22.02.2015 08:15 Akkordeon und Sopransaxofon vereint

Vincent Peirani und Emile Parisien präsentieren sich innovativ und frei auf ihrem Album "Belle Èpoque"

Vincent Peirani veroeffentlicht Album Belle Epoche

Auf ganz persönliche Art verarbeiten beide das Vermächtnis ihrer großen Vorgänger. (Y. Serra, T. Paeleman, V. Peirani, E. Parisien, J. Herné) © ACT / Sylvain Gripoix

Von: GFDK - ACT

Neben und auch dank seiner ACT-Kollegin Youn Sun Nah – die ihn mit auf Frankreich-Tour und in die Studioband ihres Albums „Lento“ nahm – ist der 33-jährige Akkordeonist Vincent Peirani unbestritten der französische Shooting Star der vergangenen zwei Jahre.

Für das, was der aus Nizza stammende Pariser bei seinem treffend „Thrill Box“ betitelten ACT-Debüt dem Knopfakkordeon und der Akkordina an Variationsreichtum, technischen Höchstschwierigkeiten und perkussiven Einfällen entlockte, rief ihn das französische Jazz Magazine zum Künstler des Jahres 2013 aus. Diesen Titel verlieh ihm fast zeitgleich auch die Jury der Académie du Jazz und ehrte ihn dafür mit dem renommierten „Prix Django Reinhardt“.

Nicht minder angesagt ist der zwei Jahre jüngere, aus Cahors stammende, ebenfalls in Paris lebende Emile Parisien. So wie Peirani am Akkordeon, so wird Parisien beim Sopransaxofon als Erneuerer seines Instruments und als dessen führender französischer Vertreter gesehen. Parisien begann schon mit elf am College de Jazz in Marciac und spielte später beim legendären dortigen Festival mit Größen wie Wynton Marsalis oder Christian McBride. 2009 gewann er gleich drei wichtige Preise: bei Les Victoires du Jazz den „Prix Frank Ténot“, den „Jazz Primeur“ des Kultus- und Außenministeriums und den Preis der Festivalorganisation AFIJMA. 2012 erhielt er dann, ein Jahr vor Peirani, den „Prix Django Reinhardt“. Zuletzt sorgte er vor allem mit seinem eigenen Quartett für Furore, das faszinierend homogen über Material von Wagner bis zum Hip-Hop frei improvisiert.

Doch nicht nur im Erfolg sind sich Peirani und Parisien ähnlich. Dass sie die Besessenheit für mitreißende Klangkaskaden, ihr offenes Ohr für spannende Motive quer durch alle Stile und ihre Lust am Improvisieren frei von technischen Zwängen eint, merkten sie, als sie sich im Quartett des Schlagzeugers Daniel Humair kennenlernten - ein gemeinsames Duo-Projekt war von da an nur noch eine Frage der Zeit. Mit „Belle Époque“ liegt es – und damit gleichzeitig Parisiens Debüt als ACT-Künstler - nun vor.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Ursprünglich war das Album als Hommage an Sidney Bechet geplant, den Wahlpariser und lange unübertroffenen Meister des Sopransaxofons. So beginnt es auch noch mit dessen „Egyptian Fantasy“, das Peirani mit einem vibrierenden Akkordeon-Kontrapunkt und Parisien mit der schwebenden Melodielinie in ein mitreißendes Echo der Vergangenheit verwandeln. Auch Bechets „Song Of The Medina (Casbah)“ changiert - wie Henry Lodges hier als musikalisches Vexierspiel neu erschaffene alte „Temptation Rag“ zuvor - zwischen ätherischer Meditation und flirrender, rauschhafter Dynamik. Danach spannen die beiden den Bogen weiter, von jeweils zwei eigenen Kompositionen bis zu Duke Ellington, mit dessen „Dancers In Love“ „Belle Èpoque“ endet.

Auf ganz persönliche Art verarbeiten beide das Vermächtnis ihrer großen Vorgänger. In Peirani scheint die große französische Akkordeontradition von Richard Galliano bis Jean-Louis Matinier auf, freilich durch einen in Ton und Technik unverkennbar eigenen Stil. Ebenso kann man Parisiens Spiel als Verbeugung vor den anderen großen Altsaxophonisten, neben Bechet etwa John Coltrane, Steve Lacy oder Wayne Shorter lesen – zugleich als Hommage an den Erfinder des Saxofons, Adolphe Sax, der in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag feiern würde.

„Belle Èpoque“ verblüfft also nicht nur durch die instrumentale Innovation, sondern auch durch dessen völlig harmonische Verschmelzung mit der Tradition. Und es ist schlicht ein Traum, wie diese beiden Ausnahmemusiker miteinander harmonieren und sich jeweils in den Dienst des anderen stellen – ob Peirani bei „Hysm“ die Saxofon-Melodie wie eine Orgel stützt oder umgekehrt Parisien bei „Schubertauster“ das Akkordeon doppelt, oder beide das ehrwürdige „St. James Infirmary“ zu einem gemeinsamen Klangerkundungsexperiment voller Klick- und Quetschlaute nutzen.

So darf man „Belle Èpoque“ am Ende mehrdeutig verstehen: Als Beschwörung der großen Zeit, in der die Musiktradition begann, in der Peirani und Parisien stehen. Aber auch als Ausblick auf die gerade angebrochene, so viel versprechende Epoche, für die diese beiden noch viel mehr stehen: In der die Jazzmusik alte Grenzen überwindet, um nach Freiheit und Schönheit zu streben.

Weiterführende Links:
https://www.actmusic.com