem Moment auf den nächsten die Richtung wechseln kannst. Diese Freiheit ist einfach unglaublich wichtig. Und wenn einem danach gelegen ist, kann man auch mal ganz tief in die Musik eintauchen: Einfach deinem Geist dorthin folgen, wo er gerade hin will – wenn du richtig gut mit deinem Instrument umgehen kannst, dann ist das gar nicht mal so schwer. Das ist es doch auch, was z.B. ein Solo von Jimi Hendrix so fantastisch macht: Man merkst sofort, dass sein Geist vollkommen frei ist – und einfach nur diesem wunderschönen Etwas auf den Fersen ist. Solos sind natürlich ein heikles Thema, aber wenn sie einem Musiker gelingen, dann ist das eine der schönsten menschlichen Ausdrucksformen überhaupt! Ich jage also nicht nur dem „Dog“ hinterher, sondern will auch diesen Blick auf Jimis Gesicht, da will ich hin – zu diesem Ausdruck, in dem er gerade ganz woanders ist.

Lustig daran ist allerdings, dass das Gitarrensolo wohl als das Rock-Klischee schlechthin gelten muss... und war elektronische Musik nicht immer genau dazu da, um uns von derartigen Exzessen zu befreien?


Ja, das ist ein interessanter Punkt, das stimmt. Was die Rockmusik angeht, durfte man seit Hendrix alles anstellen mit seiner Gitarre – alles war möglich. Jeder Effekt war zulässig, jeder Sound – und das waren natürlich dann auch schon elektronische Sounds! Er hat einen akustischen Impuls eingesetzt, einen Oszillator, nur wurde der dann durch elektronische Geräte geschickt und fällt damit auch schon unter elektronische Musik, wenn du mich fragst. Damals waren Synthesizer natürlich noch vollkommen uncool, und es hat einfach seine Zeit gebraucht, bis das Publikum sich auch wirklich mit dem Konzept elektronischer Musik angefreundet hatte. Irgendwann war’s dann soweit – und heute ist elektronische Musik überall. Jeder noch so kleine Teilbereich der Musikwelt ist davon durchzogen: Ob du nun ein Schlagzeuger bist, ein Gitarrist, ein Keyboarder oder ein Sänger, wirst du automatisch damit in Kontakt kommen. Du steckst den Stecker rein – so wie Dylan, plötzlich mit E-Gitarre – und schon geht dein Sound durch dieselben Widerstände und Kondensatoren, die auch einen Synthesizer zum Leben erwecken.


Wenn also jeder heute diese ganze Elektronik benutzt, wie gelingt es einem da als Musiker, sich überhaupt noch vom Rest zu unterscheiden?


Mir persönlich gefallen viele der aktuellen elektronischen Sachen gar nicht so besonders gut, und das liegt schlichtweg daran, weil ich mit den modernen Synthie-Sounds nichts anfangen kann. Deshalb greife ich ja auch auf die alten, analogen Maschinen zurück – weil das nun mal der Sound jener Alben ist, auf die ich absolut stehe. Ich hab all die Synthesizer zusammengesucht, die auf „Atomic Dog“ zum Einsatz kamen, und genauso alles, was Prince benutzt hat. Mir ist das einfach extrem wichtig, da auf jedes Detail ganz genau zu achten und mit meinen Instrumenten so umzugehen wie ein Gitarrist, dem es ja auch nicht egal ist, ob er nun auf einer Stratocaster oder einer Telecaster seinen Part einspielt. Die Frage lautet also nicht „elektronisch oder nicht“ sondern vielmehr: Was will man eigentlich sagen mit der Auswahl an elektronischen Instrumenten, die man um sich versammelt hat?


Wie man sieht ist die elektronische Musik ein wahnsinnig interessantes und kompliziertes Phänomen, über das die meisten Leute jedoch wohl nur selten nachdenken. Ist halt mal wieder so eine Sache von Mikro- vs. Makroperspektive: Den Leuten ist es egal, was unter der Haube passiert. Sie wollen nicht unbedingt wissen, wie so ein iPhone eigentlich funktioniert – es ist einfach nur ein kleines handliches Ding, mit dem man ein paar tolle Sachen anstellen kann. So ähnlich ist es mit der Musik letztlich auch: Wenn sie ins Blut geht, einen umhaut, wen kümmert es da schon, wie sie nun genau gemacht wurde?

 

 

 

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