12.05.2014 08:15 Der Löwe ist erwacht

Musik Jazz: Marius Neset entlockt dem Saxophon auf seinem Album "Lion" ungeahnte Töne

Marius Neset veroeffentlicht sein Album Lion

„Es war anders als alles, was ich zuvor gemacht habe“, berichtet Neset von der Zusammenarbeit mit dem Trondheim Orchestra. Bild 1: Album "Lion" © ACT

Marius Neset ist ein begabter Saxophonist

Marius Neset © Lutz Voigtländer

Von: GFDK - ACT

Kaum ein junger europäischer Jazzmusiker sorgte in den letzten zwei Jahren international für mehr Aufsehen und schier ungläubiges Staunen bei Presse und Publikum, als der 1985 geborene norwegische Saxofonist Marius Neset.

Wer seine gefeierten Auftritten auf dem Jazzfest Berlin, der Jazzwoche Burghausen, dem JazzBaltica Festival (im Duo mit Michael Wollny) und zuletzt in der Kölner Philharmonie erlebte, stellte erstaunt fest: „Was Marius Neset am Saxofon macht, ist nichts anderes als der Schritt in eine neue Dimension dieses Instruments“ (Süddeutsche Zeitung). Davon sind auch britische Medien überzeugt. Der Telegraph spricht von einem „Wunder“. Der Guardian zählt Neset zu den aktuell größten Entdeckungen des Jazz, mit „der Kraft eines Michael Breckers und der Raffinesse eines Jan Garbarek“.

Kein Wunder auch, dass Siggi Loch, getreu seiner Devise, herausragende Talente zu finden und konsequent zu fördern, Marius Neset im März 2012 in die prominent besetzte Baltic Gang einlud, um mit ihm das vielbeachtete ACT Debüt „Imaginary Room“ des polnischen Geigers Adam Baldych aufzunehmen. Die Verpflichtungen zum exklusiven ACT Künstler im November 2013 war danach ein logischer Schritt. Mit „Lion“ liegt nun das erste Ergebnis dieser Allianz vor, und, wie kaum anders zu erwarten, hat sich Neset nicht für ein abtastendes oder einführendes Album entschieden, sondern für einen echten Paukenschlag - Vorsicht ist kein ausgeprägter Charakterzug des ehrgeizigen und hyperenergetischen Musikers. Schon beim einleitenden Titeltrack kommt man aus dem Staunen kaum heraus: Aus dem Nichts scheint das Intro zu kommen, das in eine fast klassische Melodieeinführung voll nordischer Ruhe übergeht, sich dann dynamisch steigert und nach einer Atempause in einen vielstimmigen, überwältigenden „Dschungelchor“ mündet. Nicht nur ein neuer Saxofon-Löwe setzt da zum Sprung an, sondern auch einer, der ein Orchester zum Klingen bringen kann wie wenige.

Das exerzieren gleich danach „Golden Xplosion“ - quasi Nesets Erkennungsmelodie - und „The Ring“ in Perfektion durch: Wie Neset sich überlagernde Stimmen und Themen mitunter in höchstem Tempo durch die für ihn typischen atemberaubenden Intervallsprünge, durch verwegene rhythmische Wechselbäder und alle möglichen Stile nutzenden Klangfarbenbäder jagt, wie komplexeste Kompositionsgebilde trotzdem hitverdächtig ins Ohr gehen, wie sich europäische Romantik, Bebop, Soul, serielle Musik und vertrackte Avantgarde spielerisch leicht und mitunter eigenwillig humorvoll zu einem eigenen Organismus verbinden, das hat man so noch nicht gehört.

Ein hart erarbeiteter „Vorsprung durch Technik“ übrigens: Nesets Hingabe an die Musik grenzt ans Manische: „Man sollte die Dinge, die man spielt, wie im Schlaf beherrschen - erst das macht einen beim Musizieren wirklich frei," lautet sein Credo.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Kompromisse geht Neset dabei nicht ein. Warum er für „Lion“ unbedingt das Trondheim Jazz Orchestra in zwölfköpfiger Besetzung haben wollte, erschließt sich beim Hören rasch. Die aus dem Reservoire eines der besten Konservatorien der Welt schöpfende Bigband ist ein Solistenensemble, das stellvertretend für die Stärken des norwegischen Jazz steht: Stiloffen, technisch brillant und präzise wie ein Uhrwerk, gleichzeitig feinfühlig und genau zuhörend. Welchen Stellenwert dieser einmalige Klangkörper in seiner kaum 15-jährigen Geschichte erreicht hat, zeigt die umfangreiche Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Jazzern, von den heimischen Größen wie Jon Balke, Geir Lysne oder Terje Rypdal bis zu US-Stars wie Chick Corea, Pat Metheny und zuletzt Joshua Redman.

Kaum ein anderes Orchester hätte die Herausforderungen meistern können, die Neset bei „Lion“ stellt: Die schwebenden Balladentöne und sanften Tontropfen, die „Raining“ einfordert, die überwältigende Wucht des „Sacred Universe“ oder der Schwarm der instrumentalen Stimmen vom schweren Blech bis zum Akkordeon, der mit den finalen „Birds“ nahezu unspielbare Figuren fliegt. „Es war anders als alles, was ich zuvor gemacht habe“, berichtet Neset von dieser Zusammenarbeit. „Du kannst dir beim Trondheim Orchestra die Musiker mit den Qualitäten aussuchen, die du für dein Projekt benötigst. Du schreibst eher für zwölf Individualisten als für eine Bigband im traditionellen Sinne. Das hat riesigen Spaß gemacht.“ Auch dank dieser Synergie kommen Nesets unglaubliche Soli – etwa bei „Weight Of The World“, das „Gewicht der Welt“, das er spielerisch abschüttelt – hier in ihrer ganzen Pracht zur Entfaltung. Der Löwe ist erwacht.

 

 

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