30.10.2012 07:55 Auf Entdeckungsreise in Verdis Welt

Musik Klassik: Ronaldo Villazón verfolgt Verdis musikalischen Weg der Leidenschaft und bringt dabei dessen innerste Seele zum Vorschein

Musik Klassik: Ronaldo Villazón verfolgt Verdis musikalischen Weg der Leidenschaft und bringt dabei dessen innerste Seele zum Vorschein

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Bild 3: Album-Cover © DG

Von: GFDK - Axel Brüggemann - 3 Bilder

Zu seinem 200. Geburtstag feiert Rolando Villazón Giuseppe Verdi mit einer außerordentlichen CD. Eine persönliche Entdeckungsreise in Verdis verborgene Welt der Leidenschaft von einem leidenschaftlichen Tenor.

Die Musik von Giuseppe Verdi ist für Rolando Villazón eine Herzensangelegenheit. Der emotionale Tenor fühlt sich zu Hause in der emotionalen Welt des Komponisten. "Verdi kennt all unsere Gefühle", sagt er, "er spitzt sie dramatisch zu und zeigt uns in seiner Musik unsere eigene - manchmal helle, manchmal dunkle - Seele." Villazóns Verdi-CD zum 200. Geburtstag des Komponisten ist eine persönliche Spurensuche, bei der es dem Tenor um Verdi in seiner Gesamtheit geht, um den Musiker, den Menschenkenner und den Mann, der die Massen bis heute begeistert.

Villazón unternimmt eine Reise in Verdis wahre Welt und sucht nach dem Geheimnis seines Erfolges. Dabei ist er sicher: "Verdi wurde deshalb von seinen Zeitgenossen geliebt, weil er selbst die Menschheit so unendlich geliebt hat. In Verdis Musik erleben wir emotionale Kosmen und jede dieser Welten kennen wir, weil sie auch in uns selbst zu Hause sind", sagt der Tenor, "Liebe, Hass und Leidenschaft. Deshalb haben Verdis Zeitgenossen seine Musik in den Gassen gesungen und deshalb singen wir sie bis heute auf den Opernbühnen, im Radio und im Fernsehen. Verdi ist Existenz in Noten!"

Bewusst hat sich Villazón nicht allein auf die großen Arien und Gassenhauer des italienischen Genies konzentriert, sondern spürt dessen Sprache der Herzen in allen Phasen seines Lebens und in allen Stilen seiner Kompositionen auf.

Wenn Rolando Villazón auf Giuseppe Verdi trifft, unternimmt er eine Reise durch die bewegte Vita des Mannes aus einfachen Verhältnissen, der die Politik Italiens mitbestimmt hat, der ein Star in den europäischen Metropolen war und trotzdem auf seinem Landsitz in Busseto, umgeben von Bauern und einfachen Menschen, zu Hause war. "Mir geht es nicht darum, Verdi allein in seinen bekannten Arien zu feiern", sagt Villazón, "mich interessieren auch die heute zu Unrecht vergessenen Stücke, die einzelnen Schritte, die Verdi zu dem gemacht haben, was er bis heute ist: zum größten aller Komponisten.

"Und so führt die CD von Arien aus den ersten Verdi-Opern wie Oberto über seine oft vernachlässigten Lieder bis zu seinem letzten Menschheitswerk, dem Falstaff. "Meine Idee war es, Verdi mit all seinen Facetten vorzustellen", sagt Villazón, "nicht nur die Hits, die jeder kennt, sondern auch die Lieder und Arien, die wir neu entdecken können. Überall sehen wir, dass Verdi sich von seiner Umgebung, seiner Welt und den Menschen, denen er begegnete, inspirieren ließ. Das macht seine Musik so unmittelbar. Ich bin sicher: Bei allen Stücken reichen drei Minuten, um zu sagen: 'Verdi ist einfachder Beste'".

Auch für den Dirigenten der Aufnahme, Gianandrea Noseda, der das Orchestra del Teatro Regio di Torino dirigiert, steht Villazóns musikalische Reise durch das Leben Verdis im Vordergrund: "Mit Rolandos Idee gelingt es uns, Verdis musikalischen Weg zu verfolgen - wir verstehen, wie er allmählich seine eigene Stimme gefunden hat. Und wir merken schnell, dass die frühen Opern den späten Werken oft in nichts nachstehen,dass Verdi oft zu alten Ideen zurückgekehrt ist, um sie fortzuführen, und dass ein Großteil seines musikalischen Materials schon früh angelegt war. Alles bei ihm ist ein Wachsen - eine Idee führt zur nächsten. Erst so können wir den ganzen Verdi verstehen!"

Seine Zeitreise führt Rolando Villazón von den frühen Verdi-Opern wie Oberto, I due Foscari, I Lombardi und Il corsaro zu den großen Werken wie Rigoletto, La traviata, Don Carlo und Falstaff. Gleichzeitig wählt der Tenor immer wieder musikalische Seitenpfade und spürt akribisch Verdis innere Seele auf. Unter anderem singt Villazón aus dem Requiem die Tenorarie "Ingemisco", von der er sagt: "Sie ist ein zentrales Stück in einem der wichtigsten spirituellen Werke - und Verdi zeigt, dass seine Liebe zu den Menschen letztlich auch seine Ehrfurcht vor der Schöpfung ist.

"Ein weiteres Highlight sind die Lieder Verdis, die vom großen italienischen Komponisten Luciano Berio neu eingerichtet wurden. In solitaria stanza oder L'esulezeigen, wie Verdi aus der Kammermusik seine großen Opern entwickelt hat. "In vielen dieser Lieder hört man schon den Troubadour oder Aida", schwärmt Villazón, "Verdi kehrte immer wieder zurück zu seinen Skizzen, schrieb sein ganzes Leben lang in dieser kleinen Form und ließ sich immer wieder von seinen eigenen Ideen inspirieren." Für den Tenor sind die kleinen Lieder eine große Entdeckung: "Vielleicht haben diese formal sparsamen Ideen zu den großen Opern-Ölgemälden geführt - sicher ist, dass sie innerhalb von drei Minuten ein großes Drama erzählen, das an Emotionalität und Leidenschaft nichts zu wünschen übrig lässt."

Villazóns Verdi ist nicht nur ein Komponist, der die Operngeschichte revolutioniert hat, etwa indem er in La traviata eine Kurtisane in die italienische Gegenwart holen wollte, sondern auch ein politischer Revolutionär, der für die Einheit seiner Heimat kämpfte. Im Vordergrund steht für Villazón aber der Mensch Giuseppe Verdi: "Ich weiß nicht,ob sein Leben selbst eine Oper war. Ich weiß aber, dass er ein Mann der Leidenschaft war. Davon zeugen die über 15 000 Briefe, die Verdi geschrieben hat. Und natürlich hater immer wieder seine eigene, private Situation und seine Beobachtungen überhöht, umsie in allgemein gültige Noten zu gießen. Deshalb sind seine Werke uns so nahe: Weil sie mitten aus dem Leben kommen. Aus Verdis Leben - und aus unserem Leben."Verdis frühe Oper Oberto und seine letzte Oper Falstaff bilden die Klammer dieses musikalischen Menschenbildes.

Am liebsten würde Villazón dem Komponisten persönlich zum 200. Geburtstag gratulieren. "Ich würde Verdi gern fragen, wie ich mich in seinen Dienst stellen kann", sagt Villazón, "und mit ihm arbeiten. Vielleicht würde ich ihn am Ende bitten, ein kurzes Stück Musik für mich zu schreiben. Das wäre das Größte."

 

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