11.03.2015 08:30 relaxed, sophisticated, besonders

Wolfgang Haffner bewegt sich auf seinem Album "Kind of Cool" zwischen Tradition und Moderne

Wolfgang Haffner veroeffentlicht Album Kind of Cool

„Ich versuche, das jeweils Wesentliche zu finden. Aber die Time, die Melodik und die kompositorischen Konstruktionen des Cool, das ist meiner Musik wesensverwandt. Der Sound im Mittelpunkt, worum es mir auch immer gehtm," so Wolfgang Haffner. Bild 1+2 © ACT / Gregor Hohenberg

Wolfgang Haffner ist Jazzmusiker

Album Kind of Cool von Wolfgang Haffner

Album "Kind of Cool" © ACT

Von: GFDK - ACT

James Dean und Marlon Brando waren die schillernden Leinwandhelden der 50er Jahre. Charakterdarsteller, Sexsymbole, lässige Exzentriker mit Hang zur Extravaganz. Vorbilder für die aufbegehrende Jugend: Der Inbegriff des Coolen. Ein neues Lebensgefühl machte sich in den im Wandel begriffenen USA breit.

The Birth of the Cool passierte parallel auch im Jazz und wurde damit zum Soundtrack einer Generation. Miles Davis, John Lewis und das Modern Jazz Quartet, Dave Brubeck und auch Chet Baker (der „James Dean des Jazz“) gaben dem Jazz eine neue Richtung vor: Die Suche nach einer speziellen „coolen“ Atmosphäre, nach (Klang-)Farben und Raum im Jazz, basierend auf substanziellen Melodien, mit einer relaxten auf das Kollektiv abzielende Spielhaltung prägte die Musik. „Kühl“ aber war diese Musik nie, eher mit „kühlem Kopf“ erdacht und gespielt.

Und genau dieses Feeling und Musikverständnis spricht auch Wolfgang Haffner aus dem Herzen und treibt seine Musik an. Produzent Siggi Loch lief also bei ihm offene Türen ein, als er ihm vorschlug, mit „Kind of Cool“ eine alte Lesart neu zu interpretieren und damit an die Ursprünge der Coolness im Jazz zu erinnern: „Meine erste Jazzplatte war ein Geschenk und zwar ‚Dave Brubeck live in Carnegie Hall‘. Ich habe mir dann gleich auch die Jazz Messengers und das Modern Jazz Quartet gekauft. Damit fing die Beschäftigung mit dem Jazz bei mir überhaupt erst an“, erinnert sich Haffner.

Auch wenn der mit dem ECHO Jazz ausgezeichnete Schlagzeuger und mittlerweile einer von Deutschlands erfolgreichsten Jazz-Bandleadern seither mit der Crème de la Crème der internationalen Musikszene in nahezu allen Stilen bis hin zu Rock und Pop gespielt hat und an gut 400 Alben beteiligt war, so sind doch die Helden des Modern Jazz zwischen 1950 und 1960 sein Urgrund. „Ich würde mich selbst nicht als Cool-, oder Swing- oder Bebop-Drummer bezeichnen“, sagt Haffner. „Ich versuche, das jeweils Wesentliche zu finden. Aber die Time, die Melodik und die kompositorischen Konstruktionen des Cool, das ist meiner Musik wesensverwandt. Der Sound im Mittelpunkt, worum es mir auch immer geht."

Wir lieben Musik… weil sie uns glücklich macht

Drei Eckpfeiler bestimmen „Kind of Cool“: Erstens mussten Stücke vorkommen, die den Sound des Cool Jazz transportieren: „So What“ zum Beispiel, der Opener von “Kind of Blue”. Und „Django“, die vielleicht bekannteste Komposition von John Lewis, gleich für das erste Album seines Modern Jazz Quartet. Als zweites wurden stilübergreifende Standards ausgewählt, die sich für eine „coole“ Interpretation anboten. Die logischste Wahl war „Autumn Leaves“, das durch die Versionen von Cannonball Adderley mit Miles Davis 1958 und von Bill Evans von 1959 im Jazz berühmt wurde. Auch die Broadway-Ballade „My Funny Valentine“ aus dem Jahr 1937 wurde durch die Einspielungen von Chet Baker und Miles Davis zu einem Standard des Modern Jazz. Und als eine der „coolsten“ Nummern des Kansas-City Sounds von Count Basie kann Billy Eckstines „Piano Man“ gelten, den die beiden 1959 einspielten. Als drittes schließlich steuerte Wolfgang Haffner drei eigene Kompositionen bei, die dieses Programm abrunden.

„Wenn man das wie damals nachzuspielen versucht, kann man nur verlieren“, erläutert Haffner. „Keiner braucht ein zweites ‚Kind of Blue‘. Der Clou von „Kind of Cool“ ist, die für ihren „coolen“ Ausdruck berühmt berüchtigten Koryphäen mit ihrer jeweils anderen Charakteristik zu konfrontieren und auf einen modernen Nenner zu bringen: Davis‘ „So What“ etwa wird durch das Vibrafon in die Klangfärbung des Modern Jazz Quartet getaucht, umgekehrt erhält das strenge Quartettstück „Django“ hier nun die Dynamik und den ätherischen Glanz der Bläser. Die meist opulent mit Dynamik und verschiedenen Sounds und Rhythmen arbeitenden Kompositionen des großen Melodikers Haffner erscheinen hier nun in einem nüchternen, klassischen Licht. „Kind of Cool“ ist vom typischen Haffner-Feel durchdrungen, das die Musik organisch und natürlich fließen lässt.

Eine veritable All-Star-Band steht Haffner für „Kind of Cool“ zur Seite. Kaum ein anderer hätte das Anforderungsprofil besser erfüllen können als Dusko Goykovich. Der mittlerweile 83-jährige und mit dem ECHO Jazz für sein Lebenswerk ausgezeichnete Trompeter hat mit den Vätern des Cool und Modern Jazz wie Miles Davis, Art Blakey oder Chet Baker noch selbst gespielt. Als ideal für das Unternehmen darf man auch den Pianisten Jan Lundgren bezeichnen, dank seiner profunden Kenntnisse des Great American Songbook wie der Klassik; aber auch dank seines klaren Anschlags, seinen intelligenten Phrasierungen und seines außergewöhnlichen Timings. Eine besondere Rolle kommt bei „Kind of Cool“ dem Vibrafon zu, war es doch unter den Mallets von Milt Jackson eine prägende Farbe des Modern Jazz Quartet. Christopher Dell, der virtuose, avantgardistische Alleskönner unter den Vibrafonisten meistert die Aufgabe mit Bravour. Sozusagen in die Rolle von Paul Desmond schlüpft der finnische Saxofonist Jukka Perko. e.s.t.-Bassist Dan Berglund sorgt neben Haffner für den entspannten Groove.

Den für „Piano Man“ erwünschten Gesangspart übernimmt mit Max Mutzke ein wahrer Soulman: „Er hat das Stück überhaupt nicht gekannt, aber am Ende nahmen wir den ersten Take, der war aus dem Stand perfekt“, erzählt Haffner.

Jazz ist „cool“ damals wie heute.  

Weiterführende Links:
https://www.actmusic.com/