22.07.2014 08:15 Raum für Variationen und Freiheiten

Neue CD "Anyone With A Heart" des Iiro Rantala String Trios - Einmalige Symbiose von Klavier, Geige und Cello

Iiro Rantala String Trio veroeffentlicht Album Anyone With A Heart

Die klassische Form des Klaviertrios mit Pianist Iiro Rantala wird vom vollendet virtuosen Alleskönner Adam Baldych (Geige) und der ebenfalls klassisch ausgebildeten Asja Valcic (Cello) komplettiert. © ACT / Arne Reimer

Iiro Rantala String Trio ist ein Jazztrio

Album "Anyone With A Heart" © ACT

Von: GFDK - ACT

Als der Pianist Iiro Rantala mit seinem Solo- und ACT-Debüt „Lost Heroes“ vor drei Jahren erst den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik, dann den ECHO Jazz bekam und so schlagartig in die Riege der führenden europäischen Jazzer aufstieg, hätte er es sich einfach machen und das nächste Soloalbum nachschieben können. Doch der Finne wollte den Schnitt in seiner Karriere lieber konsequent weiterführen.

War es doch auch eine Rückbesinnung auf seine klassischen Wurzeln: Rantala hatte ja nicht nur an der Jazzabteilung der Sibelius-Akademie in Helsinki studiert, sondern auch klassisches Klavier an der Manhattan School of Music in New York. Und mit Johann Sebastian Bach begann nicht nur im zarten Alter von sechs Jahren seine Leidenschaft für Musik, ihm blieb er bis heute verbunden: „Ich muss Bach jeden Tag spielen, ich brauche mein tägliches Quantum von seiner Musik.“ Folgerichtig dienten die Goldberg-Variationen auch als Klammer für „My History Of Jazz“, das Ende 2012 erschienene, im Quartett mit Lars Danielsson, Morten Lund und Adam Bałdych eingespielte nächste Album auf Rantalas Weg zur musikalischen Identitätsfindung.

Diesen geht er jetzt mit „Anyone With A Heart“ zu Ende. Endgültig zeigt sich Iiro Rantala als großer Neo-Romantiker jenseits aller Stil-Beschränkungen: „Ich habe Melodien schon immer geliebt“, erklärt er, „aber im aktuellen Jazz versuchen die meisten, ohne sie auszukommen. Und wenn, dann spielen sie Standards.“ „Anyone With A Heart“ schwelgt nun förmlich in Melodien, und anders als noch auf dem von großen Vorbildern inspirierten und an sie adressierten „My History Of Jazz“ hat Rantala diesmal alle Stücke - bis auf die Verbeugung vor dem Great American Songbook mit „Somewhere Over The Rainbow“ - selbst komponiert. Und er hat sie von vorneherein für die Form des klassischen Klaviertrios konzipiert: Klavier, Geige und Cello.

Eine Besetzung, die im Jazz ziemlich einmalig und dementsprechend nicht einfach zu finden ist. Der Geigenpart war indes klar. Den Polen Adam Bałdych hatte Rantala bereits für „My History of Jazz“ entdeckt, es gibt wohl derzeit keinen anderen Violinisten, der ihm so ähnlich ist: Wie Rantala überzeugt Bałdych als vollendet virtuoser Alleskönner mit einer ausgeprägten lyrischen Ader, wie bei ihm geht es mit Bałdychs Karriere gerade steil aufwärts. Blieb das Cello: „Ich hatte zwei Namen“, berichtet Rantala, „einen Dänen, der aber bereits selbst Bandleader ist, und Asja Valcic.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Ich kam zu einem ihrer Auftritte im Wiener Club Porgy & Bess, wir sprachen danach über das Projekt und begannen noch an diesem Abend, zusammen zu spielen und zu üben. Ich habe alle Cello-Partien genau für ihr Cello geschrieben, ich liebe ihren Ton.“ Auch dies also eine ideale Kombination, schließlich kommt die Österreicherin ebenfalls von der Klassik, hat aber mit dem radio.string.quartet.vienna und im Duo mit Klaus Paier zur Genüge ihre Offenheit und ihren völlig eigenständigen spieltechnischen Ansatz nachgewiesen.

Zu dritt geht es bei „Anyone With A Heart“ auf eine überwältigende Reise durch die menschliche Gefühlswelt. Von heiter-selbstbewussten Pizzicato-Träumereien wie bei „Karma“ oder „A Gift“ über tiefe, fast wütend werdende Melancholie wie bei „Alone“ oder spirituelle Erhebung („Prayer“, in dem sich auch Rantalas Bach-Verehrung wiederfindet) bis zu dramatisch-rasanten Aufwallungen („Hard Score“) oder kindlicher Lust am Spiel („Happy Hippo“, für das eine Szene der Ben-Stiller-Komödie „When Polly Came Along“ Pate stand) – alles zusammengefasst im Titeltrack „Anyone With A Heart“. Das Wesen von Rantalas neuer Musik erfasst vielleicht „Freedom“ am besten, ein von Jonathan Franzens gleichnamigem Roman inspiriertes Stück: Eingebettet in eine bezwingende Melodie kann sich jeder der drei solistisch entfalten, und auch im Gruppenklang bleibt Raum für alle möglichen Variationen und Freiheiten, von Tempo- und Harmoniewechseln bis zu den Klangfarben, wie sie Rantala hier mit einem gedämpften Flügel erzeugt.

Rantala ist sich des Risikos bewusst, dass er mit „Anyone With A Heart“ eingegangen ist: „Früher, etwa mit dem Trio Töykeät drehte sich vieles darum, zu zeigen: ‚Seht her, das können wir auch‘. Jetzt geht es mir ganz einfach um meine Melodien, das ist viel persönlicher. Aber das Einfache ist das Schwierige. Es ist ein schmaler Grat: Wird es zu einfach, dann geht das Richard Clayderman-Warnlicht an.“ Eine Gefahr, die Rantala, Bałdych und Valcic dank ihres Könnens, ihres Intellekts und ihres Geschmacks traumwandlerisch sicher umschiffen. „Anyone With A Heart“ – das ist Musik, wie sie vielleicht ein Franz Schubert oder ein Jan Sibelius auf dem heutigen Stand kreieren würden.