26.11.2012 08:10 Letzte Aufnahme des Jazzpianisten Walter Morris

Musik Jazz: Mitschnitt eines magischen Duo-Konzertes der Jazz-Pianisten Walter Morris & Leszek Możdżers "The Last Set - Live at the A-Trane"

Musik Jazz: Mitschnitt eines magischen Duo-Konzertes der Jazz-Pianisten Walter Morris & Leszek Możdżers "The Last Set - Live at the A-Trane"

Bild 1: Walter Norris © Mehmet Dedeoglu

Bild 2: Leszek Mozdzer © Anna Wloch

Bild 3: Album "The Last Set - Live at the A-Trane" © ACT Music

Von: GFDK - ACT - 3 Bilder

Kein Jazzkundiger, der den Pianisten Walter Norris je erlebt hat, würde bezweifeln, dass er einen der Meister des Jazz-Pianos gesehen hat. So ging es auch Leszek Możdżer, heute der leuchtende Star unter den polnischen Jazzpianisten und einer der prominentesten ACT-Künstler: „Es war in den Achtzigern und ich noch ein Teenager, als ich in der Wohnung eines Berliner Freundes erstmals die Musik von Walter Norris hörte. Ich war vom ersten Moment an fasziniert von der Intensität und Originalität seines Spiels. Zehn Jahre später kam er dann zu einem Konzert von mir ins polnische Institut in Berlin. Wir lernten uns kennen und ich war umso mehr beeindruckt von seiner Persönlichkeit, seiner Offenheit und Hilfsbereitschaft.“ Also schlug Możdżer Norris eine Zusammenarbeit vor, mit einigen Konzerten in Berlin und Polen.

Die beiden besprachen sich ausführlich, probten dreimal zusammen und am 2. November 2008 traten sie dann im Berliner Jazzclub A-Trane – wo Norris Stammgast war – an zwei Flügel. „Es wurde eines dieser seltenen, großartigen Erlebnisse für alle Beteiligten - voller wahrer Musik, tiefgehend und durchdrungen, zugleich allen ein Lächeln auf die Lippen zaubernd.“ berichtet Możdżer. Und umso bewahrenswerter, als aus den Anschlusskonzerten in Polen nichts wurde und das Konzert im A-Trane die letzte Aufnahme von Walter Norris überhaupt blieb. Sein Arzt hatte ihm kurz darauf alle weiteren Auftritte verboten. In der Nacht zum 29. Oktober 2011 starb Walter Norris in seiner späten Heimat Berlin im Alter von 79 Jahren.

Fast auf den Tag genau zum ersten Todestag veröffentlicht ACT nun Walter Norris & Leszek Możdżer "The Last Set“ - Live at the A-Trane (ACT 9540-2) – als Dokument eines bemerkenswerten Dialogs zweier herausragender Pianisten und als letztes Vermächtnis eines zu Unrecht nahezu Unbekannten. „Walter hatte keine große Karriere, er hat einfach nur Musik gemacht, er war ein echter Künstler, der aber fast im Verborgenen wirkte. Es ist höchste Zeit, dass man die Aufmerksamkeit des Publikums auf ihn lenkt.“ sagt Leszek Możdżer. Mit diesem Album könnte das posthum gelingen, hält es doch das Zusammentreffen zweier Seelenverwandter fest, die beide über einen einzigartigen Ausdruck verfügen – gerade weil sie, beide klassisch ausgebildet, keine stilistischen Grenzen kennen.

Der 1931 in Little Rock geborene Walter Norris bekam vom vierten Lebensjahr an klassischen Klavierunterricht. Als Teenager beeindruckten ihn Boogie Woogie Pianisten stark und so wandte er sich dem Jazz zu. Seine ersten professionellen Engagements nach dem Highschool-Abschluss hatte er im Quartett des Blues-Musikers Mose Allison und dem Jimmy Ford Quartett, bevor er sein erstes eigenes Trio gründete, das ihn über Las Vegas nach Los Angeles führte. Zwischen 1954 und 1960 wurde Norris ein integraler Bestandteil der dortigen Jazzszene und spielte mit allen namhaften Locals, von Stan Getz, Dexter Gordon und Johnny Griffin über Zoot Sims, Buddy DeFranco bis zu Charlie Mariano und Herb Geller. 1958 war er mit Don Cherry der Partner von Ornette Coleman für dessen heute legendäre Aufnahme „Something Else!!!“.

1960 ging Norris nach New York, wo er von 1963 bis 1970 erst Pianist, dann künstlerischer Leiter der dortigen Dependance von Hugh Heffners „Playboy Club“ wurde.
"Es war vielleicht kein Jazzclub im üblichen Sinne,“ berichtete Norris später, „aber es kamen Leute wie Oscar Peterson herein, um zu spielen. Als künstlerischer Leiter ermutigte ich meine Musiker, alle möglichen anderen Jobs anzunehmen, dafür dann aber einen Ersatz zu uns zu schicken. Und so hatten wir Leute wie Ron Carter oder Tony Williams – als Ersatz! Monty Alexander arbeitete bei uns, Herbie Hancock kam regelmäßig vorbei. Es war also eine großartige Atmosphäre für einen Pianisten.“

Mit dem Thad Jones / Mel Lewis Orchestra kam Norris Anfang der Siebziger nach Europa – nahm dort mehrere Alben auf, unter anderem 1978 die gefeierte LP „Drifting“ mit George Mraz und blieb sieben Monate in Stockholm, wo er mit Red Mitchell und Dexter Gordon spielte. Nach einer kurzen Rückkehr nach New York zum Charles Mingus Quintet nahm er 1977 eine Anstellung beim Radio Orchester des SFB an und zog endgültig nach Berlin. 1984 wurde er dort Professor an der Hochschule der Künste, was er als seine Bestimmung ansah: „Das Lehren war mir immer das Wichtigste. So hat sich der Jazz immer weiterentwickelt, indem die Großen ihr Wissen an die nächste Generation weitergaben.“ Parallel komponierte er, widmete sich Studien der Musikwissenschaft und spielte weiterhin Konzerte und Aufnahmesessions in Europa und Amerika.

Die einzigartige Mischung aus Neugier, Vielseitigkeit, Überzeugungskraft, Haltung und technischer Brillanz von Walter Norris, dem „Art Tatum der Neunziger“ (LA Times), ist an nahezu jeder Stelle von "The Last Set" - Live at the A-Trane zu spüren. Die acht von Leszek Możdżer ausgewählten, teilweise sehr langen gemeinsamen Improvisationen bestechen durch das völlige Ineinanderfallen, den absoluten Gleichklang der beiden Musiker. Ob bei stark rhythmisch dominierten, melodisch fast minimalistischen Passagen („From Another Star“), bei nahezu klassisch-romantischen („Reflective“) oder bei wild wogenden, sich in rasendem Tempo zu chromatischen Gebirgen auftürmenden („Tsunami“) Stücken - stets hört man einen kontinuierlichen Ideenaustausch, einen alle musikalischen Epochen berührenden Fluss der Emotionen und Einfälle, wie man ihn so homogen und so „klassisch“ extrem selten erlebt. Man versteht, was Jan Pareles meinte, als er 1992 in der New York Times schrieb: „Wenn klassische Pianisten so improvisieren müssten wie in früheren Jahrhunderten, gäbe es wohl mehr Pianisten wie Walter Norris.“ Da konnte er Leszek Możdżer noch nicht kennen. Wie es bis heute nur wenige beherrschen, ließen der große Romantiker Leszek Możdżer und der elder statesman des Jazzpianos Walter Norris im A-Trane die Flügel singen - fast unbekannt ist ja, dass Norris in den 50ern auch Saxophon spielte, was er für sein späteres Klavierspiel in dieser Hinsicht als entscheidenden Einfluss ansah. So ist "The Last Set" - Live at the A-Trane ein würdiges Vermächtnis von Walter Norris und in der Person Możdżers ein Aufbruch zu den von ihm vermittelten Werten zugleich. Es wäre ganz sicher in Norris‘ Sinn gewesen, dass das CD Release Konzert des Albums, wie nun geplant, am 28. Oktober im A-Trane mit Leszek Możdżer und Gästen unter dem Titel „Jammin‘ for Walter Norris“ stattfindet.

 



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