17.04.2013 07:55 Vielfältigkeit englischer Renaissance- und Barockmusik

Musik Klassik: Countertenor Valer Sabadus berührt mit englischen Liebesliedern - "To Touch, To Kiss, To Die"

Musik Klassik: Countertenor Valer Sabadus berührt mit englischen Liebesliedern - "To Touch, To Kiss, To Die"

Bild 1-3: Valer Barna-Sabadus © Christine Schneider

Von: GFDK - OehmsClassics - 3 Bilder

England ist häufig als das „Land ohne Musik“ bezeichnet worden. Der deutsche Diplomat Oscar A.H. Schmitz veröffentlichte vor dem Ersten Weltkrieg sogar ein Buch mit dem gleichen Titel. Bereits im 15. Jahrhundert aber hatte England mit John Dunstable (ca. 1390–1453) einen Komponisten, dessen harmonische Errungenschaften entscheidenden Einfluss auf Guillaume Dufay und andere bedeutende Komponisten der Frührenaissance ausübten. Gut zweihundert Jahre später wurde Henry Purcell geboren, der trotz seiner kurzen Schaffenszeit den englischen Barock in allen Gattungen zur Vollendung führte.

Die Blütezeit der englischen Musik war jedoch das elisabethanische Zeitalter. So schwer die religiösen und politischen Konflikte der Zeit wiegen – kulturell wird die Regentschaft Elisabeth I. im Laufe der englischen Geschichte unübertroffen bleiben. Mit dem alle Schichten vereinenden Theater, das seinen Gipfel mit William Shakespeare erreichte, der Dichtung eines Edmund Spencer und den wissenschaftlichen Errungenschaften Roger Aschams oder Francis Bacons sind nur einige Höhepunkte genannt.

In der Musik wurden Formen wie die Motette und das Solostück für Orgel, das Madrigal, das Solostück für Laute und Virginal sowie das solistische Lautenlied gepflegt. Thomas Morley, Theoretiker, Organist und gleichzeitig einer der bedeutendsten Komponisten von Madrigalen und Lautenliedern, erhielt von Elisabeth das Monopol für den Druck von Liederbüchern und prägte dadurch maßgeblich den Stil seiner Zeit. Das bedeutendste Sammelwerk gab er allerdings für einen anderen Komponisten heraus: „The Booke of Songs or Ayres“ in drei Bänden von John Dowland (ca. 1562–1626). Als bekanntester Lautenspieler seiner Zeit war Dowland ein hochgeschätzter Gast an Adelshöfen in ganz Europa und einer der wichtigsten Komponisten für die Laute überhaupt.

Die Vorliebe für Lieder, Laute und Virginal deutet auf eine zunehmende Intimisierung des sozialen Lebens hin. Im Vergleich zum kontinentalen Cembalo war das englische Virginal ein einfaches und daher billiges Instrument, das in vielen Haushalten anzutreffen war. Gleichzeitig wurde musikalische Bildung bei Hofe, unter Adligen, aber auch in der einflussreicher werdenden Bürgerschaft zur Bedingung gesellschaftlichen Erfolges. Und obwohl die Liedkunst auf dem Kontinent früher auftrat, wurde das Sololied mit Lautenbegleitung im elisabethanischen England in unvergleichlichem Ausmaß gepflegt.

Nach dem Tod Elisabeths 1603 brach ihre Politik des inneren Gleichgewichts wie ein Kartenhaus zusammen. Vor allem zwischen der Regentschaft Jakob I. und Charles II. liegt eine Zeit ständiger Unruhen, ausgelöst durch die Spannungen zwischen Parlament und Krone, die zunehmende soziale Ungleichheit, das Inferno des Bürgerkriegs und die verheerenden Heimsuchungen durch die Beulenpest.

Dank der Beliebtheit der opulenten Masque, einem höfischen Bühnenspiel mit Pantomimen, Tanz, Musik und kunstvollen Bühneneffekten, konnte die Musik bis zum ersten Bürgerkrieg 1642 überleben. Ihr jähes Ende erfuhr die unglaublich schöpferische Kulturepoche schließlich durch die puritanischen Restriktionen während des Commonwealth. Das Musizieren fand nur mehr in Form von Lied und instrumentaler Kammermusik im Privaten statt. Mit der Ausnahme Shakespeares blieb die elisabethanische Kunst an den Ort und die Zeit ihrer Entstehung gebunden, und ihre Wirkung auf den Kontinent blieb auch aufgrund ihres genuin nationalen Charakters verhältnismäßig gering.

Die Restauration der Stuartmonarchie 1660 war ein weiterer tiefer Einschnitt in der englischen Geschichte des 17. Jahrhunderts. Für Musiker muss die Aussicht auf die Restauration ein Signal der Hoffnung gewesen sein. Die Wirtschaftskrise von 1659 und die weiter anhaltenden religiösen Verfolgungen – diesmal durch die Hochkirche, die nun ihrerseits eine „große Reinigung“ vornahm – enttäuschten allerdings die Erwartungen an eine glückliche Zukunft. Erst mit der Glorreichen Revolution 1788/89 und der Bill of Rights zog ein neuer Geist der Toleranz ein.

Zeitgleich mit der Wiederaufnahme der musikalischen Aktivitäten bei Hofe etablierte sich in der Hauptstadt das öffentliche Konzert. Während in den Musikklubs aus der Vorzeit der Restauration Amateure auftraten, war der Großteil der öffentlichen Konzerte professionell und durch die Konzentrierung des sozialen Lebens in London weltstädtisch. Früher als auf dem Festland breitete sich die Konzertmode in England aus und hatte auch durch die reisenden Virtuosen aus dem Ausland großen Einfluss auf die Musik der Zeit. Das Lied konnte so über seine vorherige kammermusikalische Bestimmung hinauswachsen. Fortschritte in der Drucktechnik machten gegen Ende des Jahrhunderts die Veröffentlichung von Notendrucken so kostengünstig, dass der Markt mit Anthologien von Songs für die Bühne, das Konzert oder den Gesangslehrer geradezu überflutet wurde. Der Erfolg dieser Sammelbände zeugt von der großen Beliebtheit des Singens in dieser Zeit. In diesem England lebte und wirkte sein größter barocker Komponist Henry Purcell (1659–1695), nach dessen Tod die englische Musik für Jahrhunderte in Schweigen versank.

 

Isabelle Kranabetter

 

Im Gespräch mit Isabelle Kranabetter erzählen Valer Barna-Sabadus, Olga Watts, Axel Wolf und Pavel Serbin über ihre persönliche Faszination für die englische Renaissance- und Barockmusik, deren außerordentliche Vielfältigkeit sowie die noch zu entdeckenden Schätze.

 

Die Werke von Dowland und Purcell liegen mittlerweile in zahlreichen Einspielungen vor. Trotzdem gibt es noch viele Raritäten aus der englischen Liedgeschichte zu entdecken – was macht dieses Repertoire gerade für einen Countertenor so attraktiv?

Valer Barna-Sabadus: Für einen kultivierten Hörer im 17. Jahrhundert waren diese Songs voller Finessen; heute, im 21. Jahrhundert, entgehen den Leuten meist viele dieser Feinheiten. Dennoch haben diese Werke eine ungebrochene suggestive Kraft und entwickeln einen Sog, dem sich kaum ein Zuhörer entziehen kann. Vielleicht sind sie allgemein dem heutigen Publikum auch näher, weil der Gesang als natürlicher empfunden wird als beispielsweise in der großen Oper des 19. Jahrhunderts.

Purcell beispielsweise hat sehr viele seiner Lieder für die damaligen Countertenors geschrieben; so fühlen sie sich für meine Stimme sehr organisch an. Und nachdem ich mich sonst sehr ausgiebig mit der Opernliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts beschäftige, in der oft die Virtuosität des Sängers im Vordergrund steht, war es sehr reizvoll für mich, dieses kammermusikalische Repertoire zu erarbeiten. Für diese Aufnahme hatte ich das große Glück, mit einem ganz sensiblen und ausbalancierten Ensemble zu arbeiten, wobei es sehr hilfreich war, dass wir uns beispielsweise durch meine letzte CD „Hasse reloaded“ schon kannten.

Diese Einspielung umfasst Songs aus allen drei Liederbüchern Dowlands, wobei sich das „First Booke of Songs or Ayres“ von John Dowland vom zweiten und dritten Sammelband insofern unterscheidet, als hier noch wenig von der berühmten Melancholie zu spüren ist. Es strahlt vielmehr Jungendlichkeit und Vitalität aus, besonders durch die Verwendung der Galliarde, dem Lieblingstanz Elisabeths I.

VBS: In den frühen Liedern wie Come again: Sweet love doth now invite bevorzugte er auch noch den einfachen Bau, der einzelnen Textzeilen meist einfache korrespondierende musikalische Abschnitte zuweist, die durch klare Kadenzen getrennt sind. Im gleichen Song gibt es auch die später variiert wiederholte Klimax „To see, to hear, to touch, to kiss, to die”, welche jedes Mal ins Sterben mündet. Hier wird die häufige zweideutige Verwendung des Todes, seine Erotisierung überdeutlich.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Schwelgen in Trauer und Schmerz zu einem regelrechten Kult – der schwermütige, zur Handlungsunfähigkeit verurteilte Hamlet ist nur ein Beispiel unter vielen; die jungen Herren der elisabethanischen Schickeria ließen sich reihenweise in der Pose des Melancholikers porträtieren. Es liegt nahe, darin das Unbehagen an der Vereinzelung zu sehen, das durch die zunehmende Entlassung der Bürger aus den Bindungen der Feudalgesellschaft aufkam.

VBS: I saw my Lady weep aus dem „Second Booke of Songs or Ayres“ spiegelt diesen Weltschmerz in Reinform wieder – hier gibt es die typischen langgezogenen Phrasen, bedrückende Chromatik und originelle harmonische Wendungen.

Widmungsträgerin des zweiten Buches ist Lucy Countess of Bedford, eine höfische Schönheit, die sich mit einem zeittypisch melancholischen Kreis aus Künstlern umgab. Nicht zufällig ist Lucia auch der Name einer heiligen Märtyrerin aus dem 2. Jahrhundert, der kurz vor ihrem Tod die Augen aus den Höhlen gerissen wurden. Für den damaligen Manierismus typisch, verbindet sich im Song I saw my Lady weep auf verrätselte Weise die legendäre mit der realen Person.

Dowland hat mit dem sogenannten Lachrimæ-Motiv auch eine musikalische Chiffre der Melancholie geprägt, eine absteigende Tonfolge, mit dem beispielsweise Flow my tears beginnt.

Axel Wolf: Genauso auch die Lachrimæ-Pavane für Solo-Laute! Die Solowerke sind ein unendlicher Kosmos mit einer Unzahl an Affekten, die Feinheit in der Lachrimæ Pavan für Laute Solo oder in Flow my tears ist unglaublich. Die Lieder bestechen auch durch einen perfekt gestalteten Lautensatz, der seinesgleichen sucht.

Henry Purcell war für seine kurze Lebenszeit auf vielen Gebieten unglaublich produktiv – sowohl für die geistliche als auch für die Kammermusik hat er wichtige Beiträge geleistet, nicht zu vergessen seine Bühnenwerke. So stammen auch die unzähligen Lieder aus den verschiedensten Kontexten.

VBS: Neben den Songs für die Semi-Operas sind die weltlichen Lieder einerseits Schauspielmusiken wie Music for a while, das 1692 für Oedipus geschrieben wurde und die Musik als Bezwingerin der Furien feiert. Andererseits veröffentlichte Purcell auch regelmäßig einzelne Lieder in „The Gentleman’s Journal“, und nach seinem Tod gab seine Witwe die berühmte Liedersammlung „Orpheus Britannicus“ heraus, aus der If Musick be the food of Love (3. Fassung), Oh Solitude! my sweetest Choice! und She Loves, and she confesses too stammen.

Der Continuo-Song, zu dem sich das Lautenlied im Laufe des 17. Jahrhunderts entwickelte, tritt bei Purcell in verschiedenen Formen auf. I Attempt from Love’s Sickness aus The Indian Queen ist zwar als rondoförmiges Menuett angelegt, geht aber durch die anspruchsvolle Melodik und Motivik über ein einfaches Tanzlied hinaus. Die Serenade Sweeter than Roses aus der Tragödie Pausanias (1695) vertritt den zweiteiligen, aus einem lyrischen Adagio und beschwingtem Ausklang im Dreivierteltakt bestehenden Typus. Oh Solitude! my sweetest Choice! und Music for a while beispielsweise gehören zu den durchkomponierten Songs.

Olga Watts: Music for a while ist in seiner Begleitung mit A new Ground in e-Moll für Cembalo Solo verwandt. Kontinuierlich werden die Akkordstimmen versetzt nacheinander angeschlagen, was einen wahrlich endlosen Schwebezustand zaubert. Eigentlich ist das Cembalo-Stück eine Art Bearbeitung des Liedes Here the Deities approve aus der Ode Welcome to all the pleasures – einem Juwel von nur 31 Takten, das in seinem Vorspiel und den Zwischenspielen davon zeugt, wie sich Purcell selbst die perfekte Aussetzung des Generalbasses in einem Ground – einer mehrstimmigen Komposition mit einer wiederkehrenden Bassfigur – vorstellte.

Christopher Simpson und John Jenkins werden als die größten englischen Komponisten für Viole angesehen – Anthony Poole aber war ebenfalls einer der talentiertesten Vertreter dieses Repertoires in England und wahrscheinlich auch Wallonien im späten 17. Jahrhundert.

Pavel Serbin: Wir kennen ihn vor allem aus seinen Manuskripten; das heißt, seine Violenmusik kursierte unter professionellen Violenspielern (zumindest in England, Österreich und Frankreich!) und wurde zu seinen Lebzeiten oder im 18. und 19. Jahrhundert nicht gedruckt. Er war Jesuit, also können wir annehmen, dass seine Stücke eine spirituelle Bedeutung haben; auch der Name „St. Justine“ am Anfang des Abschnitts, der hier aufgenommen wurde, hat wahrscheinlich einen Sinn, den wir aber nicht leicht deuten könnenVielleicht ist es ein Hymnus mit geistlicher Lyrik? Poole jedenfalls hat daraus eine Musik mit einer außerordentlich schönen und leidenschaftlichen Melodie gemacht, die man heutzutage in einer Rock-Ballade hören könnte! weil ich die virtuosen Möglichkeiten der Viole kenne, hat es dieses Stück mit seiner klaren Struktur direkt in mein Solo-Violen-Repertoire geschafft, ebenso wie die anderen Stücke von Poole. Wenn ich eine Zeitmaschine hätte, würde ich ins England jener Zeit reisen, um Mr. Poole zu treffen, und ich würde ihn fragen: „Mr. Poole, in einigen Ihrer großartigen Stücke benutzen Sie die tiefe C-Saite … Spielen Sie keine Viola di Baritone?”

Spätestens durch die große Popularität des öffentlichen Konzerts in der Restaurationszeit fand in England der intensive Austausch mit anderen Musikkulturen statt. Die italienische Instrumentalmusik im 18. Jahrhundert beispielsweise war im wesentlichen eine Emigrantenkultur – ihre Schöpfer waren über ganz Europa verteilt, ohne dass es wie für die Opernkomponisten mit Neapel und Venedig ein heimatliches Zentrum für sie gegeben hätte.

VBS: Nicolà Matteis ist dafür ein perfektes Beispiel. In Neapel geboren, ist er wahrscheinlich um 1670 nach England gekommen und machte in London ab 1674 als Violinvirtuose von sich reden. Danach hatte er sowohl mit seinen Veröffentlichungen von Violin- und anderer Instrumentalmusik sowie als Lehrer großen Erfolg. Gerade in Bezug auf den Violinstil hatte er großen Anteil an der Verbreitung der italienischen Kompositionsschule in England. Dass Matteis auch englische Lieder komponiert hat, zeugt von der großen Beliebtheit der Gattung in jener Zeit! An seiner „A Collection of New Songs“ (1696/99) ist sehr beeindruckend, wie sensibel sich Matteis als Ausländer auf die fremde Sprache und die Erfordernisse ihrer musikalischen Behandlung eingelassen hat. Die geschmackvollen und virtuosen Continuo-Songs des Geigenlehrers Matteis sind weit davon entfernt, bloße Etüden zu sein.

 

 

 

Martin Stastnik
OehmsClassics Musikproduktion GmbH
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