28.09.2012 07:34 Album-Debüt : „Wilhelmsburg“

Musik Jazz: Django Deluxe transportiert den Gypsy Swing des Django Reinhardt ins 21. Jahrhundert

photo by Niculai Constantinescu

Von: peculiar promotion

Sie erkennen sich von Weitem. Am Gang, an der Gestik, an der Mimik. „Ich war auf einer kleinen Insel im Pazifik“, sagt Robert Weiss, „da waren echt kaum Leute, und da war ein Typ, bei dem dachte ich gleich, das könnte einer von uns sein. Und als ich mit ihm sprach, stellte sich auch heraus: Er war einer von unseren Leuten. Man spürt das. Das ist so“.

Besagter Mann war also, tja – was eigentlich? Sinto? Roma? Gypsy? Oder gar Zigeuner, um das so schwer belastete Wort zu benutzen? „Wir haben mit dem Wort keine Probleme“, meint Jeffrey Weiss, „ich sage es mal so: Wenn ich hier sage ’du Deutscher’, dann hört sich das anders und schlimmer an, als wenn ich sage ’dies ist ein Zigeuner’. Mit Politik haben wir eigentlich sowieso nichts am Hut, aber der Ton macht hier die Musik“.

Gutes Stichwort. Die Musik der beiden, die sie gemeinsam mit Giovanni Weiss und Kohe Reinhardt als „Django Deluxe“ spielen, transportiert den Gypsy Swing des Django Reinhardt ins 21. Jahrhundert und bleibt doch, ohne es darauf angelegt zu haben, in gewisser Weise ein Politikum. Das beginnt schon mit der Geschichte der Familien, die alle im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg leben und deshalb ihr Album-Debüt auch ebenso benannten: „Wilhelmsburg“. Wer sie nun fragt, wann sie dorthin gezogen sind, erhält staunenswerte Antworten: „Unsere Familien leben hier zum Teil schon in der vierten Generation“, so Robert Weiss, „wir fühlen uns hier sehr zuhause und sind sogar stolz darauf, aus Wilhelmsburg zu kommen. Unsere Familien waren hier lange vor der großen Flut“.

„Familie“ ist ein überaus wichtiges Wort im Volke der Zigeuner, ihr ordnet sich fast alles unter, sie ist Dreh- und Angelpunkt einer Kultur, die zu verstehen jedem Mitteleuropäer naturgemäß schwer fällt. Für Django Deluxe ist die Familie Humus ihrer Kunst, sie wohnen alle in Fußmarschnähe, „wann immer wir uns sehen“, sagt Jeffrey, „setzen wir uns zusammen und spielen“. „Wir leben die Musik komplett aus“, sagt Kohe Reinhardt, „und sehen tun wir uns ja sowieso jeden Tag. Dann spielen wir, auch wenn das nur für eine halbe Stunde ist oder Mitternacht schon durch ist. Ganz egal“. Gerade stimmt er seine Gitarre, gleich wird er mit den Kollegen spielen, einfach auch deshalb, weil sich die Frage gar nicht stellt, ob man auch etwas Anderes tun könnte. Etwas Besseres wäre es ohnehin nicht.

So versammelt das Hamburger Quartett nun auf „Wilhelmsburg“ 11 wunderbar lässige Jazz-Instrumentals. Neben einer Eigenkomposition ist das Album dem Repertoire von Joseph Kosma, Erroll Garner, Miles Davis und anderen Genregrößen entnommen, zwei Django Reinhard-Nummern rahmen das Werk ein. Auf drei Gitarren und dem Double Bass entsteht hier die musikalische Botschaft eines Volkes, das seine Sprache bis heute an niemanden weitergibt, „sie ist“, so Kohe Reinherdt, „neben der Musik das Einzige, was wir noch ausschließlich für uns haben. Beides sehen wir als eine Sicherheit dafür an, dass es mit unserem Volk überhaupt weiter geht“. Mit seiner Musik, ohnehin die beste globale Sprache, geht es auch dank Django Deluxe schon jetzt in eine verheißungsvolle Zukunft. Derart modern und gleichzeitig der Tradition verpflichtet hat der Gypsy Swing schon lange nicht mehr geklungen. Mit klischierter Zigeuner-Romantik hat diese Musik so wenig zu tun wie ihre Schöpfer selbst.

Gibt es in Deutschland noch viele Sinti, die nicht sesshaft geworden sind? „Nein“, sagt Robert Weiss, „wir sind ja nicht stehen geblieben. Als mein Onkel damals sein erstes Haus bekam, hatte er Angst, abends darin zu schlafen, weil er glaubte, es könne ihm das Dach auf den Kopf fallen. Da hat er also in der Dämmerung den Wohnwagen ans Haus gefahren und ist umgestiegen, tagsüber blieb er wieder im Haus. Dessen Rückwand hat er dann irgendwann weggerissen und den Wohnwagen da fest installiert. Das Haus war dann nur noch sein Vorzelt, sozusagen“. Alle vier lächeln jetzt, denn dies sind Geschichten von vorgestern. Man erinnert sie gern, aber man wiederholt sie nicht. Genau so halten es Django Deluxe mit der Musik ihres berühmten Namensgebers.

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