30.04.2014 08:15 Selbstbewusst, humorvoll, leidenschaftlich

Neue CD "ULIKA revival" des Tamara Obrovac Quartetts - Istrische Klänge treffen auf europäische Jazz-Moderne

Tamara Obrovac veroeffentlicht Album ULIKA revival

Der Sängerin, Flötistin und Komponistin Tamara Obrovac gelingt es ähnlich mühelos wie ihren Kolleginnen, einen vermeintlich an der europäischen Peripherie liegenden Landstrich zum Herzland des Jazz zu machen. © T Genc

Das Album ULIKA revival bewegt

Album "ULIKA revival" © unit records /UTR 4529 / harmonia mundi

Von: GFDK - Uwe Kerkau Promotion

Der europäische Jazz hat einen heimlichen Gesangs-Star, den die meisten hierzulande vermutlich noch nicht kennen dürften: Mit Sensibilität, Leidenschaft und Humor positioniert die kroatische Sängerin und Komponistin Tamara Obrovac ihre Heimat Istrien auf der Landkarte der improvisierten Musik. Eigenständiger und kraftvoller zeitgenössischer Jazz, der das Beste der Mittelmeerregion in sich vereinigt. 

Die Zukunft des Jazz liegt schon lange nicht mehr in seinem Geburtsland USA. Nirgendwo weiß man das so gut wie in Europa, wo in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Künstlern und Künstlerinnen angetreten sind, die improvisierte Musik mit eigenen regionaltypischen Spezialitäten gehörig aufzufrischen. Es waren dabei vor allem Sängerinnen, die gleichermaßen überzeugende wie überraschende Vermittlungsarbeit leisteten – Vokalistinnen wie die Portugiesin Maria Joâo oder die Norwegerinnen Sidsel Endresen und Mari Boine.

Die Kroatin Tamara Obrovac gehört zweifellos ganz oben auf diese Liste.

Denn der Sängerin, Flötistin und Komponistin gelingt es ähnlich mühelos wie ihren Kolleginnen, einen vermeintlich an der europäischen Peripherie liegenden Landstrich zum Herzland des Jazz zu machen. Die Rede ist von Istrien, der größten Halbinsel an der nördlichen Adria, einem beliebten Urlaubsziel für Kroaten, Italiener, Österreicher und Trüffel-Fans. Hier wurde Tamara Obrovac 1962 geboren, hierhin kehrte sie am Vorabend des Jugoslawien-Krieges Ende der 80er Jahre zurück. Es war ein bedeutender Schritt für die Sängerin, die in Zagreb und Ljubljana den Jazz von der Pike auf gelernt und sich bei vielen Club-Konzerten mit namhaften jugoslawischen Musikern ihre Sporen im Standardrepertoire des Great American Songbooks verdient hatte.

Als der Krieg das kulturelle Leben in Jugoslawien zum Erliegen brachte, ging Obrovac zurück in ihre Heimat. Im stillen Kämmerlein komponierte sie viel und perfektionierte ihre Technik. Und fand dabei ihre eigene Stimme. „Die Entdeckung meiner eigenen Tradition war der entscheidende Punkt“, erinnert sich die Sängerin „ich merkte, dass ich keine Amerikanerin bin. Ich bin Istrierin. „Ich hatte schon immer nach meinem eigenen inneren Ausdruck gesucht – und hier war er.“

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Obrovac begann, die spezifischen musikalischen und dialektalen Traditionen ihrer Heimatregion mit ihrem gesammelten Wissen über den Jazz zu kombinieren. „Das war wirklich nicht so einfach“, lacht die Sängerin, die auch als Komponistin für Theater und Film arbeitet, „die istrische Musik ist schließlich sehr speziell. In der Tat: Es ist eine raue, untemperierte Musik, basierend auf den eigenen Tonfolgen, die inzwischen zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Für istrische Musik ist die dem westlichen Ohr orientalisch anmutende, vokale und instrumentale Zweistimmigkeit charakteristisch.

Wenn man allerdings „Ulika Revival“ hört, Tamara Obrovacs mittlerweile neunte CD, glaubt man nicht, dass es jemals Anpassungsschwierigkeiten zwischen den beiden Welten gegeben haben könnte. Ganz selbstverständlich und natürlich kombiniert Obrovac die Dialekte und Melodie-Wendungen ihrer istrischen Heimat mit den Errungenschaften der europäischen Jazz-Moderne. Mit einer an Bill Evans gemahnenden Noblesse, beherzten Interaktionen und kongenialer Originalität begleiten Pianist Matija Dedi?, Kontrabassist Žiga Golob und Schlagwerker Krunoslav Leva?i? die Sängerin auf eine Reise durch verschiedene Gefühlsregionen. Mal brennt die Sonne, mal reift der Wein, mal droht der Wahnsinn. Aber immer hält die mitreißend erzählende und virtuose Vokalistin meisterhaft die Balance zwischen poetisch-archaischer Folklore und einer kunstvollen Musik, die Intellekt und Bauch gleichermaßen in ihr Recht setzt. „Diese Musik repräsentiert meine innere Wahrheit“, sagt Tamara Obrovac.

Ohnehin handelt es sich bei der CD um eine höchst persönliche Angelegenheit. Ulika ist der Name der Großmutter, die drei Kriege überstand und die Enkelin großzog, nachdem die Mutter früh verstorben war. ‚Ulika‘ lautet auch der Titel des ersten Albums, mit dem Tamara Obrovac vor 15 Jahren mit ihrem eigenen istrischen Jazz-Amalgam für Aufhorchen sorgte. Es war der Beginn einer großen Erfolgsgeschichte.

Über 200 Konzerte hat Obrovac inzwischen mit ihrem Quartett und ihrem zweiten wichtigen Projekt, dem Transhistria Ensemble, in über einem Dutzend Länder, darunter den USA, der Schweiz, Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich, gegeben. Regelmäßig war die Kroatin der heimliche Publikumsliebling auf den internationalen Festivals, schon neun Mal wurde sie mit dem Porin, Kroatiens wichtigstem Musikpreis, ausgezeichnet.

Auch die internationale Presse ist längst auf die höchst originelle Sängerin aufmerksam geworden. „Sie ist ein Phänomen, das das Publikum fesselt“, schrieb die London Jazz News anlässlich eines Gastspiels der Kroatin im marokkanischen Rabat. Das deutsche Magazin Jazz thing lobte Obrovacs Konzert beim Valamar Jazz Festival in Porec, dem sie als künstlerische Leiterin vorsteht, mit den Worten: „Mit dem brillanten Auftritt legte sie ein Mittelmeer-Best-of vor – Fado-Schwermut, Tarantella-Leichtsinn und kroatische Poesie verbanden sich da derart organisch, dass einem das anschließende Konzert von Richard Gallianos 'Piazzolla Forever'-Septetts nur noch makellos langweilig vorkam.“

Mit „Ulika Revival“ positioniert Tamara Obrovac ihre istrische Heimat nun unwiderruflich auf den Landkarten des Jazz. Selbstbewusst, humorvoll und leidenschaftlich.  Willkommen in einem neuen, alten Land der ungeahnten Möglichkeiten.